In Berlin zeigt der Zerfall der deutschen Infrastruktur nun drastische Folgen: Die Technische Universität musste ihr Hauptgebäude kurzfristig wegen akuter Sicherheitsmängel sperren. Betroffen sind rund 32.000 Studenten sowie Lehrkräfte, die binnen weniger Stunden Büros und Arbeitsräume räumen mussten. Auslöser war die Einstufung des Gebäudes als nicht mehr nutzbar, während jahrelange Vernachlässigung den Sanierungsstau verschärft hatte.
Zerfall trifft den Kern der Berliner Wissenschaft
Das Hauptgebäude galt praktisch über Nacht aufgrund akuter Sicherheitsmängel nicht mehr als sicher nutzbar. Deshalb packten Mitarbeiter und Studenten Unterlagen, Taschen und persönliche Dinge zusammen. Manche verließen die Räume sogar mit Pflanzen in den Händen.

Der frühere TU-Präsident Jörg Steinbach warnte außerdem vor weiteren Risiken. Ohne sofortige Sanierung hätten auch die Gebäude für Mathematik und Chemie ihre natürliche Nutzungsdauer erreicht. Die Universität sollte ihre Instandhaltung jedoch aus dem laufenden Haushalt bezahlen, obwohl diese Vorgabe kaum erfüllbar war.
Milliardenbedarf trifft auf politische Versäumnisse
Die Sanierung der TU Berlin soll inzwischen rund 2,4 Milliarden Euro kosten. Allein für die Rettung des Hauptgebäudes wären etwa 300 Millionen Euro nötig. Doch das Geld fehlt, während der Betrieb einer der größten deutschen Hochschulen weitergehen soll.
Der Zerfall beschränkt sich jedoch nicht auf die Hauptstadtuniversität. In Hamburg musste das Magazin der Universitätsbibliothek ebenfalls in großer Eile geräumt werden. In Bayern sollen Feuchtigkeitsschäden in Unikellern inzwischen bizarre Ausmaße erreicht haben.
Brücken und Prestigebauten verschlingen Milliarden
Auch Berlins Brücken zeigen das Ausmaß der Krise. 175 Bauwerke gelten als so marode, dass nur noch ein zeitnaher Abriss infrage kommen soll. Der Neubau würde jedoch fast zwei Milliarden Euro kosten.
Gleichzeitig binden große Kulturbaustellen enorme Mittel und Zeit. Das Pergamon-Museum bleibt seit 2023 geschlossen und soll frühestens 2037 vollständig fertig sein. Realistischer erscheint 2043, während die Kosten bei rund 1,5 Milliarden Euro liegen.
Sonderschulden erhöhen den Druck auf die Prioritäten
Das Deutsche Historische Museum bleibt außerdem seit 2021 teilweise geschlossen. Die Staatsbibliothek soll von 2030 bis 2041 saniert werden. Ihre Kosten liegen bei 1,1 Milliarden Euro, wobei viele Beobachter mit weiteren Steigerungen rechnen.
Vor diesem Hintergrund gewinnt die Debatte über 500 Milliarden Euro Sonderschulden besondere Schärfe. Dieses Geld müsste deshalb vorrangig in Infrastruktur fließen. Schulen, Krankenhäuser, Feuerwachen, Sporthallen, Brücken und Universitäten haben über Jahrzehnte Sanierungen aufgeschoben.
Ohne Kurswechsel drohen weitere Schließungen
Selbst 500 Milliarden Euro könnten jedoch nicht reichen, um alle Schäden zu beseitigen. Dennoch halten Teile der Politik am bisherigen Kurs fest. Bärbel Bas steht dabei beispielhaft für eine SPD-Linie, die hohe Sozialausgaben verteidigt, während der bauliche Schaden weiter wächst.
Auf dem DGB-Kongress erhielt Bas viel Zustimmung. Doch Applaus aus Gewerkschaftskreisen saniert keine Hörsäle und keine Brücken. Auch frühere SPD-Wähler erwarten Schulen ohne Schimmel und Verkehrswege, die nicht plötzlich ausfallen.
Der Staat kann den Zerfall der Infrastruktur nicht länger verwalten
Ohne Einsparungen an anderer Stelle lässt sich diese Priorität kaum finanzieren. Besonders die hohen Sozialkosten geraten deshalb stärker in den Blick. Denn jeder Euro, der dauerhaft falsch gebunden bleibt, fehlt bei tragenden Strukturen.
Deutschland kann den Zerfall nicht weiter verwalten und zugleich auf ein Wunder hoffen. Wenn die Politik Sanierungen weiter verschiebt, schließen nicht nur einzelne Gebäude. Dann geraten Forschung, Bildung, Verkehr und öffentliche Sicherheit gleichzeitig ins Risiko.
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