Wirtschaftsaufschwung: Merz sieht Lichtblicke – doch die Industrie baut weiter Stellen ab

Ein Kommentar unserse Autors Klaus Bastian:

Bundeskanzler Friedrich Merz sieht „erste Lichtblicke“ beim Wirtschaftsaufschwung und verweist auf steigende Reallöhne, bessere Stimmungswerte und zahlreiche neue Start-ups. Gleichzeitig steigt jedoch die Arbeitslosigkeit, während die Industrie Zehntausende Stellen streichen, Werke schließen oder Produktionen ins Ausland verlagert. Zudem bleiben die Insolvenzen hoch, und Wirtschaftsverbände verlangen tiefgreifende Reformen bei Energiepreisen, Steuern, Sozialabgaben und Bürokratie. Drei Ministerpräsidenten großer Autoländer warnen inzwischen sogar vor dauerhaften Schäden für die deutsche Schlüsselindustrie. Damit wächst der Abstand zwischen den positiven Signalen des Kanzlers und der Realität in vielen Betrieben.

Wirtschaftsaufschwung? Merz sieht Lichtblicke, doch Jobabbau, Insolvenzen und fehlende Reformen zeichnen ein anderes Bild
Wirtschaftsaufschwung? Merz sieht Lichtblicke, doch Jobabbau, Insolvenzen und fehlende Reformen zeichnen ein anderes Bild
Bild: Shutterstock

Wachstum auf dem Papier bedeutet noch keinen neuen Wohlstand

Auch das Handelsblatt Research Institute hat seine Wachstumsprognose inzwischen deutlich angehoben. Für 2026 erwartet das HRI nun 1,1 Prozent reales Wachstum, für 2027 sogar 1,4 Prozent. Allerdings warnt das Institut gleichzeitig vor wachsenden strukturellen Problemen. Zudem erwartet es 2026 rund 300.000 Erwerbstätige weniger als 2024.

Noch bemerkenswerter ist jedoch die Zusammensetzung des Wachstums. Laut HRI trägt ein wachsender Anteil staatlicher Konsum samt staatlicher Investitionen. Gleichzeitig steigt der Wohlstand vieler Bürger kaum. Außerdem profitiert die Exportwirtschaft derzeit teilweise von kriegsbedingten Lieferproblemen asiatischer und nahöstlicher Wettbewerber. Das ist ein konjunktureller Vorteil, aber noch keine strukturelle Gesundung.


In den Werkhallen sieht der Aufschwung anders aus

Der Arbeitsmarkt passt deshalb nur schwer zum Bild eines breit getragenen Aufschwungs. Im August waren 3,061 Millionen Menschen arbeitslos, 36.000 mehr als ein Jahr zuvor. Zugleich verlor das Verarbeitende Gewerbe binnen eines Jahres mehr als 140.000 Beschäftigte. Besonders stark trifft es Autoindustrie, Zulieferer, Stahl, Chemie und andere energieintensive Branchen.

Neue Start-ups ändern daran zunächst wenig. Zwar sind 3.053 Gründungen im ersten Halbjahr ein erfreulicher Rekord. Doch eine Firmengründung ist kein Ersatz für Hunderte verlorene Arbeitsplätze in einem bestehenden Werk. Außerdem brauchen junge Firmen häufig Jahre, bevor sie größere Belegschaften beschäftigen. Deshalb zählt am Ende die gesamte Beschäftigungsbilanz und nicht allein die Zahl neuer Unternehmen.

Drei Autoländer warnen vor dauerhaften Schäden

Wie ernst die Lage ist, zeigen inzwischen Bayern, Baden-Württemberg und Niedersachsen gemeinsam. Markus Söder, Cem Özdemir und Olaf Lies fordern Bund und EU zu raschem Handeln auf. Dabei handelt es sich um drei Regierungschefs aus CSU, Grünen und SPD. Sie warnen vor nachhaltigen und möglicherweise „irreversiblen Schäden“ für die deutsche Autoindustrie.

Die Ministerpräsidenten verweisen auf rund 52.000 verlorene Arbeitsplätze innerhalb eines Jahres. Zudem verlangen sie niedrigere Energiekosten, bessere Wettbewerbsbedingungen und stärkeren Schutz vor unfair subventionierter Konkurrenz. Ihre Botschaft passt kaum zu einer Wirtschaft, die den Aufschwung bereits geschafft hätte. Vielmehr versuchen drei zentrale Industrieländer, weitere Produktionsverlagerungen und Arbeitsplatzverluste zu verhindern.

Selbst bessere Prognosen enthalten deutliche Warnsignale

Besonders aufschlussreich ist deshalb die HRI-Prognose. Die Chemie- und Pharmaindustrie legte im zweiten Quartal zwar um 2,4 Prozent gegenüber dem Vorquartal zu. Doch das HRI verweist zugleich auf einen außergewöhnlichen Hintergrund. Asiatische und nahöstliche Wettbewerber litten unter Lieferproblemen durch den Iran-Konflikt. Außerdem füllten Kunden vorsorglich ihre Lager.

Merz kann somit auf echte positive Zahlen verweisen. Doch daraus folgt noch kein breit getragener Aufschwung mit steigender Beschäftigung und wachsendem Wohlstand. Während die Bundesregierung Lichtblicke hervorhebt, warnen Unternehmen, Verbände und Ministerpräsidenten vor weiteren Standortverlusten. Gleichzeitig rechnet selbst das optimistischere HRI mit deutlich weniger Erwerbstätigen als 2024. Ein tragfähiger Aufschwung müsste deshalb nicht nur das BIP erhöhen, sondern auch private Investitionen, Beschäftigung und industrielle Wertschöpfung dauerhaft stärken.


Der Wirtschaftsaufschwung bleibt damit bislang vor allem eine konjunkturelle Hoffnung und noch keine industrielle Trendwende. Merz kann zu Recht auf höhere Reallöhne, mehr Gründungen und einzelne bessere Konjunkturdaten verweisen. Doch gleichzeitig verschwinden Arbeitsplätze, Unternehmen verlagern Produktion und Verbände verlangen weiterhin jene Strukturreformen, die seit Monaten angekündigt werden. Ein belastbarer Aufschwung zeigt sich nicht allein in Wachstumsprognosen, sondern in privaten Investitionen, steigender Beschäftigung und neuen Produktionskapazitäten. Genau dort fehlt bislang der überzeugende Beleg für die wirtschaftliche Wende.

Verfasser: Klaus Bastian – Blackout News
Verwendete Quellen:
https://www.handelsblatt.com/politik/konjunktur/hri-konjunkturprognose-wachstum-ja-aber-deutschlands-bevoelkerung-wird-trotzdem-aermer/100251425.html
https://www.bayern.de/ja-zum-auto-gemeinsames-papier-der-autolaender-bayern-niedersachsen-und-baden-wuerttemberg-entschlossen-handeln-fairen-wettbewerb-sichern-strukturbrueche-vermeiden/
https://www.bundeskanzler.de/bk-de/aktuelles/merz-unternehmertag-bga-2452702
https://www.bundeswirtschaftsministerium.de/Redaktion/DE/Pressemitteilungen/Wirtschaftliche-Lage/2026/20260914-wirt-lage-deutschland-sep-2026.html

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