Europa am Abgrund: Die Staaten kämpfen gegen die Rezession

Fast sechs Monate nachdem Wladimir Putin russische Truppen in die Ukraine beordert hat, wird das Ausmaß des Schadens für die europäische Wirtschaft deutlich. Die roten Ampeln der Rezession blinken.


Der Internationale Währungsfonds hat die Wachstumsprognosen für die vier großen Volkswirtschaften der Eurozone – Deutschland, Frankreich, Italien und Spanien – für 2023 nach unten korrigiert. Die Kombination aus Krieg und höheren Zinsen bremsen die Wirtschaftstätigkeit. (The Guardian (englisch), 20.08.2022).

Europa am Abgrund: Die Staaten kämpfen gegen die Rezession
Europa am Abgrund: Die Staaten kämpfen gegen die Rezession

Großbritannien

Im Vereinigten Königreich liegt die Inflation zum ersten Mal seit 40 Jahren über 10 Prozent. Die Haushalte kämpfen mit steigenden Energierechnungen.. Die Bank of England prognostiziert, dass die Inflation im Herbst nach einem erneuten Anstieg der Energiekosten einen Höchststand von über 13 % erreichen wird. Dadurch wird die Wirtschaft in eine lang anhaltende Rezession fallen. (The Guardian (englisch), 117.08.2022).

Während Großbritannien mit zusätzlichem Druck durch den Brexit zu kämpfen hat, sind die Auswirkungen der steigenden Energiepreise, der Unterbrechung der Lieferketten, des Arbeitskräftemangels und der Dürre auch im übrigen Europa zu spüren. Analysten der Economist Intelligence Unit sind der Meinung, dass der Schmerz noch einige Zeit anhalten könnte. Denn Länder müssen sich von den russischen Kohlenwasserstoffen entwöhnen und der Aufbau von erneuerbaren Energien als Alternative braucht Zeit

„Kurzfristig erwarten wir eine Rezession in Europa im Winter 2022-23 als Folge von Energieknappheit und anhaltend hoher Inflation“, so die EIU. „Auch der Winter 2023-24 wird eine Herausforderung sein, so dass wir bis mindestens 2024 mit hoher Inflation und schleppendem Wachstum rechnen.“


Deutschland

Europas größte Volkswirtschaft befindet sich im Zentrum des Sturms. Die Energiekrise, monatelange geringe Niederschläge und ein Zusammenbruch des Welthandels ziehen das verarbeitende Gewerbe in Mitleidenschaft.. Das Wirtschaftswachstum hat sich im zweiten Quartal verlangsamt und wird in den kommenden Monaten wahrscheinlich ins Negative drehen.

„Es bedarf eines Wirtschaftswunders, damit Deutschland in der zweiten Jahreshälfte nicht in eine Rezession gerät“, sagte Carsten Brzeski von der niederländischen Bank ING. „Die Tatsache, dass das gesamte Geschäftsmodell der deutschen Wirtschaft derzeit auf dem Prüfstand steht, wird auch die Wachstumsaussichten in den kommenden Jahren belasten.“

Seit der russischen Invasion in der Ukraine ist die Inflation in ganz Europa in die Höhe geschnellt. Russland lieferte im Jahr 2020 mehr als die Hälfte des deutschen Gases und etwa ein Drittel des gesamten Öls. Seit dem Ausbruch des Krieges hat der Kreml die Lieferungen gedrosselt. Dafür macht Russland technische Probleme für den Rückgang des Volumens durch die wichtige Pipeline Nord Stream 1 verantwortlich.


Trockenheit und sengende Temperaturen haben zu einem starken Rückgang des Wasserstandes des Rheins geführt, einem wichtigen Transportweg für den dominierenden Industriesektor in Deutschland. Der Wasserstand ist unter die kritische Marke von 40 cm gesunken. Dadurch können die Lastkähne nicht mehr voll beladen werden. Einige Routen wurden gestrichen, was zu Verzögerungen für Chemieunternehmen und andere Hersteller in den industriellen Kerngebieten führte. Fabriken an den Ufern des Rheins, die auf Wasser zur Kühlung angewiesen sind, haben ebenfalls mit Problemen zu kämpfen. Kohlelieferungen an Kraftwerke,die für die Aufrechterhaltung der Stromversorgung vorgesehen waren, müssen wahrscheinlich unterbrochen werden.

Als Reaktion auf die Energiekrise wird Berlin ab Oktober und bis April 2024 eine Gasabgabe für Haushalte erheben. Damit sollen die höheren Großhandelskosten auf Haushalte und Industrie verteilt werden..

Die Regierung hat ein Energiepaket im Wert von mehr als 30 Mrd. € geschnürt. Dies umfasst das u. a. einen Pauschalbetrag von 300 € für Arbeitnehmer, zusätzliche Unterstützung für Sozialhilfeempfänger, Senkungen der Benzin- und Dieselsteuer sowie ermäßigte Bus- und Bahntickets im Wert von 9 €. Auch der deutsche Bundeskanzler Olaf Scholz hat ein neues Finanzhilfepaket versprochen.

Frankreich

Frankreich sollte dank seines großen Kernenergiesektors, der etwas mehr als 70 % der Stromerzeugung des Landes ausmacht, besser isoliert sein als viele andere europäische Länder. Jedoch das Land hat mit schwerwiegenden Störungen in alternden Reaktoren zu kämpfen. Obwohl sich die zweitgrößte Volkswirtschaft der Eurozone in einer weniger prekären Lage befindet als Deutschland, könnte es in diesem Winter dennoch zu schädlichen Stromausfällen kommen.

Das BIP stieg in Frankreich im zweiten Quartal um 0,5 %. Damit fiel es schwächer aus, als in anderen Ländern des Kontinents, wobei der Inlandsverbrauch besonders schwach war. Die Regierung hat ein Nothilfepaket im Wert von 20 Mrd. EUR geschnürt, das u. a. Steuersenkungen an den Zapfsäulen vorsieht, während der Anstieg der regulierten Strompreise auf 4 % begrenzt ist. Diese Politik wird durch die staatliche Beteiligung am Energieriesen EDF unterstützt.


Italien

Die italienische Wirtschaft hat sich in letzter Zeit wesentlich besser entwickelt als die der großen Konkurrenten in der Eurozone. Italien verzeichnete im zweiten Quartal ein Wachstum von 1 %. Doch wie Deutschland ist auch Italien in hohem Maße vom russischen Gas abhängig. Damit ist Italien nach dem Rücktritt von Mario Draghi als Ministerpräsident im Sommer mit einer neuen Welle politischer Unsicherheit konfrontiert.

Meinungsumfragen deuten auf eine Abkehr von Draghis technokratischem Ansatz nach den bevorstehenden Wahlen hin. Es wird erwartet, dass eine rechtsgerichtete Koalitionsregierung, die mit einem stark nationalistischen und protektionistischen Wirtschaftsprogramm in den Wahlkampf gezogen ist, die Wahlen gewinnt.

Wirtschaftswachstum in den großen europäischen Volkswirtschaften verlangsamt sich. Die Finanzmärkte und die Europäische Zentralbank sind sich des Risikos bewusst, dass Investoren für den Kauf italienischer Anleihen einen höheren Zinsaufschlag verlangen könnten. Mit Blick auf Italien kündigte die EZB im vergangenen Monat ein neues Finanzinstrument an. Dieses soll verhindern, dass sich höhere Zinssätze unverhältnismäßig nachteilig auf schwächere Mitgliedstaaten auswirken.


Anfang August genehmigte Italien in einer der letzten Amtshandlungen Draghis ein neues Hilfspaket im Wert von rund 17 Mrd. EUR für Verbraucher und Unternehmen. Eine Steuersenkung auf Benzin und Diesel, die diesen Monat auslaufen sollte, wurde ebenfalls bis zum 20. September verlängert.

Seit der Einführung der Einheitswährung vor fast einem Vierteljahrhundert ist Italien das schwächste Land der „großen Vier“. Italiens Lebensstandard ist kaum höher als Ende der 1990er Jahre. In diesem Jahr profitiert das Land von einem Aufschwung des Tourismus, der vor der Pandemie 13 % des BIP ausmachte.

Spanien

Wie jedes andere Land in Europa ist auch Spanien vom Krieg in Russland betroffen, aber von den vier großen Ländern hat es die besten Chancen, eine Rezession zu vermeiden, obwohl die Inflation in die Höhe schießt.

Dafür gibt es eine Reihe von Gründen. Die spanische Wirtschaft ging in einer relativ guten Verfassung in die Krise und wurde – wie Italien – durch den Anstieg des Tourismus nach der Pandemie zusätzlich angekurbelt. Der Tourismus machte vor dem Covid 12 % des spanischen BIP und einen noch größeren Anteil an der Beschäftigung aus.


Spanien ist jedoch in weitaus geringerem Maße als Italien von russischer Energie abhängig und importiert bereits in großem Umfang Flüssigerdgas aus der ganzen Welt. Das BIP stieg im zweiten Quartal um 1,1 %, und der IWF geht davon aus, dass Spanien im nächsten Jahr das am schnellsten wachsende Land der großen Vier sein wird.

Die Regierung hat Finanzhilfen und Darlehen in Höhe von 16 Milliarden Euro bereitgestellt, um Unternehmen und Haushalte bei den steigenden Energiekosten zu unterstützen.

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