Gewinnt Europa den Gaskrieg gegen Russland?

Die Gaspreise sind seit dem Erreichen des Allzeithochs im August um fast 65 Prozent gefallen. Die Gasspeicher in ganz Europa sind bis zum Bersten gefüllt, um Haushalte und Industrie in diesem Winter zu versorgen. Sogar Tanker für verflüssigtes Erdgas auf See sind jetzt so zahlreich, dass sich vor den europäischen Terminals Staus bilden. Der befürchtete frühe und harte Winter blieb bisher aus. Europas Gasversorgung hat sich in den letzten Wochen deutlich verbessert. Das überdurchschnittlich warme Wetter in den letzten Wochen hat den Beginn der Heizsaison verzögert und einen größeren Gaspuffer für die Wintermonate hinterlassen. Gleichzeitig haben die europäischen Unternehmen ihren Verbrauch stark gesenkt. Angesichts des Ausmaßes der verbleibenden Herausforderung ist es aber gefährlich zu glauben, dass die Energiekrise bereits gelöst wurde. Ob Europa den Gaskrieg gegen Russland gewinnt, hängt auch vom übernächsten Winter ab.


Obwohl die Gaspreise gefallen sind, bleiben sie weiterhin sehr hoch

Die Gaspreise bleiben immer noch atemberaubend hoch, insbesondere für Anfang nächsten Jahres. Wenn das kalte Wetter schließlich einsetzt, könnten Europas Gasreserven schnell aufgebraucht sein. Bereits zu Weihnachten könnte es immer noch zu extremen Versorgungsengpässen kommen. Gas zu einem Preis von 115 Euro pro Megawattstunde entspricht immer noch fast 180 Dollar pro Barrel Öl. Kontrakte im Dezember und Januar liegen noch über 230 Dollar pro Barreläquivalent (Ft: 29.20.22).

„Das Bild in Europa ist, dass die Leute ein bisschen selbstgefällig sind, die Preise sind etwas gesunken, die Lager sind voll, aber es ist zu früh, um zu sagen, dass es gut wird“, sagte Alex Tuckett, von der Rohstoffberatung CRU Group. „Man weiß nicht, wie kalt der Winter wird, wir sind nicht in der Heizperiode. Die große Variable ist das Wetter.“ Andere sind etwas optimistischer: Henning Gloystein von der Eurasia Group argumentiert, dass Europa es sich leisten kann, etwas zuversichtlicher zu sein, nachdem es seine Speicheranlagen im Sommer erfolgreich gefüllt hat. Das Gas in den Speichern reiche für etwa zwei Monate. „Volle Lagertanks machen eine strenge Energierationierung im Winter oder sogar Stromausfälle unwahrscheinlicher und verringern möglicherweise eine erwartete Rezession, obwohl sie sie nicht verhindern“, sagte Gloystein.

Obwohl die Gaspreise gefallen sind, bleiben sie weiterhin sehr hoch. Im Gaskrieg ist  Versorgung für den Winter 2023/24 noch nicht gesichert
Obwohl die Gaspreise gefallen sind, bleiben sie weiterhin sehr hoch. Im Gaskrieg ist Versorgung für den Winter 2023/24 noch nicht gesichert
Bild: 青空白帆, CC BY 2.1 JP, via Wikimedia Commons

Größter Unsicherheitsfaktor bleibt das Wetter

Aber die Auswirkung des Wetters auf dem Gasmarkt bedeutet, dass auch Gloystein nicht sagen kann, dass das Schlimmste definitiv vorbei ist. Wenn der Winter mild ist, könnte Deutschland die Saison mit fast halbvollen Speichern beenden. Aber wenn es nur etwas kälter als normal wird, dann „würden die deutschen Gasvorräte bis Ende März praktisch erschöpft sein, was möglicherweise eine späte Winterrationierung oder Lieferkürzungen erforderlich machen würde“, sagte Gloystein.

Das führt zu einer der größten Befürchtungen der Branche: Selbst wenn Europa diesen Winter überstehen kann, könnte das nächste Jahr noch schlimmer werden. Der Frühling wird eine gewisse Atempause von der unmittelbaren Krise bringen. Aber der Gaspreis hört nicht auf zu steigen. Wenn der Heizwärmebedarf sinkt, beginnt der Wettlauf um das Nachfüllen des Speichers von Neuem. Aber anders als in den ersten sechs Monaten des Jahres 2022, als russische Lieferungen trotz Moskaus Invasion in der Ukraine noch weitgehend nach Europa flossen, muss davon ausgegangen werden, dass die russischen Lieferungen dieses Mal nahe Null sein werden. Damit werden die Auswirkungen im Gaskrieg mit Russland erst im Frühjahr nächsten Jahres richtig sichtbar.


Gasversorgung für den Winter 2023/24 noch nicht gesichert

Dem europäischen Kontinent steht also ein harter Kampf im Gaskrieg bevor, um so stark wie heute in den Winter 2023/24 zu starten. Europa hat bereits fast jede verfügbare Gasquelle erschlossen, von erhöhten LNG-Importen bis hin zur monatelangen Aufforderung an Norwegen, die Produktion zu maximieren. Bis Mitte dieses Jahrzehnts ist weltweit nur wenig Angebotserweiterung zu erwarten. Die EU wird ihre Fähigkeit zum Import von LNG über schwimmende Terminals in Deutschland und den Niederlanden verbessern, aber die europäischen Staaten werden um denselben begrenzten Versorgungspool konkurrieren. Ohne russisches Gas wird die EU in den nächsten 12 Monaten noch mehr LNG benötigen. Der Terminmarkt spiegelt diese Bedenken bereits wider, wobei Kontrakte selbst für das erste Quartal 2024 über 200 USD pro Barrel-Äquivalent gehandelt werden.

Preise könnten wieder steigen, wenn Langzeitkontrakte auslaufen

Niedrigere Preise könnten immer noch eintreten. Energiemanager in Europa glauben, dass das volle Ausmaß der Nachfragezerstörung noch nicht absehbar ist, da einige Unternehmen noch durch langfristige Verträge geschützt sind, die sie mit Gas zu Preisen versorgen, die weit unter den Marktpreisen liegen. Wenn die Verträge in den kommenden Monaten auslaufen, sollten wir damit rechnen, dass mehr Unternehmen, die anfällig für Energiepreisschocks sind, pleitegehen. Es ist die klassische Art des Marktes, die Nachfrage zu senken. Aber erwarten Sie nicht, dass diejenigen, die ihr Einkommen verlieren, darüber jubeln, dass Gas dadurch vielleicht etwas billiger wird.

Wenn Frankreich seine abgeschaltete Nuklearflotte wieder ans Netz zurückbringt, könnte es eine positivere Gnadenfrist geben, da auf dem gesamten Kontinent weniger Gas für Strom verbrannt werden muss. Das wahrscheinlichste Ergebnis bleibt jedoch, dass die Regierungen in den nächsten 18 Monaten immer noch auf der Suche nach erheblicher Unterstützung für die Haushalte sein werden. Auch die Verschärfung der Haushaltsbudgets der Mittelschicht dürfte den wirtschaftlichen Druck erhöhen. Gewinnt Europa den Gaskrieg? Langfristig wird sich zeigen, dass die Marktwirtschaften einen Weg finden können. Der Gaskrieg wird allerdings mit sehr viel Leid verbunden sein.

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