Energiepolitik: Erdgas zehnmal teurer als in den USA – Grundstoffindustrie droht der Niedergang

Ein Kommentar unseres Autors Klaus Bastian:

Die deutsche Energiepolitik verschärft den Wettbewerbsnachteil der heimischen Grundstoffindustrie gegenüber den USA. Denn europäisches Erdgas kostet inzwischen mehr als zehnmal so viel wie amerikanisches Gas. Neue Preissteigerungen im Oktober treffen besonders Chemieunternehmen, Düngemittelhersteller und andere energieintensive Betriebe. Zugleich verteuern gestörte Flüssiggaslieferungen aus dem Nahen Osten die europäische Energieversorgung. Deutschland hat seine Kernkraftwerke abgeschaltet und setzt auf den weiteren Ausbau wetterabhängiger Stromerzeugung. Milliardenförderungen können jedoch den Rohstoffbedarf der Industrie nicht ersetzen. Damit drohen Produktionsverlagerungen, ausbleibende Investitionen und der schrittweise Verlust industrieller Wertschöpfung.

Deutschlands Energiepolitik verteuert die Produktion. Hohe Gaspreise gefährden Chemieunternehmen, Arbeitsplätze und Wertschöpfung
Deutschlands Energiepolitik verteuert die Produktion. Hohe Gaspreise gefährden Chemieunternehmen, Arbeitsplätze und Wertschöpfung
Bild: KI-generiert

Grundstoffindustrie verliert gegenüber den USA ihre Wettbewerbsfähigkeit

Am europäischen Gashandelsplatz TTF erreichte Erdgas am 23. Oktober rund 93 Euro je Megawattstunde. Der amerikanische November-Kontrakt notierte dagegen bei lediglich 2,64 Dollar je Million British Thermal Units. Umgerechnet ergibt sich damit ein Preisunterschied von mehr als dem Zehnfachen. Dieser Vergleich betrifft zwar Großhandelspreise und nicht individuelle Lieferverträge. Dennoch zeigt er das gravierende Kostengefälle zwischen den Wirtschaftsräumen. Besonders bei Ammoniak, Methanol und Düngemitteln entscheidet der Gaspreis wesentlich über die Produktionskosten.

Die deutsche Grundstoffindustrie benötigt Erdgas jedoch nicht nur zum Heizen industrieller Anlagen. Sie nutzt es außerdem als Ausgangsstoff für zahlreiche chemische Produkte. Deshalb können Windkraftanlagen und Solarmodule diesen Bedarf nicht unmittelbar ersetzen. Wandert die Grundstoffproduktion ab, geraten auch nachgelagerte Industriezweige in Schwierigkeiten. Kunststoffverarbeiter, Automobilzulieferer und Pharmaunternehmen verlieren möglicherweise wichtige heimische Lieferanten. Gleichzeitig entstehen neue Produktionsanlagen und Arbeitsplätze zunehmend dort, wo Unternehmen langfristig günstigere Energie erwarten.


Milliardenförderung für erneuerbare Energien löst das Kostenproblem nicht

Deutschland hat über Jahrzehnte Hunderte Milliarden Euro für den Ausbau und die Förderung erneuerbarer Energien aufgewendet. Trotzdem bleibt die Energieversorgung energieintensiver Unternehmen international teuer. Wind- und Solaranlagen liefern zwar Strom ohne Brennstoffkosten, jedoch nicht unabhängig von Wetter und Tageszeit. Deshalb benötigt das Stromsystem weiterhin gesicherte Kraftwerksleistung, Netzausbau und zusätzliche Flexibilität. Zudem kann überschüssiger Solarstrom fehlendes Erdgas als chemischen Rohstoff nicht ersetzen. Die Politik fördert somit einen Systemumbau, dessen industrielle Folgekosten bislang nicht ausreichend berücksichtigt erscheinen.

Als künftige Alternative gilt grüner Wasserstoff, doch dessen Wirtschaftlichkeit bleibt problematisch. Die Forschungsstelle für Energiewirtschaft warnte am 9. Oktober vor hohen Produktionskosten und fehlenden langfristigen Abnahmeverträgen. Außerdem behindern regulatorische Vorgaben den wirtschaftlichen Betrieb von Elektrolyseuren. Damit entstehen zusätzliche Unsicherheiten für Unternehmen, die bereits heute Investitionen planen müssen. Während amerikanische Hersteller vergleichsweise günstiges Erdgas nutzen, sollen deutsche Betriebe teilweise auf deutlich teurere Technologien umsteigen. Ohne wettbewerbsfähige Preise droht die Transformation deshalb zum weiteren Standortnachteil zu werden.

Deutsche Energiepolitik belastet den Industriestandort zusätzlich

Die wirtschaftlichen Folgen zeigen sich inzwischen auch in den amtlichen Statistiken. Laut Statistischem Bundesamt lagen die industriellen Erzeugerpreise im September 2026 um 6,7 Prozent über dem Vorjahresniveau. Energie verteuerte sich dabei um 14,9 Prozent und Erdgas in der Verteilung um 15 Prozent. Gleichzeitig stiegen die Preise industrieller Vorleistungsgüter um 6,4 Prozent. Unternehmen müssen somit höhere Kosten entlang ihrer gesamten Produktionsketten verkraften. Die Bundesregierung kann diese Belastungen nicht allein mit weiteren Förderprogrammen beseitigen.

Zwar verbesserte sich das Geschäftsklima der Chemieindustrie im September, doch die strukturellen Probleme bestehen fort. Das ifo Institut meldete Anfang Oktober weiterhin niedrige Auftragsbestände und geplanten Personalabbau. Zudem beruht ein Teil der Erholung auf vorübergehenden internationalen Lieferstörungen. Deutschlands Energiepolitik muss deshalb stärker zwischen Klimazielen, Versorgungssicherheit und industrieller Wettbewerbsfähigkeit abwägen. Der Verzicht auf Kernenergie hat gesicherte Stromerzeugung beseitigt, ohne die Abhängigkeit der Grundstoffindustrie von Erdgas aufzulösen. Die hohen europäischen Gaspreise entstehen zwar auch durch geopolitische Krisen und den Verlust russischer Lieferungen. Gerade deshalb müsste eine verantwortliche Energiepolitik sämtliche verfügbaren Optionen zur Kostensenkung und Versorgungssicherung prüfen.


Industrieabwanderung gefährdet langfristig den Wohlstand

Die wirtschaftliche Gefahr liegt vor allem in dauerhaft verlorenen Investitionen. Ein geschlossenes Chemiewerk lässt sich nicht ohne Weiteres wieder in Betrieb nehmen. Außerdem folgen neuen Produktionsstandorten häufig Zulieferer, Forschungsabteilungen und weitere industrielle Fertigungsschritte. Dadurch können ganze Wertschöpfungsketten schrittweise ins Ausland wandern. Die USA profitieren bereits von ihrer umfangreichen heimischen Gasförderung und einer breiter aufgestellten Energieversorgung. Deutschland riskiert dagegen, dass seine industriellen Standortnachteile immer schwerer zu korrigieren sind.

Die deutsche Energiepolitik muss sich daher nicht nur an installierter Wind- und Solarleistung messen lassen, sondern auch am Erhalt industrieller Wertschöpfung. Klimapolitische Ziele ersetzen keine wirtschaftlich tragfähige Energieversorgung. Solange deutsche Unternehmen ein Vielfaches der amerikanischen Gaspreise bezahlen, bleiben energieintensive Investitionen besonders schwierig. Zusätzliche Fördermilliarden können solche Kostenunterschiede allenfalls teilweise ausgleichen. Ohne eine grundlegende Verbesserung der Standortbedingungen droht Deutschland langfristig industrielle Substanz zu verlieren. Der Preis dafür wäre ein dauerhaft geschwächter Wirtschaftsstandort mit weniger Arbeitsplätzen, geringerer Wertschöpfung und sinkenden Steuereinnahmen.

Verfasser: Klaus Bastian – Blackout News
Verwendete Quellen: Oilprice (23.10.26) – Farmbucks (23.10.26) – Destatis (20.10.26) – Forschungsstelle für Energiewirtschaft (09.10.26)

Lesen Sie auch:

Nach oben scrollen