Deutschlands Energiewende gefährdet Europas Unabhängigkeit – China profitiert vom Sonderweg

Ein Kommentar unsers Autors Klaus Bastian:

Deutschlands energiepolitischer Sonderweg entwickelt sich zunehmend zu einem strategischen Problem für ganz Europa. Während Berlin den Ausbau erneuerbarer Energien vorantreibt, wachsen die technologischen und wirtschaftlichen Abhängigkeiten von China. Nach der früheren Abhängigkeit von russischem Erdgas entstehen damit neue Risiken für Europas Unabhängigkeit. Gleichzeitig hat Deutschland seine Kernkraftwerke abgeschaltet, während zahlreiche europäische Nachbarstaaten weiterhin auf Kernenergie setzen. Hinzu kommen Netzengpässe und ein steigender Bedarf an ausländischen Reservekraftwerken. Die Folgen reichen deshalb weit über den deutschen Strommarkt hinaus. Denn Europas Versorgungssicherheit, industrielle Wettbewerbsfähigkeit und politische Handlungsfreiheit hängen zunehmend von gemeinsamen energiepolitischen Entscheidungen ab.

Deutschlands Sonderweg schafft neue Abhängigkeiten von China. Europas Unabhängigkeit, Industrie und Versorgungssicherheit geraten in Gefahr
Deutschlands Sonderweg schafft neue Abhängigkeiten von China. Europas Unabhängigkeit, Industrie und Versorgungssicherheit geraten in Gefahr
Bild: Shutterstock

Deutschlands Energiewende schafft neue Abhängigkeiten statt Unabhängigkeit

Der russische Angriff auf die Ukraine hat die Gefahren einseitiger Energieabhängigkeiten deutlich gemacht. Deutschland hatte zuvor über Jahrzehnte seine Abhängigkeit von russischem Erdgas ausgebaut. Diese Politik erwies sich spätestens 2022 als schwerwiegende strategische Schwachstelle. Dennoch entstehen beim Umbau der Energieversorgung erneut hoch konzentrierte internationale Lieferketten. Diesmal profitieren vor allem chinesische Unternehmen, die zahlreiche Schlüsseltechnologien beherrschen.

China kontrolliert laut Internationaler Energieagentur rund 85 Prozent der globalen Produktionskapazitäten entlang der solaren Lieferkette. Bei Solarwafern erreicht der chinesische Anteil sogar 95 Prozent. Auch rund 80 Prozent der weltweiten Batteriefertigungskapazitäten befinden sich in China. Hinzu kommt eine starke Stellung bei Wechselrichtern, Windkraftkomponenten und der Verarbeitung kritischer Rohstoffe. Damit drohen Deutschland und Europa neue wirtschaftliche Abhängigkeiten von einer autoritär regierten Weltmacht.


Das versprochene grüne Wirtschaftswunder findet in China statt

Die Energiewende sollte Deutschland zum führenden Industriestandort für klimafreundliche Technologien machen. Tatsächlich entstehen jedoch erhebliche Teile der damit verbundenen Wertschöpfung in China. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes stammten 2025 bereits 88 Prozent der deutschen Solarimporte aus der Volksrepublik. Der Importwert erreichte 1,8 Milliarden Euro, während deutsche Exporte auf 358 Millionen Euro zurückgingen. Deutschland schafft damit Absatzmärkte, von denen ausländische Hersteller besonders stark profitieren.

Diese Entwicklung betrifft längst nicht mehr nur Photovoltaikanlagen. Chinesische Unternehmen dominieren wichtige Produktionsstufen bei Batteriespeichern und Elektroautos. Zugleich wachsen ihre Fertigungskapazitäten bei Windkraftanlagen, Wärmepumpen und deren Komponenten. Europäische Hersteller müssen dagegen mit höheren Energie- und Produktionskosten konkurrieren. Die Internationale Energieagentur erwartet deshalb weiterhin eine starke chinesische Exportposition. Im Basisszenario könnten Chinas Nettoexporte wichtiger Energietechnologien bis 2035 einen Wert von 375 Milliarden US-Dollar erreichen.

Deutschlands Sonderweg beeinträchtigt Europas Unabhängigkeit

Deutschland hat 2023 seine letzten Kernkraftwerke abgeschaltet, während andere europäische Staaten ihre nuklearen Kapazitäten erhalten oder ausbauen. Frankreich setzt weiterhin auf Kernenergie, während Polen neue Reaktoren plant. Gleichzeitig treibt die Europäische Kommission eine gemeinsame Strategie für kleine modulare Kernreaktoren voran. Die Mitgliedstaaten planen bis 2050 Investitionen von rund 241 Milliarden Euro in bestehende und neue Kernkraftwerke. Deutschland beteiligt sich jedoch nicht mit eigenen Neubauvorhaben an dieser Entwicklung.

Dagegen benötigt das deutsche Stromsystem weiterhin umfangreiche Unterstützung durch den europäischen Kraftwerksverbund. Für den Winter 2026/2027 bestätigte die Bundesnetzagentur einen Netzreservebedarf von 7.407 Megawatt. Davon sollen 2.665 Megawatt durch Kraftwerke im benachbarten Ausland bereitgestellt werden. Diese Kapazitäten dienen der Absicherung von Netzengpässen und nicht unmittelbar dem Ausgleich einer allgemeinen Stromknappheit. Dennoch verdeutlicht ihre Notwendigkeit die Folgen des verzögerten deutschen Netzausbaus. Deutschlands nationale Entscheidungen beeinflussen damit auch die Kraftwerksplanung und Netzsicherheit europäischer Nachbarstaaten.

Chinas Technologiemacht gefährdet Europas strategische Sicherheit

Die Abhängigkeit von China reicht inzwischen weit über die Energieversorgung hinaus. Besonders kritisch sind Seltene Erden für Windkraftanlagen, Elektromotoren und militärische Technologien. China kontrolliert zudem große Teile der Verarbeitung von Lithium, Kobalt und Graphit. Laut Internationaler Energieagentur könnten bereits einmonatige Unterbrechungen chinesischer Batterieexporte erhebliche Produktionsausfälle außerhalb Chinas verursachen. Für die europäische Automobilindustrie wäre dies besonders problematisch. Damit berühren energiepolitische Entscheidungen unmittelbar die industrielle und sicherheitspolitische Handlungsfähigkeit Europas.

Der Spionageverdacht gegen den früheren BND-Präsidenten August Hanning hat die Debatte über Deutschlands Sicherheitsstrukturen zusätzlich verschärft. Ermittler nahmen ihn am 6. Oktober wegen des Verdachts auf versuchten Landesverrat und geheimdienstliche Agententätigkeit fest. Sein Anwalt bestreitet die Vorwürfe. Eine Verbindung zur Energiewende ist bislang nicht belegt. Der Fall unterstreicht jedoch die Bedeutung wirksamer Sicherheitsstrukturen im Umgang mit ausländischen Nachrichtendiensten. Gerade deshalb müssen auch wirtschaftliche und technologische Abhängigkeiten unter sicherheitspolitischen Gesichtspunkten geprüft werden.


Europas Unabhängigkeit braucht eine gemeinsame Energiestrategie

Ein möglicher Ausweg wäre eine gesamteuropäische Strategie zur langfristigen Absicherung der Stromversorgung. Dabei könnte Kernenergie eine größere gemeinsame Rolle übernehmen, ohne dass Deutschland zwingend eigene Reaktoren neu errichten müsste. Voraussetzung wären grenzüberschreitende Investitionen, langfristige Lieferverträge und europäische Fertigungskapazitäten. Zugleich müssten Brennstoffe und Schlüsselkomponenten aus möglichst unterschiedlichen Lieferländern stammen. Denn auch Kernenergie ist nicht automatisch frei von internationalen Abhängigkeiten.

Der Kern des deutschen Sonderwegs liegt in der nationalen Festlegung auf bestimmte Technologien und dem gleichzeitigen Verzicht auf andere Erzeugungsformen. Während Europa seine Energieversorgung zunehmend als Sicherheits- und Industriefrage betrachtet, verfolgt Deutschland weiterhin eigene energiepolitische Prioritäten. Die dadurch entstehenden Abhängigkeiten betreffen jedoch nicht nur deutsche Verbraucher und Unternehmen. Sie reichen über europäische Stromnetze bis zu industriellen Lieferketten und strategischen Sicherheitsinteressen. Das grüne Wirtschaftswunder schafft erhebliche Wertschöpfung in China, während Europa seine technologische Unabhängigkeit erst noch sichern muss. Eine gemeinsame europäische Energiestrategie müsste deshalb Versorgungssicherheit, industrielle Wettbewerbsfähigkeit und geopolitische Risiken stärker miteinander verbinden.

Verfasser: Klaus Bastian – Blackout News
Verwendete Quellen: AP News (10.10.26) – The Guardian (09.10.26) – Financial Times (09.10.26) – Reuters (07.10.236) – Starke-Meinung (09.10.26)

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