Zwei neue wissenschaftliche Studien legen eine Schwachstelle bei der Planung künftiger Stromsysteme offen. Historische Wetterdaten können kritische Erzeugungslücken möglicherweise nicht mehr ausreichend abbilden. Eine Nature-Studie berechnet für kombinierte Wind- und Solar-Schwächephasen eine um 155,7 Prozent längere Dauer unter einem Klimaszenario. Eine weitere Studie mit 35 Wetterjahren zeigt zugleich erhebliche Unterschiede bei der Versorgungssicherheit. Damit könnte eine Dunkelflaute deutlich mehr Reserveenergie erfordern, als Modelle mit zu günstigen Wetterannahmen ausweisen. Für Deutschland ist das relevant, weil die Netzplanung ihre Wetterbasis gerade grundlegend verändert.

Bild: KI-generiert
Neue Studien zur Dunkelflaute stellen historische Wetterdaten infrage
Die Nature-Studie untersucht sogenannte „Flash Energy Droughts“. Dabei sinkt die Wind- oder Solarerzeugung schnell und bleibt anschließend mehrere Tage ungewöhnlich niedrig. Unter SSP1-2.6 nimmt die modellierte Dauer bei Wind um 25,6 Prozent zu. Bei Solar sind es 29,8 Prozent. Bei gleichzeitig schwacher Wind- und Solarproduktion steigt sie sogar um 155,7 Prozent.
Entscheidend ist deshalb weniger der historische Vergleichszeitraum selbst. Entscheidend ist die dahinterliegende Annahme, dass vergangene Wetterverteilungen künftige Belastungen ausreichend beschreiben. Genau diese Annahme könnte an Aussagekraft verlieren. Verändern sich Dauer und Häufigkeit extremer Wetterlagen, können Modelle den notwendigen Puffer zu niedrig bestimmen. Die Dunkelflaute wird damit auch zu einem Problem der Eingangsdaten.
35 Wetterjahre liefern deutlich unterschiedliche Ergebnisse
Eine am 30. September veröffentlichte Studie im Fachjournal Energy verstärkt diesen Befund. Forscher modellierten die Stromversorgung der nordischen und baltischen Länder mit 35 Wetterjahren. Dabei beeinflussten die Wetterbedingungen Angebot und Nachfrage erheblich. Besonders Finnland erreicht im Modell durchschnittlich 2,6 bis 9,1 Stunden jährlicher Stromknappheit. Zusätzliche Kraftwerks- und Leitungsausfälle verschärfen diese Situation deutlich.
Diese Untersuchung verwendet allerdings keine zukünftigen Klimaprojektionen und bestätigt daher nicht direkt die Nature-Prognose. Sie zeigt jedoch ein fundamentales Problem der Modellierung. Unterschiedliche Wetterjahre erzeugen unterschiedliche Ergebnisse zur Versorgungssicherheit. Deshalb kann die Auswahl der Wetterbasis darüber entscheiden, wie viel steuerbare Leistung und Flexibilität ein Modell benötigt. Je stärker Wind und Solar das System prägen, desto wichtiger wird diese Auswahl.
Deutschland ändert bereits die Wetterbasis seiner Netzplanung
Auch die deutschen Übertragungsnetzbetreiber reagieren inzwischen auf dieses methodische Problem. Bisher verwendeten sie für die langfristige Netzplanung ein historisches Wetterjahr. Im Entwurf des Szenariorahmens 2027 setzen sie erstmals Wetter- und Klimaprojektionen aus Klimamodellen ein. Damit sollen künftige Auswirkungen auf Stromerzeugung, Verbrauch und Netzauslastung differenzierter berücksichtigt werden. Die Bundesnetzagentur prüft diesen Entwurf nach Abschluss der Konsultation noch.
Die Konsequenz reicht jedoch weit über neue Stromleitungen hinaus. Dauert eine Dunkelflaute länger, müssen Ersatzquellen entsprechend länger Energie liefern. Batterien benötigen dafür mehr gespeicherte Kilowattstunden, während steuerbare Kraftwerke länger Brennstoff verbrauchen. Außerdem müssen Importe über einen längeren Zeitraum verfügbar bleiben. Deutschland plant deshalb rund neun Gigawatt Langzeitkapazitäten zur Absicherung längerer Schwächephasen. Die neuen Studien beweisen nicht, dass diese Kapazität zu gering ist. Sie zeigen jedoch, warum ihre ausreichende Dimensionierung von realistischen Wetterannahmen abhängt.
Damit verschiebt sich die zentrale Frage der Versorgungssicherheit. Es genügt nicht, genügend Gigawatt für einen kurzen Leistungseinbruch bereitzuhalten. Das System muss diese Leistung auch über die gesamte Dauer einer außergewöhnlichen Schwächephase liefern können. Wird diese Dauer in den Planungsmodellen unterschätzt, fällt auch der berechnete Energiebedarf für Speicher und Reserven zu gering aus. Historische Wetterdaten bleiben deshalb wertvoll, aber sie können für ein Stromsystem der kommenden Jahrzehnte allein keine ausreichende Belastungsprobe mehr sein.
Verfasser: Blackout News
Verwendete Quellen: Nature Climate Change (21.09.26) – sciencedirect (30.09.26) – Fraunhofer (01.10.26)
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