Kohle-Comeback in Europa – Stromerzeugung aus Kohle könnte um 25 Prozent steigen

Anfang Oktober 2026 zeichnet sich in Europa eine deutliche Rückkehr zur Kohle ab. Analysten erwarten, dass die Kohleverstromung innerhalb von sechs Monaten um 25 Prozent zunimmt. Gleichzeitig könnte die Stromproduktion aus Erdgas in ähnlichem Umfang zurückgehen. Auslöser sind die stark gestiegenen Gaspreise infolge des Krieges im Nahen Osten. Kohlekraftwerke produzieren deshalb trotz hoher CO₂-Kosten inzwischen günstiger als Gaskraftwerke. Besonders Deutschland gerät dadurch in einen energiepolitischen Konflikt. Während die Bundesregierung weitere Kohlekraftwerke stilllegen will, steigt deren wirtschaftlicher Wert für die Versorgungssicherheit.

Hohe Gaspreise machen Kohleverstromung wieder rentabel. Europa setzt erneut auf Kohle, während Deutschland weitere Kraftwerke stilllegt
Hohe Gaspreise machen Kohleverstromung wieder rentabel. Europa setzt erneut auf Kohle, während Deutschland weitere Kraftwerke stilllegt
Bild: Shutterstock

Kohleverstromung wird trotz CO₂-Abgaben wieder rentabler

Die europäischen Gaspreise überschritten im September zeitweise 80 Euro je Megawattstunde. Damit erreichten sie den höchsten Stand seit drei Jahren. Zugleich verteuerten Lieferstörungen durch die Straße von Hormus den internationalen Flüssiggasmarkt. Kohlepreise stiegen dagegen wesentlich schwächer. Nach Berechnungen des Energieanalysedienstes ICIS arbeiten Kohle- und Braunkohlekraftwerke deshalb erstmals seit mindestens 2024 wieder wirtschaftlicher als vergleichbare Gaskraftwerke.

Die Unterschiede bei den Erzeugungskosten sind erheblich. Modellrechnungen beziffern die kurzfristigen Stromerzeugungskosten von Gaskraftwerken auf etwa 165 Euro je Megawattstunde. Steinkohlekraftwerke erreichen dagegen rund 100 Euro, Braunkohlekraftwerke etwa 90 Euro. Die Berechnung berücksichtigt Brennstoffpreise, Wirkungsgrade und CO₂-Zertifikate. Trotz höherer Emissionen bleibt Kohle unter diesen Marktbedingungen wirtschaftlich im Vorteil. Die tatsächlichen Kosten unterscheiden sich allerdings zwischen einzelnen Kraftwerken.


Europas Energieversorger ersetzen teures Gas durch Kohle

Die veränderte Wirtschaftlichkeit beeinflusst bereits den europäischen Kraftwerkseinsatz. Nach einer aktuellen Analyse des Rohstoffberaters CRU wechselten Stromerzeuger im September verstärkt von Gas zu Kohle. Auch für Oktober erwarten die Analysten weitere Verschiebungen. Allerdings begrenzt die vorhandene Kraftwerkskapazität den zusätzlichen Kohleeinsatz. Längst nicht jedes abgeschaltete Kraftwerk lässt sich kurzfristig reaktivieren.

Besonders bemerkenswert ist die Dauer des erwarteten Kostenvorteils. Marktanalysten rechnen damit, dass Kohle gegenüber Erdgas bis mindestens März 2028 wettbewerbsfähiger bleibt. Damit entwickelt sich die kurzfristige Reaktion auf hohe Gaspreise möglicherweise zu einem längerfristigen Trend. Für Europas Energiepolitik hat das erhebliche Konsequenzen. Denn der geplante Ersatz von Kohle durch Erdgas verteuert unter diesen Bedingungen die steuerbare Stromerzeugung.

Deutschland schaltet Kohlekraftwerke ab – obwohl sie wirtschaftlich wieder attraktiver werden

Deutschland verfolgt weiterhin den gesetzlich festgelegten Kohleausstieg bis spätestens 2038. Nordrhein-Westfalen will die Braunkohleverstromung sogar bereits 2030 beenden. Gleichzeitig hat Deutschland seine letzten Kernkraftwerke 2023 abgeschaltet. Damit sinkt die verfügbare Leistung wetterunabhängiger Kraftwerke. Die Bundesnetzagentur bestätigte Anfang September, dass bereits zahlreiche Kohlekraftwerke den Markt verlassen haben. Die Stilllegungen reichen sogar aus, um das gesetzliche Reduktionsziel für 2029 zu unterschreiten.

Dabei bleibt Kohle für die deutsche Stromversorgung weiterhin bedeutend. Im ersten Halbjahr 2026 lieferten Kohlekraftwerke 49,4 Milliarden Kilowattstunden Strom. Das entsprach 21,4 Prozent der deutschen Stromerzeugung. Erdgas erreichte dagegen 16,5 Prozent. Allerdings sank die tatsächliche Kohleverstromung gegenüber dem Vorjahreszeitraum leicht um 0,5 Prozent. Die europäische Wachstumsprognose von 25 Prozent bedeutet deshalb noch keinen nachgewiesenen Produktionsanstieg in Deutschland.


Bundesregierung prüft Kohleeinsatz zur Senkung der Strompreise

Die Bundesregierung beschäftigt sich inzwischen auch mit der Nutzung bestehender Reservekraftwerke zur Dämpfung der Strompreise. Das Bundeswirtschaftsministerium bestätigte Ende August entsprechende Prüfungen. Allerdings verhindern wirtschaftliche, technische und europarechtliche Schwierigkeiten bislang eine Entscheidung. Zudem sind viele Kohlekraftwerke in der Netzreserve alt und vergleichsweise ineffizient. Ein wirtschaftlich attraktiver Dauerbetrieb ist deshalb nicht für jede Anlage gewährleistet.

Gleichzeitig setzt die Bundesregierung auf zusätzliche Gaskraftwerke, um den Wegfall von Kohlekapazitäten auszugleichen. Diese Strategie erhöht jedoch die Abhängigkeit von importiertem Erdgas. Hohe Brennstoffpreise verteuern den Betrieb, während neue Anlagen zusätzliche Investitionen erfordern. Die aktuelle Entwicklung zeigt damit einen grundlegenden Widerspruch der deutschen Energiepolitik. Ausgerechnet der Energieträger, den Deutschland politisch abschaffen will, gewinnt am europäischen Strommarkt wieder an wirtschaftlicher Bedeutung. Ohne ausreichend günstige und gesicherte Alternativen drohen deshalb langfristig höhere Kosten für die Stromversorgung.

Verfasser: Blackout News
Verwendete Quellen: Reuters (09.10.26) – S&P Global (30.09.26) – CRU (28.09.26)

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