Bundesregierung prüft Kohlekraftwerke aus der Reserve gegen hohe Strompreise

Berlin – Das Bundeswirtschaftsministerium prüft, ob Kohlekraftwerke aus der Reserve häufiger Strom erzeugen sollen. Auslöser ist ein Vorstoß von Unionsfraktionsvize Sepp Müller wegen hoher Gas- und Strompreise. Die Anlagen könnten Gas in der Stromerzeugung ersetzen und damit auch den Speicheraufbau erleichtern. Allerdings sind viele Reserveblöcke alt und ineffizient. Außerdem bestehen wirtschaftliche, technische und europarechtliche Hürden.


Hohe Gaspreise bringen alte Kraftwerke wieder ins Gespräch

Müller fordert, Reserveanlagen wieder dauerhaft am Strommarkt einzusetzen. Die Kohlekraftwerke sollen nach seinem Vorschlag laufen, bis ausreichend neue steuerbare Kraftwerke bereitstehen. Er nennt dafür einen Zeitraum bis etwa 2030 oder 2031. Dadurch würde Deutschland weniger Gas verstromen und könnte deshalb größere Mengen für andere Verbraucher oder die Speicher nutzen.

Kohlekraftwerke aus der Reserve könnten Gas sparen. Das Wirtschaftsministerium prüft den Einsatz gegen hohe Strompreise
Kohlekraftwerke aus der Reserve könnten Gas sparen. Das Wirtschaftsministerium prüft den Einsatz gegen hohe Strompreise
Bild: Shutterstock

Der wirtschaftliche Hintergrund ist erheblich. Im zweiten Quartal 2026 kostete Strom im deutschen Day-Ahead-Handel durchschnittlich 95,21 Euro je Megawattstunde. Ein Jahr zuvor waren es noch 69,73 Euro. Gleichzeitig lagen die Gas-Großhandelspreise rund 25 Prozent über dem Vorjahresniveau. Außerdem stieg die Stromproduktion aus Erdgas trotz der höheren Brennstoffkosten.

Kohlekraftwerke in der Netzreserve erfüllen bisher eine andere Aufgabe

Die Netzreserve dient jedoch nicht dazu, möglichst billigen Strom für den Markt zu erzeugen. Übertragungsnetzbetreiber greifen darauf zurück, wenn Engpässe im Stromnetz einen sicheren Betrieb gefährden. Für den Winter 2026/27 hat die Bundesnetzagentur einen Bedarf von 7.407 Megawatt festgestellt. Davon sollen deutsche Reserveanlagen 4.742 Megawatt bereitstellen. Weitere 2.665 Megawatt müssen deshalb aus Kraftwerken im Ausland kommen.

Auch die Reserve selbst verursacht bereits hohe Kosten. Im ersten Quartal 2026 kosteten Vorhaltung und Einsatz der Reservekraftwerke zusammen rund 430 Millionen Euro. Gegenüber dem Vorjahresquartal entspricht das einem Anstieg um etwa 21 Prozent. Außerdem sind ältere Kohleblöcke häufig weniger effizient als moderne Kraftwerke. Bei einem dauerhaften Marktbetrieb kämen Brennstoff- und CO₂-Kosten hinzu.


Neue steuerbare Kraftwerke stehen nicht sofort bereit

Deutschland will deshalb zusätzliche gesicherte Leistung aufbauen. Das Strom-Versorgungssicherheits- und Kapazitätengesetz schafft dafür einen neuen Rahmen. Im September und Dezember 2026 sollen zusammen rund zehn Gigawatt Langzeitkapazität ausgeschrieben werden. Weitere zwei Gigawatt folgen im Mai 2027. Die neuen Anlagen sollen spätestens zu Beginn der 2030er Jahre ausreichend steuerbare Leistung bereitstellen.

Bis dahin bleibt eine zeitliche Lücke zwischen Kohleausstieg und neuen Kapazitäten. Bundeskanzler Friedrich Merz hält jedoch am gesetzlichen Ausstiegsziel spätestens 2038 fest. Zugleich müssen Ersatzkraftwerke rechtzeitig zur Verfügung stehen. Genau deshalb könnten vorhandene Kohlekraftwerke für einige Jahre erneut größere Bedeutung erhalten. Ob das tatsächlich die Strompreise senkt, hängt jedoch von Brennstoffkosten, CO₂-Preisen, Wirkungsgraden und den Regeln des europäischen Strommarktes ab.

Verfasser: Blackout News
Verwendete Quellen: Die Zeit (31.08.26)WirtschaftsWoche (29.08.26)

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