Mehrwertsteuer rauf, Lohnsteuer runter: Vorschlag trifft niedrige Einkommen besonders hart

Der Ökonom Bert Rürup schlägt vor, die Mehrwertsteuer deutlich anzuheben und im Gegenzug Einkommensteuer sowie Körperschaftsteuer zu senken. Auf den ersten Blick klingt das nach einem Tausch im Steuersystem. Bei genauerem Hinsehen entsteht aber eine soziale Schieflage. Menschen mit niedrigen Einkommen zahlen oft keine oder nur geringe Lohnsteuer. Sie geben zugleich fast ihr gesamtes Einkommen für laufenden Konsum aus. Genau dieser Alltag würde teurer.


Die Lohnsteuergrenze zeigt das Problem

Der steuerliche Grundfreibetrag liegt 2026 bei 12.348 Euro. Das entspricht rund 1.029 Euro zu versteuerndem Einkommen pro Monat. Der tatsächliche Bruttolohn kann höher liegen, weil Werbungskosten, Vorsorgeaufwendungen und Pauschalen das zu versteuernde Einkommen mindern. Für 2025 nennt das Bundesfinanzministerium als Beginn der Lohnsteuerbelastung bei einem alleinstehenden Arbeitnehmer ohne Kinder 16.836 Euro Bruttolohn im Jahr. Das sind rund 1.403 Euro brutto im Monat.

Rürup will die Mehrwertsteuer erhöhen und Lohnsteuer senken. Warum der Vorschlag niedrige Einkommen besonders hart treffen würde
Rürup will die Mehrwertsteuer erhöhen und Lohnsteuer senken. Warum der Vorschlag niedrige Einkommen besonders hart treffen würde
Bild: Shutterstock

Bei Alleinerziehenden mit einem Kind beginnt die Lohnsteuerbelastung laut BMF bei rund 21.860 Euro im Jahr. Das entspricht etwa 1.822 Euro brutto im Monat. Bei Verheirateten ohne Kinder in Steuerklasse III liegt die Schwelle bei 31.586 Euro im Jahr, also rund 2.632 Euro brutto im Monat. Wer unter diesen Grenzen liegt, profitiert von einer Lohnsteuersenkung gar nicht. Wer nur knapp darüber liegt, erhält nur eine geringe Entlastung.

Rund drei von zehn Erwachsenen zahlen keine Lohn- oder Einkommensteuer

Die aktuelle Datensammlung zur Steuerpolitik 2026 des Bundesfinanzministeriums zeigt die Größenordnung. Für 2025 weist sie aus, dass knapp 30 Prozent der volljährigen Einwohner nicht mit Lohn- oder Einkommensteuer belastet waren. Damit betrifft Rürups Modell keine kleine Randgruppe.

Diese Menschen hätten von einer Lohnsteuersenkung kaum oder gar nichts. Höhere Preise müssten sie trotzdem zahlen. Sie zahlen den Steueraufschlag beim Einkauf, bei Kleidung, bei Reparaturen, bei Strom, bei Mobilfunk, bei Verkehrsausgaben und bei vielen Dienstleistungen. Genau daraus entsteht die soziale Schieflage.

Die untere Hälfte zahlt kaum Einkommensteuer

Die Verteilung der Einkommensteuer verschärft den Befund. Nach der BMF-Fortschreibung tragen die unteren 20 Prozent der Lohn- und Einkommensteuerpflichtigen nur einen sehr kleinen Teil zum gesamten Aufkommen bei. Selbst die unteren 50 Prozent zahlen zusammen nur einen niedrigen einstelligen Anteil. Die oberen Einkommen tragen dagegen den größten Teil.

Eine Senkung der Lohn- und Einkommensteuer wirkt deshalb nicht gleichmäßig. Sie entlastet vor allem jene, die überhaupt hohe Steuerbeträge zahlen. Das sind überwiegend mittlere und höhere Einkommen. Eine Verbrauchsteuer wirkt anders. Sie trifft den täglichen Bedarf. Diesen Bedarf können niedrige Einkommen kaum vermeiden.

Warum eine höhere Mehrwertsteuer niedrige Einkommen besonders trifft

Die Einkommens- und Verbrauchsdaten des Statistischen Bundesamtes zeigen, wie eng der finanzielle Spielraum niedriger Einkommen ist. In den unteren Einkommensgruppen fließt das verfügbare Einkommen nahezu vollständig in den privaten Konsum. Teilweise liegen die Konsumausgaben sogar in der Größenordnung des gesamten Monatseinkommens. Das zeigt: Diese Haushalte können höhere Konsumsteuern kaum ausgleichen. Sie müssen fast ihr gesamtes Einkommen für laufende Ausgaben verwenden.

Für die Steuerdebatte zählt deshalb nicht nur die absolute Höhe der Ausgaben. Entscheidend ist der Anteil am verfügbaren Einkommen. Wer wenig verdient, kann den Konsum nicht beliebig verschieben. Diese Haushalte müssen wohnen, heizen, essen, telefonieren, fahren und beschädigte Geräte ersetzen. Eine höhere Mehrwertsteuer trifft damit nicht den Luxus. Sie trifft den Alltag.

Der niedrigere Satz auf Lebensmittel reicht nicht als Ausgleich

Rürup will den ermäßigten Satz von 7 auf 5 Prozent senken. Das würde Lebensmittel und einzelne andere Güter entlasten. Dieser Punkt gehört zur vollständigen Bewertung. Er ändert aber nicht den Charakter des Vorschlags. Der reguläre Satz soll gleichzeitig von 19 auf 22 Prozent steigen. Unter dem Strich sollen Bund, Länder und Gemeinden dadurch rund 40 Milliarden Euro zusätzlich einnehmen.

Diese Summe zeigt, dass der Staat über den Konsum insgesamt deutlich mehr abschöpfen soll. Ein Teil der Lebensmittel würde günstiger. Viele andere Ausgaben würden teurer. Bei vollständiger Weitergabe an die Verbraucher würde ein Produkt mit bisher 19 Prozent Steuersatz rechnerisch um gut 2,5 Prozent teurer. Für Haushalte mit niedrigem Einkommen zählt jeder dieser Aufschläge.


Der Alltag enthält viele steuerpflichtige Ausgaben

Eine exakte Abgrenzung des steuerpflichtigen Konsums ist schwierig. Mieten sind weitgehend ausgenommen. Energie, Waren, Reparaturen, Mobilfunk, Verkehr, Gastronomie und viele Dienstleistungen sind dagegen steuerrelevant. Selbst wenn man Wohnkosten ausklammert, bleibt bei niedrigen Einkommen ein erheblicher Teil der laufenden Ausgaben betroffen.

Dazu zählen Lebensmittel, Kleidung, Haushaltsgeräte, Verkehr, Kommunikation, Freizeit, Gastronomie sowie viele andere Waren und Dienstleistungen. Eine Erhöhung des Regelsatzes würde daher nicht nur gelegentliche Anschaffungen verteuern. Sie würde in zahlreichen Alltagsposten stecken. Genau deshalb wirkt sie für untere Einkommensschichten besonders hart.

Aus Steuerreform wird Umverteilung von unten nach oben

Höhere Einkommen geben absolut mehr aus. Entscheidend ist aber die relative Belastung. Wer wenig verdient, verwendet einen viel größeren Anteil seines Einkommens für Konsum. Wer viel verdient, kann sparen, investieren oder Vermögen aufbauen. Eine Verbrauchsteuer trifft niedrige Einkommen deshalb im Verhältnis härter als hohe Einkommen.

Rürups Vorschlag verschiebt die Steuerlast weg von Einkommen und Gewinnen hin zum täglichen Verbrauch. Die Entlastung wirkt über die Lohnsteuer und die Körperschaftsteuer. Die Belastung wirkt über den Einkauf. Damit profitieren vor allem jene, die hohe Steuern zahlen oder Unternehmensgewinne versteuern. Menschen mit niedrigen Einkommen zahlen dagegen höhere Preise, ohne eine vergleichbare Entlastung zu erhalten.

Politisch ist der Vorschlag besonders brisant

Vor der Bundestagswahl warnte Friedrich Merz vor einer höheren Verbrauchsteuer. Eine solche Erhöhung sei Gift für die Konjunktur und belaste private Haushalte unverhältnismäßig. Nun liegt ein Expertenvorschlag auf dem Tisch, der genau diesen Weg öffnet. Die CDU fordert diese Erhöhung bisher nicht offiziell. Dennoch verschiebt der Vorstoß die Debatte.

Eine gerechte Steuerpolitik muss Leistung ermöglichen, ohne die Schwächsten stärker zu belasten. Eine Senkung der Lohnsteuer kann sinnvoll sein. Sie darf aber nicht durch eine Steuer finanziert werden, die den Alltag für Menschen mit niedrigem Einkommen verteuert. Sonst entsteht keine Entlastung. Es entsteht eine Umverteilung von unten nach oben.

Verfasser: Blackout News
Verwendete Quellen: Business Punk (22.06.26)Bild (21.06.26)Bundesministerium der Finanzen (03.06.26)Tagesschau (27.03.26)Statistisches Bundesamt (09.12.25)

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