Deutschland hält am Atomausstieg fest, während viele Industriestaaten kleine modulare Atomreaktoren als mögliche Schlüsseltechnologie ihrer künftigen Stromversorgung prüfen. Die Entwicklung gewinnt an Bedeutung, weil Small Modular Reactors, kurz SMR, weltweit Forschungsbudgets, Industrieprojekte und politische Unterstützung anziehen. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen bezeichnete den deutschen Ausstieg als „strategischen Fehler“. Deutschland verzichtet damit nicht nur auf eine mögliche Option für Versorgungssicherheit und klimafreundliche Grundlast. Das Land verliert auch den Zugang zu einer Schlüsseltechnologie, die Know-how, Patente und viele industrielle Arbeitsplätze schaffen kann.
Atomkraft bleibt international Teil der Industriestrategie
Deutschland gehört inzwischen zu den wenigen großen Industrieländern ohne Kernkraftwerke. Österreich und Italien verfolgen ebenfalls einen Ausstiegskurs. Frankreich, Schweden und Finnland setzen dagegen weiter auf Atomstrom. Dadurch entsteht in Europa eine energiepolitische Spaltung.

Auch außerhalb Europas gewinnt Kerntechnik neues Gewicht. Die USA, China und Russland investieren in neue Reaktortypen. Sie verbinden damit Klimaziele, Versorgungssicherheit und industriepolitische Interessen. Zugleich sichern sie sich Erfahrung, die später Exportchancen eröffnet und damit auch Arbeitsplätze schafft.
SMR sollen Strom näher an Industrie und Verbrauch bringen
Small Modular Reactors unterscheiden sich von klassischen Großkraftwerken durch Größe und Bauweise. Sie liefern meist deutlich weniger Leistung. Dafür sollen sie industriell vorgefertigt und modular installiert werden. Deshalb gelten sie als Option für alte Kraftwerksstandorte, Industrieanlagen und abgelegene Regionen.
Die wirtschaftliche Bilanz bleibt offen. Viele Projekte existieren bisher nur als Entwurf, Versuchsanlage oder frühes Bauvorhaben. Erst Serienfertigung kann zeigen, ob die versprochenen Kostenvorteile tragen. Dennoch investieren Staaten früh, weil sie Lieferketten und Standards nicht anderen überlassen wollen.
Schlüsseltechnologie mit ungelösten technischen Hürden
Ein Teil der Forschung richtet sich auf Thorium und Flüssigsalzreaktoren. Thorium kommt häufiger vor als Uran. Der Brennstoffkreislauf verspricht zudem weniger langlebige Abfälle. Die Konzepte sollen außerdem konstruktiv sicherer arbeiten als heutige Reaktoren.
Diese Technik bleibt jedoch anspruchsvoll. Thorium muss erst in spaltbares Material umgewandelt werden. Flüssigsalzreaktoren benötigen Werkstoffe, die Hitze, Strahlung und Korrosion dauerhaft standhalten. Deshalb entscheidet nicht allein die Idee, sondern praktische Erfahrung im Bau und Betrieb.
Deutschland riskiert eine industrielle Lücke
China testet neue Reaktorkonzepte und baut auf der Insel Hainan einen kommerziellen kleinen Reaktor. Russland nutzt mit der „Akademik Lomonossow“ bereits ein schwimmendes Atomkraftwerk. Auch Belgien, Dänemark und Österreich arbeiten an neuen Konzepten. Damit wächst in mehreren Ländern ein Markt für Planung, Komponenten, Steuerungstechnik, Wartung und Sicherheit.
Deutschland entwickelte mit dem Dual-Fluid-Reaktor zwar ein eigenes fortgeschrittenes Konzept. Nach dem Atomausstieg verlagerte sich die weitere Entwicklung jedoch ins Ausland. Ohne eigene Projekte fehlen praktische Ausbildung, industrielle Referenzen und nukleares Fachwissen. Mittlerweile ist Nukleartechnologie an deutschen Hochschulen zu einem exotischen Nischenfach geworden. Falls SMR wirtschaftlich reifen, müsste Deutschland diese Technik später importieren, statt selbst Arbeitsplätze und Wertschöpfung aufzubauen. (KOB)
Lesen Sie auch:
