Europas Atomkraft-Debatte: Die Rückkehr und Deutschlands Isolation

Die Meinungen zur Nutzung der Atomkraft in Europa sind geteilt. Allerdings gibt es seit einiger Zeit eine Entwicklung: Die Bedeutung der Kernenergie in der Energiepolitik nimmt zu. Dies ist vor allem auf die Klimaziele der Europäischen Union zurückzuführen.


Atomkraft in Europa: Ein neuer Aufschwung und Deutschlands Isolation

Am 15. April gab es in Teilen Deutschlands große Freude, als die letzten drei Atomkraftwerke in Bayern, Baden-Württemberg und Niedersachsen abgeschaltet wurden. Die Grünen und andere Gegner der Atomkraft haben ihr Ziel erreicht und das Ende der Atom-Ära in Deutschland besiegelt.

Doch wenn man über die Landesgrenzen hinausblickt, sieht die Situation anders aus. Die Kernenergie gewinnt zunehmend an Bedeutung in der energiepolitischen Debatte in Europa.

Atomkraft in Europa: Ein neuer Aufschwung und Deutschlands Isolation. Kleine modulare Reaktoren könnten Europas Energiewende prägen
Atomkraft in Europa: Ein neuer Aufschwung und Deutschlands Isolation. Kleine modulare Reaktoren könnten Europas Energiewende prägen

Am 16. Mai wird in Paris der Beginn einer neuen Atom-Ära eingeläutet, als die französische Energieministerin Agnès Pannier-Runacher eine europäische Atom-Allianz ins Leben ruft.

Seit Monaten treffen sich interessierte Minister am Rande von EU-Treffen, um sich auszutauschen. In Paris kommen insgesamt fünfzehn EU-Mitgliedsländer zusammen, was mehr als die Hälfte der Staatengemeinschaft ausmacht.

Die Gästeliste zeigt, wie sehr sich die Position der Atomkraft in Bezug auf die europäische Energiewende verändert. Gleichzeitig wird deutlich, wie sehr Deutschland zunehmend isoliert ist.

Überraschende Kehrtwende und Kontroversen – Italien flirtet mit Rückkehr

Unter den Anwesenden ist beispielsweise Italien, das sich eigentlich infolge eines Referendums in den 1980er Jahren längst von der Atomkraft verabschiedet hat. Nun flirten einige Regierungsminister doch mit ihrer Rückkehr.

Das Thema spaltet die politische Elite weiterhin. Aber seitdem die Energiepreise letztes Jahr in die Höhe geschossen sind, werfen rechtspopulistische Politiker wie Matteo Salvini die Atomfrage neu auf (Blackout-News: 19.05.23).

Neben Grossbritannien, das auf den Ausbau der Atomenergie setzt, sind auch Polen, die Niederlande, Belgien sowie die Tschechische Republik präsent (NZZ: 17.01.23).

Das zeigt: Berlins Kampf gegen die Atomkraft hat zwar in Deutschland zu ihrem Ende geführt. Dieser Haltung liegen Sicherheitsbedenken und die ungelöste Entsorgungsproblematik zugrunde. Die explodierenden Kosten bei Neubauten und die jahrzehntelangen Planungs- und Bauzeiten bei Projekten in Frankreich, Grossbritannien oder Finnland bestärken die Kritiker der Atomkraft.


Atomkraft in Europa: Kontroverse Allianzen und eine unerwartete Renaissance

Auf EU-Ebene sind Luxemburg und Österreich Verbündete, mit denen bis auf die Ebene des Europäischen Gerichtshofs gegen die weitere Unterstützung der Energiequelle geklagt wird.

Aber neben den Anti-Atomkraft-Grünen und Umwelt-NGO finden diese Bedenken in anderen EU-Ländern offenbar wenig(er) Anklang. Im Gegenteil.

Die Atomkraft kämpft sich heute wieder in den Mittelpunkt der europäischen Debatte über die Energiepolitik zurück, obwohl die Branche in den letzten Jahren eher defensiv agierte, obwohl Kernkraftwerke immer noch eine bedeutende Rolle im Energiemix spielen.

Die Rückkehr der Atomkraft hat vor allem mit den Klimazielen der EU für 2030 und 2050 zu tun, die von Brüssel 2019 und 2020 beschlossen wurden. Branchenvertreter sagen, dass der russische Krieg gegen die Ukraine im Jahr 2022 der Industrie einen weiteren Schub gegeben hat.

Atomkraft als unverzichtbare Lösung: EU-Ziele ohne sie nicht erreichbar

Die Europäische Kommission hat in ihren Prognosen deutlich gemacht, dass die EU ihre Ziele für 2030, die eine Netto-Reduzierung der Treibhausgasemissionen um 55 Prozent vorsehen, und die Klimaneutralität bis 2050 ohne die Atomkraft nicht erreichen kann.

Regierungen erkennen dies zunehmend, so ein hochrangiger Diplomat aus Osteuropa und ein EU-Beamter in einem vertraulichen Gespräch.

Der Diplomat betonte: „Wir nähern uns einem Punkt, an dem wir schnell auf Netto-Null kommen müssen. Es gibt keine neue technologische Wunderwaffe, auf die wir in den kommenden Jahren setzen können.“

In Osteuropa verläuft der Ausbau erneuerbarer Energien oft zögerlich, da der Energiemix hauptsächlich aus Kohle und anderen fossilen Brennstoffen besteht.


Politiker warnen vor steigenden Strompreisen und setzen auf Atomkraft

Politiker warnen seit langem vor den Kosten einer schnellen Energiewende. Sie befürchten hohe Strompreise für Haushalte und die Wirtschaft. Daher ist die Fortführung bestehender Kraftwerke in der Region eine attraktive Option für Regierungen wie diejenigen in der Tschechischen Republik, Bulgarien oder Ungarn.

Aber auch in Ländern, die traditionell skeptisch gegenüber Atomkraft sind, kommt Bewegung auf. Selbst in Dänemark, einem Vorreiter in der Windkraft, wo es keine Atomkraftwerke gibt, wird langsam eine Debatte darüber geführt.

Der EU-Beamte betont, dass allein der Ausbau erneuerbarer Energien nicht ausreichen wird, um die Klimaziele der EU in der knappen Zeit zu erreichen.

Obwohl die Kosten in den letzten Jahren stark gesunken sind, gibt es dennoch einige bekannte Herausforderungen. Dazu gehören langsame Genehmigungsverfahren für neue Anlagen.

Engpässe und Konflikte: Ausbau erneuerbarer Energien vor großen Herausforderungen – Atomkraft als Lösung?

Es mangelt an Stromleitungen und Verbindungen, um Wind- oder Solarenergie überhaupt nutzen zu können. Es stehen weitere Konflikte mit Umweltschützern über den Bau neuer Infrastruktur bevor.

In Paris wurden große und allgemeine Pläne für die Zukunft der Atomkraft skizziert. Laut einer gemeinsamen Erklärung könnte die Kapazität in der EU bis 2050 auf 150 Gigawatt erhöht werden.

Um dieses Ziel zu erreichen, müssten bestehende Anlagen weiterhin sicher betrieben werden, 30 bis 45 neue Großreaktoren gebaut und kleine modulare Reaktoren in der EU entwickelt werden.

Dies wäre ein erheblicher Anstieg im Vergleich, zu den derzeit installierten knapp 100 Gigawatt, so Yves Desbazeille, der Geschäftsführer des europäischen Atomverbands. Derzeit geht Brüssel jedoch davon aus, dass der Anteil der Atomkraft am Energiemix der EU bis 2050 zurückgehen wird.


Atommacht im Wandel: Herausforderungen und neue Argumente in Zeiten geopolitischer Spannungen

Desbazeille hält sich in Bezug auf konkrete Ausbaupläne noch zurück. Lange Bauzeiten, strenge Sicherheitsvorschriften und hohe Kosten setzen nicht nur Atomkraftgegner unter Druck, sondern stellen auch eine Herausforderung für die Industrie dar.

Laut Desbazeille hat der russische Krieg gegen die Ukraine der Atombranche neue Argumente in Bezug auf die Versorgungssicherheit und die Preise geliefert. Dennoch sei es noch zu früh, um klar zu sagen, wo und wann neue Kraftwerke gebaut werden könnten.

Darüber hinaus wirft die Atomkraft auch Fragen nach der Abhängigkeit von Russland auf. Viele bestehende Atomkraftwerke basieren auf russischen Designs.

Während die EU den Anteil von Erdöl, Erdgas und Kohle aus Russland im Energiemix schnell reduziert hat, bleibt sie weiterhin beim Kernbrennstoff Uran abhängig.

Kleine modulare Reaktoren könnten Europas Energiewende prägen

Desbazeille betont, dass es für die Atombranche um die langfristige Entwicklung im europäischen Energiemix geht, mit dem Fokus auf das Jahr 2050.

Ein Beispiel dafür sind die kleinen modularen Reaktoren, die zwar gehypt werden, aber bisher noch keine kommerzielle Nutzung haben. Ihre Einführung in Europa liegt noch in weiter Ferne.

Auch Desbazeille, der früher beim französischen Atom- und Energieunternehmen EDF tätig war, dämpft die Erwartungen. Er schätzt, dass es Mitte der 2030er Jahre so weit sein könnte. Die Europäische Kommission plant, die kleinen modularen Reaktoren als strategisch wichtige Industrie für Netto-Null-Emissionen zu fördern.

In der Zwischenzeit kämpft insbesondere Frankreich darum, die Atomkraft fest in den neuen Klimagesetzen der EU zu verankern. Sie soll den gleichen Stellenwert wie erneuerbare Energien in der europäischen Energiewende erhalten und somit auch finanziell gefördert werden können.


Frankreichs Kampf um Wettbewerbsgleichheit und politische Auseinandersetzungen in Brüssel

Dies dient vor allem den eigenen Interessen Frankreichs. Das Land hinkt beim Ausbau erneuerbarer Energien hinterher und möchte sicherstellen, dass die heimische Atomindustrie keinen Wettbewerbsnachteil hat. Etwa 70 Prozent des Stroms in Frankreich stammen aus Atomkraftwerken.

Der Eifer Frankreichs führt jedoch zu einer politischen Blockade in Brüssel. Das geplante Gesetz zur Erhöhung des Ziels für den Ausbau erneuerbarer Energien steckt in politischen Auseinandersetzungen fest.

Unabhängig von den konkreten Ergebnissen der Verhandlungen wird die Atomkraft wahrscheinlich einen kleinen Schritt näher an den energiepolitischen Mainstream heranrücken. Die Branche drängt auf politische Unterstützung, doch Desbazeille gibt zu bedenken, dass sie noch zu kontrovers ist.

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