Reiche will heimische Gasförderung durch Fracking prüfen

Die Bundesregierung will die Gasförderung in Deutschland ausweiten und dafür ausgewählte heimische Vorkommen prüfen. Anlass sind steigende Energiepreise nach der Eskalation im Nahen Osten, außerdem wächst der politische Druck, die Abhängigkeit von Importen zu verringern. Wirtschaftsministerin Katherina Reiche hatte sich bereits Ende Februar für die Nutzung deutscher Reserven ausgesprochen. Mitte März legte ihr Umfeld ein Kurzgutachten vor, das Fracking als prüfenswerte Option nennt. Im Koalitionsbeschluss taucht der Begriff zwar nicht ausdrücklich auf, jedoch bekennt sich die Regierung zur Erschließung heimischer Gasvorkommen. Der entscheidende Widerspruch bleibt damit sichtbar: Deutschland hat Fracking im eigenen Land über Jahre weitgehend abgewehrt, obwohl sich damit Teile der Versorgung absichern ließen. Zugleich importiert die Bundesrepublik Gas aus Staaten, die genau diese Methode einsetzen. Die Debatte ist deshalb nicht nur energiepolitisch heikel, sondern auch ein Beleg für eine lange gepflegte politische Doppelmoral (t-online: 14.04.26).


Regierung rückt von ihrer alten Linie ab

Katherina Reiche treibt diesen Kurswechsel seit Wochen voran. Ende Februar sagte sie der Funke Mediengruppe: „Wir haben eigene Reserven in Deutschland“. Damit sprach sie einen Punkt an, den die deutsche Energiepolitik lange nur am Rand behandelt hat.

Gasförderung in Deutschland: Die Regierung prüft Fracking, obwohl sie die Methode im Inland jahrelang blockierte
Gasförderung in Deutschland: Die Regierung prüft Fracking, obwohl sie die Methode im Inland jahrelang blockierte

Wenige Wochen später folgte die fachliche Unterfütterung. Mitte März erstellten Berater aus dem Wirtschaftsministerium ein Kurzgutachten zu den Folgen der Nahost-Eskalation für Europas Energiepreise. Die Ökonomen um Veronika Grimm schreiben darin: „Eine Möglichkeit wäre es, die Gas-Extraktion etwa durch Fracking zu erlauben und ernsthaft zu prüfen, um die Abhängigkeit von ausländischen Lieferanten zu reduzieren.“ Diese Empfehlung wirkt wie eine späte Rückkehr zur Realität, weil die Versorgungssicherheit längst wieder zum Kern der Energiepolitik geworden ist.

Gasförderung soll helfen, das Importproblem zu mindern

Im Koalitionspapier fehlt das Wort Fracking. Die politische Richtung ist dennoch eindeutig, weil die Regierung die „Erschließung ausgewählter heimischer Gasvorkommen“ ankündigt. Daneben nennt sie weitere Schritte wie eine Senkung der Energiesteuer auf Benzin und Diesel sowie eine einmalige steuerfreie Entlastungsprämie.

Die Regierung versucht damit, die Folgen hoher Energiepreise kurzfristig abzufedern und zugleich neue Spielräume bei der Versorgung zu schaffen. Gerade bei der heimischen Gasförderung zeigt sich jedoch die Schwäche des bisherigen Kurses. Deutschland ächtet Fracking im Inland weitgehend, nutzt über Gasimporte aber seit Jahren die Erträge eben jener Technik. Der moralische Anspruch galt also vor allem auf eigenem Boden, nicht aber beim Bezug aus dem Ausland.


Die größten Reserven liegen dort, wo gefördert werden dürfte

Seit 2017 ist Fracking in Deutschland in unkonventionellen Lagerstätten weitgehend verboten. Zulässig sind dort nur wissenschaftlich begleitete Erprobungsmaßnahmen. In konventionellen Lagerstätten bleibt Förderung erlaubt. Der rechtliche Rahmen setzt der heimischen Erschließung deshalb enge Grenzen.

Gerade das macht die jetzige Debatte so brisant. Nach Angaben des Bundesverbands Erdgas, Erdöl und Geoenergie liegen die größten heimischen Potenziale in unkonventionellen Lagerstätten. Diese Vorkommen lassen sich nur mit Fracking erschließen. Wer also heute mehr Unabhängigkeit fordert, muss zugleich erklären, warum diese Möglichkeit über Jahre politisch tabuisiert wurde.

Verspätete Einsicht statt strategischer Energiepolitik

Der neue Vorstoß ist deshalb kein Ausdruck langfristiger Planung. Er wirkt vielmehr wie das Eingeständnis, dass Deutschland zentrale Fragen der Versorgung zu lange ideologisch behandelt hat. Solange Gas zuverlässig auf dem Weltmarkt verfügbar war, ließ sich diese Haltung politisch bequem verteidigen. In einer Phase geopolitischer Krisen verliert sie jedoch ihre Glaubwürdigkeit.

Hinzu kommt ein offener Zielkonflikt. Die Koalition will den Ausbau der erneuerbaren Energien weiterhin „ambitioniert“ vorantreiben. Das ändert aber nichts daran, dass Versorgungssicherheit, Preisstabilität und industrielle Wettbewerbsfähigkeit kurzfristig weiter stark vom Gas abhängen. Genau deshalb kommt die Debatte über die heimische Gasförderung jetzt mit Wucht zurück. Sie zeigt vor allem, wie teuer eine Politik werden kann, die Risiken im Inland ächtet, ihre Folgen im Ausland aber stillschweigend akzeptiert.

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