Raffineriekapazitäten abgebaut – der selbst geschaffene Engpass bei Diesel

Ein Kommentar unseres Autors Klaus Bastian:

Europa hat über Jahre Raffineriekapazitäten verloren und damit einen wichtigen Teil seiner Energieversorgung geschwächt. Das rächt sich jetzt, weil nicht allein verfügbares Rohöl über die Versorgung mit Diesel, Benzin oder Kerosin entscheidet. Entscheidend ist ebenso, ob genügend Anlagen das Rohöl in die benötigten Produkte umwandeln können. Genau dort wird es inzwischen eng. Deshalb müssen Deutschland und Europa fertige Kraftstoffe importieren, obwohl Rohöl auf anderen Handelswegen grundsätzlich verfügbar sein kann. Die aktuelle Dieselkrise zeigt damit eine Schwachstelle, die teilweise selbst geschaffen wurde.

Sinkende Raffineriekapazitäten machen Europa abhängiger von Dieselimporten. Verfügbares Rohöl allein garantiert noch keine Versorgung
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Raffineriekapazitäten werden plötzlich wieder strategisch wichtig

Wie wichtig eigene Raffinerien sind, formulierte ausgerechnet die Bundesregierung im April ungewöhnlich deutlich. Wirtschaftsministerin Katherina Reiche bezeichnete Deutschlands eigene Produktionskapazitäten als großen Vorteil gegenüber Ländern, die Kerosin ausschließlich importieren. Der Iran-Krieg habe erneut gezeigt, wie wichtig eigene Produktion sei. Diese Erkenntnis ist richtig, kommt jedoch nach Jahren sinkender europäischer Verarbeitungskapazität.

Europa hat seit 2009 nach Angaben des Branchenverbands FuelsEurope 35 Raffinerien verloren. Dadurch sank die Kapazität nach Verbandsangaben um rund 20 Prozent. Gleichzeitig ist die EU bereits Nettoimporteur von Diesel und Flugtreibstoff. Die Ursachen reichen von sinkender Nachfrage bis zu internationalem Wettbewerb und hohen Standortkosten. Dennoch bleibt das Ergebnis dasselbe: weniger Raffineriekapazitäten bedeuten weniger Reserven, sobald internationale Lieferketten ausfallen.


Rohöl allein hält keinen Lastwagen am Fahren

Rohöl im Tanklager hilft wenig, wenn die benötigte Verarbeitung fehlt. Eine Raffinerie produziert aus Rohöl erst Diesel, Benzin, Kerosin, Heizöl und chemische Vorprodukte. Dabei lassen sich die Produktmengen nicht beliebig verschieben. Deshalb kann fehlende Dieselproduktion nicht einfach durch zusätzlich verfügbares Rohöl kompensiert werden.

Genau das zeigt die aktuelle Weltmarktlage. Die IEA meldete für August 2026 einen Raffineriedurchsatz von 81,4 Millionen Barrel täglich. Das waren jedoch 4,2 Millionen Barrel weniger als ein Jahr zuvor. Gleichzeitig erreichten die Margen im Atlantikraum Rekordwerte, vor allem wegen des knappen Diesels. Raffinerien außerhalb der Krisengebiete laufen deshalb vielerorts bereits nahe ihrer Grenze.

Deutschland hat eigene Verarbeitung aufgegeben

Auch Deutschland hat Kapazität verloren. In Wilhelmshaven endete bereits 2010 die Rohölverarbeitung einer Anlage mit 13,5 Millionen Tonnen Jahreskapazität. Im März 2025 stellte Shell außerdem die Rohölverarbeitung in Wesseling ein. Dort entfielen weitere 7,5 Millionen Tonnen Verarbeitungskapazität. Shell baut den Standort zwar für andere Produkte um, jedoch entstehen dort aus Rohöl keine klassischen Kraft- und Heizstoffe mehr.

Damit hängt die Versorgung stärker vom internationalen Handel ab. Das funktioniert in normalen Zeiten meist effizient, jedoch werden Importe in Krisen selbst zum Engpass. Die EU ist heute Nettoimporteur von Diesel, während selbst die USA zeitweise Exportbeschränkungen diskutieren. Russland hat seine Ausfuhren ebenfalls reduziert, und Raffinerien im Nahen Osten fallen teilweise aus. Wer zuvor eigene Raffineriekapazitäten abbaut, besitzt in einer solchen Situation weniger Ausweichmöglichkeiten.

Das ist der eigentliche Widerspruch dieser Entwicklung. Europa will seine Abhängigkeit bei Energie und strategischen Rohstoffen verringern, hat jedoch gleichzeitig einen Teil der heimischen Verarbeitung aufgegeben. Natürlich wäre es wirtschaftlich unsinnig, dauerhaft gewaltige Überkapazitäten vorzuhalten. Versorgungssicherheit verlangt jedoch Reserven und eine belastbare industrielle Basis. Wer erst in der Krise erkennt, dass Rohöl ohne Raffinerien noch keinen Diesel ergibt, kann verlorene Anlagen nicht kurzfristig zurückholen. Genau deshalb verdient der jahrelange Kapazitätsabbau heute eine kritische Neubewertung.

Verfasser: Klaus Bastian – Blackout News
Verwendete Quellen: Reuters (28.09.26) – Reuters (24.09.26) – IEA (11.09.26)

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