Deutschlands Stromnetzausbau entwickelt sich zu einem milliardenschweren Planungsdesaster. Von 7.970 Kilometern ursprünglich längst vorgesehenen Höchstspannungsleitungen waren Mitte Oktober erst 2.929 Kilometer fertiggestellt. Mehr als 5.000 Kilometer fehlen, obwohl die wichtigsten Verbindungen seit Jahren Strom transportieren sollten. Einzelne Großprojekte liegen neun Jahre, andere Netzausbauvorhaben sogar mehr als zehn Jahre hinter ihren#m ursprünglichen Plan. Gleichzeitig hat Deutschland seine letzten Atomkraftwerke abgeschaltet und den Ausbau erneuerbarer Energien vorangetrieben. Nun müssen Netzbetreiber Wind- und Solaranlagen wegen fehlender Transportkapazitäten abregeln. Die Folgen sind Milliardenkosten, die Verbraucher und Wirtschaft mitfinanzieren.

Bild: ©Transnet BW
Stromnetzausbau scheitert seit Jahren am eigenen Plan
Das Ausmaß der Verzögerungen zeigt eine Auswertung der Bundesnetzagentur-Daten. Gerade einmal 37 Prozent der ursprünglich bis heute vorgesehenen Leitungsstrecken sind fertiggestellt. Dabei bedeutet ein abgeschlossener Bauabschnitt noch lange nicht, dass darüber bereits Strom fließen kann. Viele Leitungen gehen erst nach Fertigstellung sämtlicher Teilstücke in Betrieb. Der tatsächliche Nutzen des bisherigen Ausbaus bleibt deshalb hinter den reinen Kilometerzahlen zurück.
Besonders schwer wiegt das Versagen bei den vier großen Nord-Süd-Stromtrassen. Bereits 2013 beschloss die Bundesregierung diese zentralen Infrastrukturprojekte. Spätestens 2022 sollten sie zehn Gigawatt Übertragungsleistung für Süddeutschland bereitstellen. Doch selbst die vollständigen Genehmigungen lagen erst 2025 vor. Zu diesem Zeitpunkt hätten einzelne Leitungen bereits seit acht Jahren Strom liefern sollen. Die Energiepolitik verfehlte damit ihre eigenen grundlegenden Infrastrukturziele um nahezu ein Jahrzehnt.
Atomkraftwerke abgeschaltet – entscheidende Stromleitungen fehlen bis heute
Die ursprünglichen Termine zeigen, wie weit Planung und Wirklichkeit auseinanderliegen. Ultranet sollte bereits 2017 fertig sein, wird jedoch frühestens Ende 2026 in Betrieb gehen. A-Nord verschiebt sich von 2020 auf Mitte 2027. Beim SuedLink werden aus den geplanten Fertigstellungsterminen 2019 und 2022 nun voraussichtlich Ende 2028. SuedOstLink soll statt 2022 erst 2027 fertig werden. Eine später ergänzte Verlängerung ist sogar erst für 2032 vorgesehen.
Währenddessen schaltete Deutschland im April 2023 seine letzten Atomkraftwerke ab. Damit verschwanden weitere gesicherte Erzeugungskapazitäten aus dem süddeutschen Stromsystem, obwohl die geplanten Nord-Süd-Verbindungen weiterhin fehlten. Bayern, Baden-Württemberg und Hessen sind deshalb besonders auf Stromlieferungen aus anderen Regionen angewiesen. Das europäische Verbundnetz sichert zwar weiterhin die Versorgung. Allerdings erhöhen fehlende innerdeutsche Transportkapazitäten den Aufwand für den Netzbetrieb. Deutschland setzte damit grundlegende Änderungen seiner Stromerzeugung um, bevor wichtige Voraussetzungen für den Stromtransport erfüllt waren.
Politische Entscheidungen machten den Netzausbau teurer und langsamer
Die jahrelangen Verzögerungen sind keineswegs ausschließlich auf technische Schwierigkeiten zurückzuführen. Im Jahr 2015 änderte die Bundesregierung die Planung wichtiger Stromautobahnen grundlegend. Statt überwiegend Freileitungen sollten verstärkt Erdkabel zum Einsatz kommen. Die Politik wollte damit Widerstände gegen neue Strommasten reduzieren. Doch die Entscheidung erzwang umfangreiche Neuplanungen und erhöhte die Baukosten erheblich.
Hinzu kamen langwierige Genehmigungen, komplizierte Planungsverfahren und Engpässe bei Fachkräften und Bauteilen. Zwar hat die Politik inzwischen verschiedene Verfahren beschleunigt, doch die ursprünglichen Fertigstellungstermine bleiben unerreichbar. Mehr als 100 Einzelprojekte gehören inzwischen zum gesetzlichen Ausbauprogramm. Die meisten wurden verspätet fertiggestellt oder befinden sich weiterhin im Verzug. Der insgesamt vorgesehene Ausbau von knapp 17.000 Kilometern dürfte deshalb frühestens in den 2030er-Jahren abgeschlossen sein.
Milliardenkosten für Stromkunden – weil die Infrastruktur fehlt
Das Planungsdesaster verursacht längst konkrete wirtschaftliche Schäden. Im Jahr 2025 mussten Netzbetreiber die Einspeisung von knapp 9,4 Terawattstunden erneuerbarem Strom wegen Netzengpässen verhindern. Das entsprach rund vier Prozent der erneuerbaren Stromerzeugung. Gleichzeitig mussten andere Kraftwerke ihre Produktion anpassen, damit das Stromnetz stabil blieb. Für abgeregelte Anlagen fallen außerdem Entschädigungen an. Einen erheblichen Teil dieser Kosten tragen letztlich Stromkunden und Staat.
Das Energiewirtschaftliche Institut der Universität zu Köln beziffert das mögliche jährliche Einsparpotenzial rechtzeitig fertiggestellter Nord-Süd-Leitungen auf mindestens 1,4 Milliarden Euro. Für drei Jahre ergibt sich daraus ein Betrag von mehr als vier Milliarden Euro. Allein im zweiten Quartal 2026 kostete das Netzengpassmanagement weitere 673 Millionen Euro. Die Kosten betreffen allerdings sämtliche Netzengpässe und lassen sich nicht ausschließlich den verspäteten Großprojekten zuordnen. Dennoch zeigen die Zahlen die wirtschaftliche Dimension einer Infrastrukturpolitik, deren zentrale Vorhaben teilweise ein Jahrzehnt hinter dem Zeitplan liegen.
Die verspäteten Leitungen werden inzwischen schrittweise fertiggestellt, doch der Rückstand bleibt gewaltig. Am 15. Oktober nahmen TenneT und TransnetBW eine verstärkte Verbindung zwischen Grafenrheinfeld und Großgartach offiziell in Betrieb. Währenddessen müssen die wichtigsten neuen Nord-Süd-Stromtrassen noch mehrere Jahre auf ihre Fertigstellung warten. Deutschland bezahlt damit weiterhin für die Folgen politischer Planungen, deren technische Umsetzung mit dem Tempo der Energiewende nicht Schritt gehalten hat.
Verfasser: Blackout News
Verwendete Quellen: NDR (15.10.26) – Bundesnetzzagentur (12.10.26) – Tagesschau (29.09.26) – Deutschlandfunk (28.09.26)
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