In Deutschland verschärft sich zunehmend die Kritik an der Energiewende. Die neue CO2-Bilanz weist zwar sinkende Emissionen aus, die aber hauptsächlich auf den Rückgang energieintensiver Industrieproduktion zurückgehen. Gleichzeitig erfordert der weitere Ausbau von Wind- und Solarstrom milliardenschwere Investitionen in Netze, Speicher und Reservekraftwerke. Auslöser der Debatte sind damit zwei getrennte, aber folgenreiche Befunde. Erstens sinkt der CO2-Ausstoß im Inland auch deshalb, weil Betriebe weniger produzieren oder Kapazitäten verlagern. Zweitens wächst mit jeder zusätzlichen wetterabhängigen Einspeisung der Bedarf an technischer Absicherung, sodass der versprochene billige Ökostrom an der realen Kostenrechnung scheitert. Betroffen sind Industrie, Beschäftigte und private Haushalte, während die nächsten politischen Vorgaben stärker in Wohnen und Verkehr eingreifen. Genau an diesem Punkt verliert der Mythos einer billigen und folgenarmen Energiewende seine Glaubwürdigkeit (welt: 19.03.26).
Mythos vom billigen Ökostrom scheitert an der realen Kostenrechnung
Die öffentliche Debatte kreist oft um die Erzeugungskosten von Windkraft und Photovoltaik. Diese Sicht bleibt jedoch zu eng, weil sie das Gesamtsystem nicht vollständig erfasst. Strom muss jederzeit verfügbar sein, auch bei Flaute, Dunkelheit oder Netzengpässen. Deshalb braucht ein System mit hohem Anteil wetterabhängiger Quellen zusätzliche Leitungen, Speicher und Reserveleistung. Gerade diese Posten treiben die Kosten nach oben. Der Ökonom Manuel Frondel kritisiert deshalb die politische Darstellung der Lage. Er sagt: „Die erneuerbaren Energien werden hartnäckig mit unzutreffenden Behauptungen in besseres Licht gerückt, als sie das verdienen“.

Sein Einwand zielt auf die Grundannahme des gesamten Umbaus. Wären erneuerbare Energien in der Praxis tatsächlich die günstigste Technik, hätten sie kaum Subventionen von mehr als 500 Milliarden Euro gebraucht. Hinzu kommen die Folgekosten des Netzausbaus, die in den kommenden Jahren weiter steigen. Allein für neue Leitungen steht eine Summe von rund 730 Milliarden Euro im Raum. Außerdem erhöhen volatile Einspeiser den Bedarf an Eingriffen zur Netzstabilisierung. Sinkende Erzeugungskosten einzelner Ökostrom-Anlagen genügen deshalb nicht als Beweis für ein günstiges Stromsystem. Der Mythos vom billigen Ökostrom hält nur, solange diese Systemkosten aus der Rechnung verschwinden.
Nationale CO2-Emissionen verbessern sich, während die globale Bilanz kippt
Der Rückgang der deutschen CO2-Emissionen wirkt auf den ersten Blick wie ein energiepolitischer Erfolg. Diese Bewertung trägt jedoch nur, wenn man den Produktionsstandort ausblendet. Fahren Stahlwerke, Chemiebetriebe oder andere energieintensive Branchen ihre Leistung in Deutschland zurück, sinkt zwar die heimische Emission. Das Weltklima profitiert daraus aber nicht automatisch. Im besten Fall bleibt der Ausstoß gleich, weil dieselben Güter anderswo hergestellt werden. Wahrscheinlicher ist sogar ein Anstieg, weil viele Ausweichstandorte mit einem emissionsintensiveren Energiemix arbeiten.
Für Deutschland kommen zudem wirtschaftliche Schäden hinzu. Mit der Produktion verschwinden Wertschöpfung, Investitionen und industrielle Tiefe. Hohe Strompreise beschleunigen diese Entwicklung, weil Unternehmen ihre Kapazitäten dort aufbauen, wo Energie günstiger und verlässlicher verfügbar ist. Zugleich rücken Gebäude, Heizungen und Mobilität stärker in den Fokus der Politik. Damit erreichen die Kosten die Lebensrealität von Millionen Bürgern unmittelbarer als zuvor. Der Konflikt dreht sich deshalb nicht mehr nur um neue Anlagen. Er dreht sich um die Frage, ob ein Industrieland zugleich Klimaziele, bezahlbare Energie und wirtschaftliche Substanz sichern kann. Ohne ehrliche Zahlen, saubere Kostenrechnung und mehr Technologieoffenheit droht aus dem großen Umbau kein tragfähiges Modell, sondern ein struktureller Verlust an Wohlstand, Versorgungssicherheit und industrieller Leistungsfähigkeit.
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