Ein Kommentar unseres Autors Klaus Bastian:
Nach dem stockenden Wasserstoffhochlauf rücken Batteriespeicher immer stärker ins Zentrum der Energiewende. Fraunhofer ISE zeigt nun, dass zusätzliche 20 Gigawatt die täglichen Preisunterschiede am Strommarkt um rund 60 Prozent reduzieren könnten. Doch genau diese Preisunterschiede sind die wichtigste Erlösquelle der Speicher: Sie kaufen Strom bei niedrigen Preisen und verkaufen ihn später zu höheren Preisen. Je mehr Speicher gleichzeitig so handeln, desto stärker steigen die niedrigen Preise und desto stärker fallen die hohen. Durch die schrumpfe Marge, aus der sich neue Speicher finanzieren sollen, drohen sie sich bei weiterem Ausbau selbst zu kannibalisieren. Zugleich ersetzen Zweistundenspeicher keine Versorgung während längerer Dunkelflauten. Nach den wirtschaftlichen Problemen vieler Wasserstoffprojekte könnte damit auch die nächste große Speicherhoffnung auf staatliche Vergütungsmodelle angewiesen sein.

Bild: Shutterstock
Wasserstoff sollte überschüssigen Wind- und Solarstrom retten
Noch vor wenigen Jahren galt grüner Wasserstoff als entscheidende Antwort auf schwankende Wind- und Solarproduktion. Überschüssiger Strom sollte Elektrolyseure versorgen und später als Wasserstoff langfristig gespeichert werden. Die Bundesregierung erhöhte deshalb ihr Ziel auf zehn Gigawatt heimische Elektrolyseleistung bis 2030. Anfang 2026 liefen jedoch lediglich rund 181 Megawatt.
Auch die Projektpipeline sieht ernüchternd aus. Weitere rund 1,27 Gigawatt hatten eine Investitionsentscheidung oder befanden sich im Bau. Dagegen fehlte diese Entscheidung bei mehr als sieben Gigawatt angekündigter Projekte. Das EWI entfernte außerdem rund drei Gigawatt aus seiner Datenbank. Projekte waren abgesagt worden oder hatten über längere Zeit keinerlei Fortschritt mehr gezeigt.
Hohe Kosten haben den Wasserstoffboom ausgebremst
Als Hauptgründe nennt das EWI hohe Produktionskosten, geringe Zahlungsbereitschaft der Abnehmer und regulatorische Unsicherheit. Selbst hohe staatliche Förderzusagen garantieren deshalb keine Umsetzung. ArcelorMittal stoppte 2025 seine Wasserstoffpläne für Bremen und Eisenhüttenstadt. Dabei verzichtete der Konzern auf rund 1,3 Milliarden Euro zugesagte staatliche Förderung.
Auch auf der Technologieseite folgte Ernüchterung. Thyssenkrupp Nucera gab 2026 Pläne für die Serienproduktion bestimmter Hochtemperatur-Elektrolyse-Stacks auf. Das Unternehmen verbuchte deshalb Belastungen von rund 30 Millionen Euro. Gleichzeitig bezeichnet das EWI die Wirtschaftlichkeit vieler Elektrolyseprojekte weiterhin als angespannt. Wasserstoff bleibt für Industrie und Langzeitspeicherung technisch interessant, doch ein selbsttragender Massenmarkt ist bisher nicht entstanden.
Batteriespeicher sollen übernehmen – und zerstören ihren eigenen Spread
Jetzt sollen Batteriespeicher einen wachsenden Teil der kurzfristigen Stromüberschüsse aufnehmen. Fraunhofer simuliert dafür 20 Gigawatt zusätzliche Leistung mit 40 Gigawattstunden Kapazität. Dadurch fällt der durchschnittliche tägliche Preisunterschied von rund 130 auf 53 Euro je Megawattstunde. Gleichzeitig steigt der Marktwert von Solarstrom deutlich, während extreme positive und negative Börsenpreise seltener werden.
Für das Stromsystem kann das nützlich sein, für den Betreiber entsteht jedoch ein Zielkonflikt. Eine aktuelle Studie in Energy Policy berechnet bei zehn zusätzlichen Gigawattstunden einen Rückgang der Speichererlöse um 65,6 Prozent. Schon moderate Kapazitäten führen demnach zu erheblicher Selbstkannibalisierung. Die Autoren diskutieren deshalb sogar Subventionen oder eine spezielle Speicherumlage. Zusätzliche Erlöse aus Regelenergie und Systemdienstleistungen können das Problem mindern, beseitigen es jedoch nicht automatisch.
Wind, Solar und Speicher geraten in dieselbe Marktlogik
Bei Wind- und Solaranlagen ist dieser Mechanismus längst bekannt. Viel Solarstrom drückt mittags genau dann den Preis, wenn Solaranlagen besonders viel produzieren. Starker Wind wirkt entsprechend auf die Erlöse der Windkraft. Deshalb sinkt mit wachsendem Ausbau der Marktwert zusätzlicher Anlagen, sofern nicht gleichzeitig flexible Nachfrage entsteht.
Batteriespeicher verschieben dieses Problem zunächst. Sie kaufen bei niedrigen Preisen und verkaufen bei hohen Preisen. Dadurch helfen sie Wind und Solar, jedoch verkleinern sie gleichzeitig ihre eigene Handelsspanne. Eine Studie von 2026 zeigt zudem, dass sinkende Batteriekosten die wirtschaftliche Bedeutung von Wasserstoffspeichern weiter reduzieren können. Damit ersetzt eine Speicherhoffnung teilweise die vorherige, ohne deren grundlegendes Kostenproblem vollständig zu lösen.
Nach Wasserstoff droht die nächste Förderspirale
Die Entwicklung folgt einem klaren Muster. Wind- und Solaranlagen drücken bei hoher Einspeisung ihre eigenen Marktwerte. Wasserstoff sollte überschüssige Energie langfristig speichern, doch hohe Kosten und schwache Nachfrage haben den geplanten Hochlauf bislang massiv gebremst. Nun sollen Batteriespeicher einen größeren Teil der kurzfristigen Schwankungen auffangen. Doch auch ihr Geschäftsmodell gerät mit wachsendem Ausbau unter Druck, weil sie genau jene Preisunterschiede verkleinern, aus denen sie ihre Erlöse erzielen.
Für Stromkunden bedeutet das nicht automatisch niedrigere Preise. Fraunhofer zeigt selbst, dass 20 Gigawatt zusätzliche Speicher den durchschnittlichen Börsenstrompreis in der betrachteten Simulation praktisch nicht senken. Gleichzeitig müssen Milliardeninvestitionen, Netzanschlüsse, Speicherverluste und möglicherweise zusätzliche Vergütungsmodelle finanziert werden. Batteriespeicher können extreme Preisspitzen glätten und Solarstrom besser in den Markt integrieren. Eine spürbar günstigere Stromversorgung für Haushalte folgt daraus jedoch nicht. Damit droht nach der enttäuschten Wasserstoffhoffnung die nächste kostspielige Ausbaustufe einer Energiewende, deren technische Lösungen immer neue Investitionen benötigen, ohne das grundlegende Kostenproblem für Verbraucher zu beseitigen.
Verfasser: Blackout News
Verwendete Quellen: Fraunhofer (01.10.26) – Sciencedirect (03.10.26) – EWI (01.10.26) – Reuters (11.08.26)
Lesen Sie auch:
