Hans-Werner Sinn rechnet mit der Energiewende ab – „Alles Humbug. Nichts hat gestimmt“

Der frühere ifo-Präsident Hans-Werner Sinn hat am 9. Oktober 2026 bei einem Vortrag an der Universität Luzern eine vernichtende Bilanz der deutschen Energiewende gezogen. „Alles Humbug. Nichts hat gestimmt“, lautet seine scharfe Kritik an den politischen Versprechen günstiger Energie, neuer Exportmärkte und einer internationalen Vorreiterrolle. Der Ökonom warnt vor dauerhaft hohen Stromkosten, fehlenden Speicherkapazitäten und einer weiteren Schwächung der deutschen Industrie. Zudem hält er die gesetzlich vorgeschriebene Klimaneutralität bis 2045 für unrealistisch. Besonders problematisch seien die wetterabhängige Stromerzeugung und die hohen Kosten zusätzlicher Reservekraftwerke. Unternehmen und Verbraucher müssten deshalb weiterhin erhebliche finanzielle Belastungen durch die deutsche Energiepolitik tragen.

Hans-Werner Sinn kritisiert die Energiewende scharf: Hohe Stromkosten, teure Reservekraftwerke und unerreichbare Klimaziele
Hans-Werner Sinn kritisiert die Energiewende scharf: Hohe Stromkosten, teure Reservekraftwerke und unerreichbare Klimaziele
Bild: Romy Vinogradova, CC BY 4.0, via Wikimedia Commons

Energiewende verursacht nach Sinns Analyse doppelte Kosten

Sinn kritisiert vor allem die wirtschaftlichen Erwartungen, mit denen die Politik den Umbau der Energieversorgung begründet hat. Wind und Sonne sollten günstige Energie liefern, während deutsche Hersteller neue internationale Absatzmärkte erschließen. Tatsächlich gehören die deutschen Strompreise jedoch weiterhin zu den höchsten in Europa. Zudem stammen große Teile der installierten Solarmodule aus chinesischer Produktion. Damit profitieren ausländische Hersteller erheblich vom deutschen Ausbauprogramm, während heimische Industriebetriebe hohe Energiekosten tragen.

Ein entscheidendes Problem sieht Sinn in der notwendigen Absicherung der Stromversorgung. Windkraft und Photovoltaik liefern ihre Leistung abhängig von der Witterung, während Industrie und Haushalte jederzeit Strom benötigen. Deshalb müssen regelbare Kraftwerke und weitere Reservekapazitäten verfügbar bleiben. Deren Bau, Betrieb und Vorhaltung verursachen zusätzliche Kosten, selbst wenn die Anlagen nur wenige Stunden laufen. Die Energiewende erfordert somit erhebliche Investitionen in parallele Erzeugungsstrukturen, Netze und Speicher.


Klimaziele für 2045 geraten zunehmend außer Reichweite

Besonders deutlich fällt Sinns Kritik an den deutschen Klimazielen aus. Deutschland will seine Treibhausgasemissionen bis 2030 um mindestens 65 Prozent gegenüber 1990 senken. Bis 2040 sollen es 88 Prozent sein, während 2045 Klimaneutralität erreicht werden muss. Bis 2025 betrug die tatsächliche Reduktion jedoch erst rund 48 Prozent. Sinn hält deshalb die verbleibende Geschwindigkeit der notwendigen Emissionssenkung für wirtschaftlich und technisch nicht erreichbar.

Auch die offiziellen Projektionen des Umweltbundesamtes bestätigen erhebliche Zielabweichungen. Mit den bisher berücksichtigten Maßnahmen sinken die Emissionen bis 2030 voraussichtlich lediglich um 62,6 Prozent. Für 2040 erwartet die Behörde eine Reduktion von rund 80 statt der vorgeschriebenen 88 Prozent. Allerdings bewertet das Umweltbundesamt die Ziele nicht grundsätzlich als unerreichbar. Sinn geht deutlich weiter und befürchtet, dass zusätzliche staatliche Eingriffe den industriellen Niedergang beschleunigen könnten. Dabei räumt er ein, den Anteil der rückläufigen Industrieproduktion an den bisherigen Emissionsminderungen noch nicht beziffern zu können.

Energiewende scheitert laut Sinn an der saisonalen Speicherung

Ein weiteres Kernproblem betrifft die Speicherung großer Strommengen über mehrere Monate. Batterien können kurzfristige Schwankungen ausgleichen, während Pumpspeicherkraftwerke nur begrenzte Energiemengen aufnehmen. Für längere windarme Winterperioden reicht diese Technik jedoch nicht aus. Auch Wasserstoff hält Sinn wegen der hohen Umwandlungsverluste für wirtschaftlich problematisch. Bei der Herstellung, Speicherung und späteren Rückverstromung können nach seiner Rechnung rund drei Viertel der ursprünglich eingesetzten Energie verloren gehen.

Die Größenordnung des notwendigen Umbaus verdeutlicht Sinn anhand des gesamten Energieverbrauchs. Sein Vortrag bezifferte den erneuerbaren Anteil auf rund 22 Prozent, wobei Wind und Sonne zusammen etwa neun Prozentpunkte beitrügen. Um fossile Energieträger weitgehend zu ersetzen, wäre nach seiner Überschlagsrechnung eine annähernde Verzehnfachung ihres bisherigen Beitrags erforderlich. Allerdings berücksichtigt diese vereinfachte Betrachtung nicht sämtliche Effizienzgewinne durch Elektrifizierung. Die jüngsten Daten des Umweltbundesamtes weisen für 2025 bereits einen erneuerbaren Anteil von 23,9 Prozent am Bruttoendenergieverbrauch aus.


Sinn fordert internationale Klimapolitik statt deutscher Alleingänge

Trotz seiner grundsätzlichen Kritik bestreitet Sinn den Einfluss von Kohlendioxid auf das Klima ausdrücklich nicht. Er hält jedoch nationale Maßnahmen ohne ausreichende internationale Beteiligung für wirtschaftlich problematisch. Stattdessen plädiert er für einen internationalen Klimaklub, der den Verbrauch fossiler Energieträger gemeinsam begrenzt. Solange eine solche Vereinbarung ausbleibt, empfiehlt er stärkere Investitionen in die Anpassung an den Klimawandel. Dazu zählt er beispielsweise Hochwasserschutz und technische Maßnahmen gegen zunehmende Hitze.

Für die Bundesregierung ergibt sich daraus eine grundlegende wirtschaftspolitische Herausforderung. Sie verfolgt weiterhin ehrgeizige Ausbau- und Klimaziele, während Unternehmen zugleich bezahlbaren und verlässlich verfügbaren Strom benötigen. Eine umfassende Bewertung darf deshalb nicht nur die Erzeugungskosten einzelner Windräder und Solaranlagen berücksichtigen. Entscheidend sind vielmehr die Gesamtkosten einschließlich Netzausbau, Reservekraftwerken, Speichern und Systemstabilisierung. Genau an dieser gesamthaften Bilanzierung setzt Sinns Kritik an. Ohne nachvollziehbare Kostenrechnung und belastbare Versorgungskonzepte drohen weitere Wettbewerbsnachteile für die deutsche Industrie.

Verfasser: Blackout News
Verwendete Quellen: IWP (21.10.26) – Report (21.10.26) – Nachrichtenblatt (23.10.26)

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