In Berlin verschärft sich vor den Sommerberatungen zum Kraftwerkssicherheitsgesetz der Streit über neue Gaskraftwerke, weil längere Dunkelflauten laut einer Uniper-Auswertung deutlich häufiger auftreten als vielfach dargestellt. Zwischen 2016 und 2025 zählt der Konzern 1435 Phasen mit mehr als zehn Stunden schwacher Wind- und Solarleistung. Batteriespeicher helfen jedoch nur, wenn sie vor Beginn solcher Lagen ausreichend geladen sind. Dafür braucht das Stromsystem vorher Überschussstrom aus Wind und Sonne. Genau dieser Überschuss fällt aber nur zeitweise an. Deshalb betrifft die Debatte Versorgungssicherheit, Strompreise, Industrieproduktion und den Kohleausstieg (boersen-zeitung: 28.05.26).
Bundesnetzagentur sieht großen Bedarf an gesicherter Leistung zur Sicherstellung der Versorgungssicherheit
Die Bundesnetzagentur rechnet bis 2030 mit 21 Gigawatt neuer steuerbarer Kraftwerksleistung. Diese Anlagen sollen einspringen, wenn wetterabhängige Erzeugung fehlt. Außerdem soll der geplante Kohleausstieg weiter möglich bleiben. Ohne Ersatzkapazitäten steigt die Abhängigkeit von Importstrom.

Wirtschaftsministerin Katherina Reiche plant zunächst rund zehn Gigawatt neue Gaskraftwerke. Mehr hat die EU-Kommission bislang nicht genehmigt. Kritiker halten diesen Umfang dennoch für zu groß. Sie verweisen auf Batteriespeicher, weil diese kurze Stromlücken zur Versorgungssicherheit schnell abdecken können.
Dunkelflauten machen das Speicherproblem sichtbar
Der entscheidende Punkt liegt vor dem eigentlichen Strommangel. Ein Speicher erzeugt keinen Strom. Er kann nur Energie abgeben, die zuvor eingespeichert wurde. Deshalb muss er vor einer längeren Flaute möglichst voll sein.
Das Laden gelingt jedoch nur bei verfügbarem Überschussstrom. Dieser entsteht vor allem bei starkem Wind, hoher Solarproduktion und geringer Nachfrage. Solche Zeitfenster fallen nicht planbar vor jeder Schwachwindphase an. Außerdem konkurrieren Speicher, Verbraucher, Netze und Exporte um dieselbe Energie.
Kurze Leistungsspitzen reichen nicht zum Nachladen
Uniper kritisiert Berechnungen, die kurze Ausschläge bei Wind- oder Solarstrom zu stark gewichten. Steigt die Leistung für kurze Zeit über einen Grenzwert, endet eine Flaute in manchen Modellen rechnerisch. Danach kann die Erzeugung jedoch sofort wieder absinken. Christian Brose von Uniper sagt dazu: „Aus systemischer Perspektive ist dieses Verfahren unzureichend.“
Die Uniper-Meteorologen nutzen deshalb einen gleitenden Sechs-Stunden-Durchschnitt. Dadurch fallen kurze Spitzen weniger stark ins Gewicht. Nach dieser Methode gab es zwischen 2016 und 2025 im Schnitt jeden dritten Tag ein Ereignis mit mehr als zehn Stunden Dauer. Die durchschnittliche Länge lag bei 12,9 Stunden.
Lange Flauten überfordern übliche Batteriespeicher
Viele Batteriespeicher liefern Strom nur zwei bis vier Stunden lang. Danach brauchen sie neue Energie. Während einer längeren Flaute fehlt diese Energie aber gerade. Deshalb kann ein leerer Speicher keine Kraftwerksleistung ersetzen.
Besonders deutlich zeigt sich das im Jahr 2024. Während Claudia Kemfert vom DIW zwei Fälle nannte, zählt Uniper 160 Ereignisse. Die längste Phase dauerte 127 Stunden. Im Jahr 2023 hielt ein Mangel an Wind- und Solarstrom sogar 161 Stunden an. Außerdem treten 24-stündige Flauten laut Uniper fast monatlich auf.
Kohleausstieg erhöht den Druck auf die Kraftwerksstrategie
Für die Kraftwerksstrategie folgt daraus eine klare Rollenverteilung. Batterien stabilisieren das Netz und glätten kurze Schwankungen. Gaskraftwerke sichern längere Wetterausfälle ab. Deshalb ersetzen Speicher keine wetterunabhängige Erzeugung.
Der geplante Kohleausstieg verschärft diese Lage zusätzlich. In den nächsten vier Jahren sollen Braunkohlekraftwerke mit 8,5 Gigawatt vom Netz gehen. Diese Leistung muss das System rechtzeitig ersetzen. Andernfalls steigen Importabhängigkeit, Reservebedarf und Kosten für Eingriffe in den Strommarkt. (KOB)
Lesen Sie auch:
- Netzbetreiber ziehen Notbremse und stoppen hunderte Batteriespeicher-Anträge
- Batteriespeicher ohne Strategie: Wie falsche Standorte das Stromnetz belasten
- Modellrechnung stützt Reiche – Gaskraftwerke für Versorgungssicherheit unentbehrlich
- EU erlaubt Deutschland nur 12 GW neue Gaskraftwerke – obwohl über 20 GW nötig sind
