Deutschland plant den Bau von zwölf Gigawatt neuer Gaskraftwerke, doch ein zentraler Punkt bleibt ungeklärt: Es gibt keinen verbindlichen Plan zur geografischen Verteilung dieser schwarzstartfähiger Kraftwerke, die nach einem großflächigen Stromausfall das Netz wieder hochfahren können. Während die Bundesregierung Investoren mit einem Südbonus vor allem nach Bayern und Baden-Württemberg lenken will, warnen Netzbetreiber vor gefährlichen Lücken im Norden und Osten. Ohne strategisch platzierte Anlagen drohen im Ernstfall lange Verzögerungen bei der Wiederversorgung, weil das Netz nicht überall eigenständig neu gestartet werden kann. Die Standortfrage wird damit zu einem sicherheitsrelevanten Problem für die Stabilität der deutschen Stromversorgung (welt: 25.02.26).
Schwarzstartfähige Kraftwerke – Grundlage für den Wiederaufbau des Netzes nach einem Blackout
Die EU-Kommission hat staatliche Beihilfen für neue Gaskraftwerke genehmigt, deshalb wartet die Branche auf den politischen Startschuss. Bis 2031 müssten rechnerisch rund 24 Großkraftwerke der 500-Megawatt-Klasse entstehen, damit der bereits eingeleitete Kohleausstieg technisch abgesichert bleibt. Trotz dieses Zeitdrucks fehlt jedoch ein Konzept, das den Neubau dieser Gaskraftwerke strategisch mit den Anforderungen des Netzwiederaufbaus verbindet.

Schwarzstartfähig bedeutet, dass ein Kraftwerk ohne externe Stromversorgung eigenständig anlaufen kann. Es erzeugt zunächst lokal Spannung und stabilisiert schrittweise Frequenz und Netzparameter, sodass weitere Anlagen zugeschaltet werden können. Genau diese Fähigkeit fehlt bei Windkraft- und Solaranlagen, denn sie sind nicht schwarzstartfähig. Sie können nach einem Stromausfall erst dann wieder einspeisen, wenn Spannungslage und Frequenz im Netz bereits in einem engen stabilen Bereich liegen. Deshalb braucht jedes Energiesystem konventionelle oder speziell ausgelegte Anlagen, die den ersten Schritt beim Wiederanfahren übernehmen.
Südbonus verschiebt Investitionen und erhöht Risiken
Der geplante Südbonus soll neue Kraftwerke in Regionen bringen, in denen seit dem Atomausstieg gesicherte Leistung fehlt. Gleichzeitig fließen große Windstrommengen aus Norddeutschland in den Süden, weshalb die Nord-Süd-Leitungen regelmäßig an ihre Grenzen stoßen. Netzbetreiber müssen dann Windparks abregeln, während die Kosten für Redispatch-Maßnahmen Milliardenhöhe erreichen.
Mehr Kraftwerke im Süden können den Normalbetrieb stabilisieren, jedoch entsteht dadurch eine regionale Schieflage. Wenn neue Anlagen fast ausschließlich dort gebaut werden, fehlen im Norden technische Startpunkte für den Wiederaufbau nach einem Blackout. Gerade dort wären jedoch Kraftwerke nötig, die schwarzstartfähig ausgelegt sind und unabhängig vom restlichen Netz arbeiten können.
Ausschreibungen zeigen die Versorgungslücke
Der Übertragungsnetzbetreiber 50Hertz schrieb gezielt Kapazitäten aus, die schwarzstartfähig sein müssen, doch es ging kein einziges Angebot ein. Dirk Biermann, Geschäftsführer Operations bei 50Hertz, warnt: „Ohne diese Kraftwerke besteht die Gefahr einer verzögerten Wiederversorgung Ostdeutschlands infolge einer Störung im Stromsystem mit möglichen schweren Folgen für die Menschen, die Wirtschaft und das Vertrauen in eine funktionierende Infrastruktur in der Region.“
In einem Politikbrief verweist das Unternehmen zudem auf den großflächigen Stromausfall in Spanien im April 2025 sowie auf lokale Ausfälle in Berlin im September 2025 und Januar 2026. Diese Ereignisse zeigen, wie entscheidend ein schneller Netzwiederaufbau ist. Trotzdem fehlt weiterhin ein nationaler Plan, der festlegt, wo schwarzstartfähige Anlagen künftig stehen sollen.
Technische Fähigkeiten gehen verloren
Parallel zum Ausbau der Erneuerbaren verschwinden immer mehr konventionelle Kraftwerke, obwohl sie zentrale Systemdienstleistungen erbringen. Großkraftwerke liefern Momentanreserve zur Frequenzstabilisierung und Blindleistung zur Spannungsregelung. Doch zwischen 2028 und 2030 sollen im Osten weitere 3000 Megawatt Braunkohleleistung abgeschaltet werden, wodurch diese technische Fähigkeiten verloren gehen.
Auch der Kraftwerksbetreiber Leag fordert deshalb eine ausgewogene Verteilung neuer Kapazitäten. Eine Studie der Beratungsfirma Consentec zeigt, dass Standorte im Süden durch den Südbonus einen finanziellen Vorteil von rund 50 Prozent erhalten könnten. Ohne Gegensteuerung droht eine Konzentration im Süden, während im Norden die Voraussetzungen für einen stabilen Netzwiederaufbau verschwinden.
Dunkelflauten und Grenzen von Speicherlösungen
Die Diskussion über neue Gaskraftwerke wird häufig mit Verweis auf Batteriespeicher geführt. Netzbetreiber halten diese Lösung jedoch für unzureichend, weil längere Phasen mit wenig Wind und Sonne regelmäßig auftreten. 50Hertz zählt für 2024 insgesamt 211 Zeiträume, in denen Wind- und Solarenergie weniger als 15 Prozent ihrer installierten Leistung erreichten, dabei dauerte jeder Abschnitt länger als zehn Stunden.
Batteriespeicher sind nach wenigen Stunden entladen, deshalb können sie lange Dunkelflauten nicht absichern. In solchen Phasen deckten Braun- und Steinkohlekraftwerke zeitweise mehr als die Hälfte des aktuellen Stromverbrauchs. Ohne strategisch verortete, schwarzstartfähige Gaskraftwerke bleibt die Versorgungssicherheit daher auch künftig lückenhaft.
Standortpolitik ohne Krisenstrategie
Die aktuelle Planung konzentriert sich nur auf die Entlastung des Netzes im Normalbetrieb, eine klare Strategie für den Ernstfall fehlt jedoch. Die Netzbetreiber fordern deshalb, mindestens ein Drittel der neuen Leistung im Norden zu errichten, damit der Wiederaufbau des Systems nach einem großflächigen Stromausfall gesichert bleibt. Solange kein verbindlicher Plan zur Verortung schwarzstartfähiger Kraftwerke existiert, besteht die Gefahr, dass zwar neue Anlagen entstehen, die jedoch im Krisenfall am falschen Ort stehen.
Die Schwachstelle liegt damit nicht im Ausbauvolumen, sondern in der fehlenden räumlichen Planung. Deutschland schafft zusätzliche Kraftwerksleistung, jedoch bleibt offen, ob das Netz nach einem großflächigen Stromausfall schnell wieder stabil angefahren werden kann.
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