Im österreichischen Kundl entscheidet sich im Juni 2026 ein wichtiger Teil der europäischen Arzneimittelversorgung. Dort betreibt Sandoz das letzte große Werk Europas, das Penicillin vollständig vom Grundstoff bis zum Medikament herstellt. Der Konzern wirft chinesischen Produzenten staatlich begünstigte Dumpingpreise bei Amoxicillin-Wirkstoffen vor. Deshalb bereitete Sandoz im März eine Antidumpingbeschwerde bei der EU-Kommission vor. Niedrige Erstattungspreise und starre Ausschreibungen verschärfen zugleich den Kostennachteil des Tiroler Standorts gegenüber China. Ein weiterer Preisverfall könnte die letzte vollständige Produktionskette Europas gefährden und die Abhängigkeit von China erhöhen.
Penicillin aus Kundl beginnt beim eigenen Wirkstoff
Das Werk stellt zunächst den Grundbaustein 6-APA her. Daraus entstehen mehrere Antibiotika, darunter das häufig verordnete Amoxicillin. Außerdem verarbeitet Sandoz die Wirkstoffe vor Ort zu Tabletten, Säften und anderen Arzneiformen. Diese vollständige Fertigung unterscheidet Kundl von Betrieben, die Vorprodukte aus Asien beziehen.

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Nach Angaben des Unternehmens stammen rund 94 Prozent der Wirkstoffe für generische Antibiotika weltweit aus China. Zudem importiert Europa einen großen Teil seines Amoxicillin-Wirkstoffs aus asiatischer Produktion. Sandoz spricht deshalb nicht nur von gewöhnlichem Preiswettbewerb. Zwischen 2022 und 2025 seien die Preise wichtiger Vorprodukte um fast 60 Prozent gesunken.
Hohe Investitionen lösen das Preisproblem nicht
Österreich und Sandoz investierten seit 2020 rund 200 Millionen Euro in Kundl. Dabei flossen 150 Millionen Euro in die modernisierte Wirkstoffproduktion. Weitere 50 Millionen Euro dienten dem Ausbau der Fertigung fertiger Antibiotika. Außerdem genehmigte die EU-Kommission eine österreichische Beihilfe von 28,8 Millionen Euro.
Die neuen Anlagen steigern zwar die Kapazität, doch sie sichern noch keine rentable Produktion. Kundl kann inzwischen bis zu 240 Millionen Antibiotikapackungen pro Jahr herstellen. Außerdem verdoppelte Sandoz die Kapazität für flüssiges Amoxicillin für Kinder auf mehr als 60 Millionen Einheiten. Der Konzern verkauft nach eigenen Angaben dennoch Teile der Produktion unterhalb der vollständigen Herstellungskosten.
Ausschreibungen bevorzugen häufig den niedrigsten Preis
Generika sollen günstig bleiben, weil Krankenkassen und staatliche Gesundheitssysteme ihre Ausgaben begrenzen müssen. Deshalb erhalten bei vielen Ausschreibungen vor allem Anbieter mit dem niedrigsten Preis den Zuschlag. Produktionsstandort, Lieferkettenlänge und eigene Wirkstofffertigung zählen dagegen oft kaum. Europäische Werke tragen jedoch höhere Lohn-, Energie- und Umweltkosten als viele asiatische Konkurrenten.
Der geplante Critical Medicines Act der EU soll die Versorgung mit wichtigen Arzneimitteln stabilisieren. Dabei sollen europäische Kapazitäten, gemeinsame Beschaffung und breiter verteilte Lieferketten mehr Gewicht erhalten. Sandoz fordert außerdem feste Anteile für Medikamente aus europäischer Produktion. Entscheidend bleibt jedoch die Definition der Herkunft. Eine reine Endverarbeitung in Europa würde Hersteller mit asiatischen Vorprodukten weiterhin begünstigen.
Europas Arzneimittelversorgung bleibt verwundbar
Die Engpässe seit dem Winter 2022 zeigten die Folgen stark konzentrierter Lieferketten. Besonders Amoxicillin-Säfte für Kinder fehlten zeitweise in mehreren europäischen Staaten. Fällt ein großer asiatischer Lieferant aus, können andere Hersteller die fehlenden Mengen außerdem nicht kurzfristig ersetzen. Neue Fermentationsanlagen erfordern hohe Investitionen, erfahrene Fachkräfte und langwierige Genehmigungen.
Die EU-Kommission muss nun prüfen, ob ausreichende Belege für ein Antidumpingverfahren vorliegen. Mögliche Maßnahmen wären zusätzliche Zölle oder andere handelspolitische Instrumente. Zugleich müssten Ausschreibungen nachweislich stabile Lieferketten und europäische Penicillin-Produktion stärker berücksichtigen. Andernfalls könnte Europa seine letzte vollständige Fertigung verlieren. Ein späterer Wiederaufbau wäre jedoch deutlich teurer als der Erhalt des bestehenden Werks.
Verfasser: Blackout News
Verwendete Quellen: Apple Podcasts (15.06.26) – NZZ (15.06.26) – Süddeutsche Zeitung (31.05.26) – dsn (09.06.26) – Reuters (28.05.26)
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