Der Streit über die Steuerreform 2027 verschärft sich, weil Union und SPD Entlastungen für kleinere und mittlere Einkommen versprechen, jedoch keine klare Gegenfinanzierung nennen. CDU-Generalsekretär Carsten Linnemann schließt laut WELT TV vor dem Koalitionsausschuss eine Ausweitung der Reichensteuer nicht aus und spricht zugleich nur von einem „Bisschen Sorge, dass der Mittelstand und das Handwerk unter die Räder kommen“. Diese Formulierung wirkt auffallend klein, denn die deutsche Wirtschaft steckt seit Monaten in einer Talfahrt. Jeden Tag melden Betriebe Insolvenz an. Außerdem streichen Industriekonzerne Stellen, verschieben Investitionen oder prüfen Werksschließungen.
Warum der Mittelstand die Rechnung zahlen könnte
Linnemann benennt damit zwar ein reales Problem. Doch seine Wortwahl klingt nicht nach wirtschaftlichem Alarm. Sie klingt nach parteipolitischer Vorsicht. Genau das macht die Aussage so brisant. Betriebe brauchen keine abgeschwächte Sorge, sondern Schutz vor zusätzlicher Belastung.

Die geplante Steuerreform kann sich zudem gegen Unternehmen wenden. Arbeitsministerin Bärbel Bas hatte eine Entlastung kleiner und mittlerer Einkommen von 500 Euro im Jahr genannt. Linnemann verlangt dafür eine Gegenfinanzierung. „Man muss es gegenfinanzieren. Wenn man es nicht gegenfinanzieren kann, darf man es nicht machen“, sagte er. Solange die Koalition offenlässt, woher das Geld kommt, bleibt die Entlastung ein Risiko.
Aus Entlastung kann Mehrbelastung werden
Viele Handwerker, Händler und Familienbetriebe zahlen Einkommensteuer, weil sie als Einzelunternehmer oder Personengesellschaften organisiert sind. Deshalb trifft eine höhere Belastung hoher Einkommen nicht nur Spitzenangestellte. Sie kann auch Unternehmer treffen, die Gewinne für Kredite, Maschinen, Rücklagen und Löhne brauchen. Aus einer Entlastung für Arbeitnehmer kann damit eine Mehrbelastung für Betriebe werden.
Die SPD setzt auf Umverteilung. Die Union will Entlastung versprechen, ohne sichtbar neue Lasten zu schaffen. Beides passt jedoch nur zusammen, wenn der Staat eigene Ausgaben senkt. Andernfalls wandert die Rechnung weiter. Sie landet bei Unternehmern, Beitragszahlern oder Arbeitgebern.
Insolvenzen zeigen den Ernst der Lage
Die Debatte läuft zudem in einer extrem angespannten Wirtschaftslage. Creditreform zählt im ersten Halbjahr 2026 rund 12.900 Unternehmensinsolvenzen. Das ist der höchste Halbjahreswert seit 2013. Rechnerisch verschwinden damit mehr als 70 Unternehmen pro Kalendertag in einem Insolvenzverfahren. Außerdem erfasst diese Zahl nicht jede stille Geschäftsaufgabe.
Auch der Arbeitsmarkt sendet klare Warnsignale. Das ifo-Beschäftigungsbarometer sank im Juni auf 92,3 Punkte. Besonders Industrie und Handel planen häufiger Stellenabbau. Gleichzeitig meldet das Handwerk schwächere Auftragspolster. Die Kapazitätsauslastung liegt nur noch bei 75 Prozent. In dieser Lage klingt „ein bisschen Sorge“ wie eine politische Untertreibung.
Der Mittelstand braucht Entlastung statt Symbolpolitik
Linnemann fordert Einsparungen in den Ministerien. Schon ein Prozent weniger Ausgaben könne Spielraum schaffen. Drei Prozent könnten nach seiner Darstellung einen zweistelligen Milliardenbetrag bringen. Doch genau dort wird es politisch schwierig. Denn echte Einsparungen treffen Programme, Apparate und Interessen. Neue Lasten für Unternehmen lassen sich dagegen leichter im Steuertarif verstecken.
Der Mittelstand braucht deshalb keine Reform, die nur auf dem Papier entlastet. Entscheidend ist die Gesamtbelastung aus Steuern, Sozialabgaben, Energiepreisen, Bürokratie und Arbeitskosten. Wenn diese Last weiter steigt, helfen kleine Netto-Versprechen wenig. Dann verliert die Wirtschaft weiter Substanz. Linnemanns Warnung ist richtig, doch sie bleibt zu schwach. Der Ernst der Krise ist in der Sprache der Politik noch nicht angekommen.
Verfasser: Blackout News
Verwendete Quellen: Welt (29.06.26) – Ntv (28.08.26) – Creditreform (23.06.26) – Ifo Institut (26.06.26) – Welt (29.06.26)
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