Der Aufschwung geht am Arbeitsmarkt vorbei – Zahl der Erwerbstätigen sinkt weiter

Ein Kommentar unseres Autors Klaus Bastian:

Die Bundesregierung rechnet laut einem Reuters vorliegenden Entwurf für 2026 mit 1,3 Prozent Wirtschaftswachstum. Doch für Erwerbstätige zeigt der Arbeitsmarkt weiter in die entgegengesetzte Richtung. Im August arbeiteten 235.000 Menschen weniger als ein Jahr zuvor. Gleichzeitig stieg die Zahl der Erwerbslosen um 120.000 auf 1,86 Millionen. Auch die sozialversicherungspflichtige Beschäftigung ist inzwischen rückläufig. Während staatliche Ausgaben die Konjunktur anschieben, schrumpft damit die Beschäftigungsbasis. Zudem benötigt die Bundesagentur für Arbeit Milliardenhilfen des Bundes. Die offizielle Herbstprojektion will Wirtschaftsministerin Katherina Reiche am 8. Oktober vorstellen.

Die Zahl der Erwerbstätigen sank im August um 235.000 gegenüber dem Vorjahr. Gleichzeitig stieg die Zahl der Erwerbslosen um 120.000
Die Zahl der Erwerbstätigen sank im August um 235.000 gegenüber dem Vorjahr. Gleichzeitig stieg die Zahl der Erwerbslosen um 120.000
Bild: Shutterstock

Erwerbstätige profitieren bislang nicht vom angekündigten Aufschwung

Die höhere Wachstumsprognose klingt zunächst nach einer wirtschaftlichen Trendwende. Der Arbeitsmarkt bestätigt dieses Bild jedoch nicht. Destatis zählte im August noch 45,41 Millionen Erwerbstätige mit Wohnort in Deutschland. Das waren 0,5 Prozent weniger als im August 2025. Saisonbereinigt sank die Beschäftigung gegenüber Juli außerdem um weitere 29.000 Personen.

Der Rückgang ist deshalb längst kein einzelner schwacher Monat mehr. Seit Januar 2025 liegt die Zahl der Erwerbstätigen jeweils unter dem Vorjahresniveau. Auch die Bundesagentur sieht bisher keine Trendwende. BA-Chefin Andrea Nahles erklärte Ende September, die wirtschaftliche Verbesserung komme am Arbeitsmarkt „derzeit noch nicht an“. Die Regierungsprognose und die tatsächliche Beschäftigungsentwicklung laufen damit bislang auseinander.


Wirtschaft wächst – Arbeitsmarkt schrumpft

Besonders problematisch ist der Rückgang der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung. Im Juli waren noch 34,68 Millionen Menschen entsprechend beschäftigt. Das waren 84.000 weniger als ein Jahr zuvor. Gleichzeitig sank die Zahl geringfügig entlohnter Beschäftigter um 50.000. Damit verliert der Arbeitsmarkt gerade dort Stellen, wo Beiträge für Kranken-, Pflege-, Renten- und Arbeitslosenversicherung entstehen.

Zugleich steigt die Zahl der Leistungsbezieher. Im September waren knapp 2,994 Millionen Menschen arbeitslos gemeldet. Saisonbereinigt nahm die Arbeitslosigkeit gegenüber August um weitere 12.000 Personen zu. Außerdem erhielten 1,082 Millionen Menschen Arbeitslosengeld. Das waren 85.000 mehr als ein Jahr zuvor. Der angekündigte Aufschwung erreicht Erwerbstätige damit bislang kaum, während die finanziellen Folgen der Arbeitslosigkeit bereits sichtbar werden.

Milliarden vom Bund statt Beschäftigungsaufschwung am Arbeitsmarkt

Auch die Finanzlage der Bundesagentur zeigt die Kehrseite der wirtschaftlichen Entwicklung. Nach Angaben der Bundesregierung könnte ihr Darlehensbedarf 2026 auf rund 8,4 Milliarden Euro steigen. Hinzu kommt ein Darlehen über 1,4 Milliarden Euro aus dem Vorjahr. Kann die BA dieses nicht zurückzahlen, könnte ihr Schuldenstand bis Jahresende rund 9,8 Milliarden Euro erreichen.

Das ist besonders bemerkenswert, weil gleichzeitig von einem wirtschaftlichen Aufschwung gesprochen wird. Ein Teil des Wachstums entsteht jedoch durch hohe staatliche Ausgaben für Infrastruktur und Verteidigung. Private Investitionen und zusätzliche Arbeitsplätze liefern bislang keinen vergleichbaren Impuls. Ein steigendes Bruttoinlandsprodukt sagt deshalb noch wenig darüber aus, ob Unternehmen tatsächlich wieder mehr Personal einstellen.


Erwerbstätige werden zum Schwachpunkt der Regierungsprognose

Das IAB macht diesen Widerspruch besonders deutlich. Das Institut erwartet 2026 zwar wieder wirtschaftliches Wachstum, zugleich aber durchschnittlich 210.000 weniger Erwerbstätige. Für 2027 rechnet es mit einem weiteren Rückgang um 140.000 Personen. Selbst eine höhere Wirtschaftsleistung reicht damit offenbar nicht aus, um den Stellenabbau kurzfristig zu stoppen.

Die Wirtschaftsprognose der Bundesregierung zeichnet deshalb nur einen Teil des Bildes. Wachstum allein ist noch kein breiter Aufschwung. Entscheidend ist, ob Unternehmen investieren, zusätzliche Beschäftigung schaffen und damit auch die Beitragsbasis der Sozialkassen stärken. Genau daran fehlt es bislang. Solange Beschäftigung sinkt, Arbeitslosigkeit steigt und der Bund Milliarden an die Bundesagentur überweisen muss, bleibt der angekündigte Aufschwung am Arbeitsmarkt vorerst aus.

Verfasser: Klaus Bastian – Blackout News
Verwendete Quellen: Reuters (01.10.26) – Destatis (30.09.26) – Bundesagentur für Arbeit (30.09.26) – IAB (24.09.26) – Gemeinschafts-Diagnose (24.09.26)

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