Gasmangel droht – ausgerechnet teures Erdgas muss das Stromnetz stabilisieren

Ein Kommentar unseres Autors Klaus Bastian:

Deutschland geht mit bedenklich niedrigen Gasreserven und erheblich gestiegenen Energiepreisen in den Winter. Mitte Oktober waren die Gasspeicher lediglich zu 60,1 Prozent gefüllt. Gleichzeitig verschärfen internationale Lieferprobleme und europäische Importbeschränkungen die Lage. Besonders widersprüchlich ist jedoch die deutsche Energiepolitik. Ausgerechnet das knappe und teure Erdgas wird in Gaskraftwerken benötigt, um bei fehlendem Wind- und Solarstrom die Versorgung zu sichern und das Stromnetz bei Engpässen zu stabilisieren. Damit konkurrieren Industrie, Wärmeversorgung und Stromerzeugung um denselben Energieträger. Ein möglicher Gasmangel könnte deshalb nicht nur die Heizkosten, sondern auch die Strompreise weiter erhöhen.

Gasmangel droht: Ausgerechnet knappes und teures Erdgas muss das Stromnetz stabilisieren. Die Kosten der Energiewende steigen weiter
Gasmangel droht: Ausgerechnet knappes und teures Erdgas muss das Stromnetz stabilisieren. Die Kosten der Energiewende steigen weiter
Bild: Shutterstock

Gasmangel macht Deutschlands energiepolitische Abhängigkeit sichtbar

Die deutschen Gasspeicher erreichten am 15. Oktober lediglich 60,1 Prozent ihrer Kapazität. Gleichzeitig haben sich die europäischen Großhandelspreise gegenüber Ende 2025 nahezu verdreifacht. Die Bundesnetzagentur sieht derzeit zwar keine akute Versorgungsgefährdung. Doch die vergleichsweise geringen Reserven machen Deutschland anfälliger für Kälteperioden und Lieferstörungen. Statt verlässlicher heimischer Erzeugungskapazitäten wächst die Bedeutung internationaler Gasmärkte. Die Preisentwicklung trifft damit eine Wirtschaft, die bereits unter hohen Energiekosten leidet.

Besonders schwer wiegt der Widerspruch im Stromsystem. Deutschland ersetzt regelbare Kraftwerkskapazitäten zunehmend durch wetterabhängige Wind- und Solaranlagen. Gleichzeitig benötigt das Stromnetz weiterhin jederzeit gesicherte Leistung. Fehlen Wind und Sonne, müssen Gaskraftwerke und andere flexible Erzeuger einspringen. Damit wird ausgerechnet jener Energieträger benötigt, dessen Beschaffung immer teurer wird. Eine Energiepolitik, die günstigen Strom verspricht, muss deshalb erklären, warum ihre Absicherung zunehmend kostspielige Reserven verlangt.


Teures Erdgas soll ausgleichen, was Wind und Sonne nicht liefern

Während einer Dunkelflaute sinkt die Einspeisung aus Wind- und Solaranlagen erheblich. Der Stromverbrauch von Industrie und Haushalten bleibt jedoch bestehen. Gaskraftwerke können fehlende Leistung schnell bereitstellen, benötigen dafür allerdings große Brennstoffmengen. Steigende Gaspreise verteuern deshalb auch die Stromerzeugung dieser Anlagen. Besonders problematisch wird dies, wenn Gaskraftwerke den Großhandelspreis bestimmen. Dann kann teures Erdgas weit über die tatsächlich gasbasierte Strommenge hinaus die Strompreise beeinflussen.

Noch absurder erscheint die Situation beim Engpassmanagement. Im Norden müssen Netzbetreiber zeitweise Windanlagen abregeln, weil Leitungen den Strom nicht vollständig transportieren können. Gleichzeitig erhöhen Kraftwerke hinter dem Engpass ihre Einspeisung. Dabei können auch gasbetriebene Anlagen zum Einsatz kommen. Deutschland bezahlt damit unter bestimmten Netzbedingungen für abgeregelte erneuerbare Erzeugung und zusätzlich für konventionellen Ersatz. Der technische Zweck ist die Netzsicherheit, doch wirtschaftlich bleibt dieses Nebeneinander kostspielig.

Reservekraftwerke kosten Milliarden – der Netzausbau verschlingt weitere Mittel

Für den Winter 2026/2027 bestätigte die Bundesnetzagentur einen Netzreservebedarf von 7.407 Megawatt. Davon müssen 2.665 Megawatt aus Kraftwerken im Ausland kommen. Bereits für 2028/2029 erwarten die Netzbetreiber einen Bedarf von 8.274 Megawatt. Diese Netzreserve dient allerdings vor allem der Beherrschung von Leitungsengpässen und besteht nicht ausschließlich aus Gaskraftwerken. Dennoch verdeutlichen die Zahlen die Abhängigkeit von konventionellen Erzeugungsanlagen. Der Ausbau erneuerbarer Energien macht ihre Vorhaltung bislang keineswegs überflüssig.

Gleichzeitig steigen die Kosten für den Stromtransport. Die Übertragungsnetzentgelte erhöhen sich 2027 von 2,86 auf 3,54 Cent je Kilowattstunde. Ohne Bundeszuschuss lägen sie sogar bei 6,52 Cent. Der Staat soll deshalb weitere 5,525 Milliarden Euro zur Entlastung bereitstellen. Doch diese Milliarden verschwinden nicht aus der volkswirtschaftlichen Rechnung. Sie belasten lediglich den Bundeshaushalt statt unmittelbar die Netznutzer. Die Energiewende wird dadurch nicht günstiger, sondern ihre tatsächliche Kostenbelastung weniger sichtbar.

Brüssel erschwert die Gasbeschaffung und diskutiert anschließend Ausnahmen

Zur angespannten Versorgungslage kommen zusätzliche europäische Vorgaben. Ab 2027 sollen weitere Beschränkungen für russische Flüssiggaslieferungen greifen. Gleichzeitig kritisieren wichtige Exportländer die geplanten Nachweispflichten der EU-Methanverordnung. Erst am 14. Oktober schlug die EU-Kommission eine Verschiebung wesentlicher Importanforderungen auf 2028 vor. Die europäischen Gesetzgeber müssen darüber jedoch noch entscheiden. Damit entsteht zusätzliche Unsicherheit für langfristige Beschaffungsverträge. Gerade bei knappen Gasreserven erscheint diese Kombination aus Importbeschränkungen und neuen Auflagen wirtschaftlich besonders problematisch.

Die Bundesregierung plant inzwischen sogar eine zusätzliche strategische Gasreserve von 24 Terawattstunden. Die Kosten sollen nach einem Gesetzentwurf über eine neue Umlage finanziert werden. Für Haushalte könnten dadurch jährlich bis zu 7,20 Euro zusätzlich entstehen. Damit sollen Verbraucher erneut für Maßnahmen zur Versorgungssicherheit bezahlen. Zugleich bleibt Erdgas für Heizung, Industrie und Stromerzeugung unverzichtbar. Politisch angekündigte Entlastungen verlieren an Wirkung, wenn gleichzeitig neue Kosten entstehen.


Die Energiewende braucht eine Gesamtrechnung statt immer neuer Subventionen

Eine aktuelle Prognos-Studie beziffert den Investitionsbedarf für die Klimaneutralität bis 2045 auf rund sechs Billionen Euro. Davon sind allerdings nur etwa 65 Milliarden Euro jährlich zusätzliche Investitionen gegenüber einem konventionellen Referenzpfad. Trotzdem bleibt die Finanzierung von Netzen, Speichern und Reservekapazitäten eine gewaltige Aufgabe. Entscheidend sind deshalb nicht allein die Erzeugungskosten einzelner Wind- oder Solaranlagen. Strom muss jederzeit verfügbar sein und zuverlässig zu den Verbrauchern gelangen. Solange dafür teures Erdgas, zusätzliche Kraftwerke und milliardenschwere Netze benötigt werden, darf die Politik diese Systemkosten nicht ausblenden.

Die deutsche Energiepolitik muss sich deshalb an den tatsächlichen Gesamtkosten und an gesicherter Leistung messen lassen. Der Kernkonflikt bleibt offensichtlich. Deutschland will seine Abhängigkeit von fossilen Energieträgern verringern, benötigt aber weiterhin Erdgas zur Absicherung der Stromversorgung. Gleichzeitig verteuern Netzengpässe, Reservekapazitäten und staatliche Finanzierungshilfen das System. Ein tatsächlicher Gasmangel ist derzeit nicht festgestellt, doch das wirtschaftliche Risiko besteht bereits. Für die Industrie zählt am Ende nicht die installierte Leistung erneuerbarer Anlagen, sondern bezahlbarer Strom zu jeder Stunde. Ohne eine konsequente Gesamtkostenbetrachtung drohen weitere Standortnachteile und steigende Belastungen für Verbraucher.

Verfasser: Klaus Bastian – Blackout News
Verwendete Quellen: Wall Strreet Journal (19.10.26) – Bundesnetzagentur (16.10.26) – Reuters (14.10.26) – Transnet BW (01.10.26)

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