Kurswechsel: Mehrheit der Bürger hält Atomausstieg mittlerweile für falsch

In Berlin zeigt eine neue repräsentative Umfrage, wie stark sich die Energiepolitik von der Stimmung im Land entfernt hat. 53 Prozent der Befragten halten die Abschaltung der letzten deutschen Atomkraftwerke für falsch, nur 40 Prozent finden sie richtig. Auslöser der Debatte sind hohe Strompreise, Zweifel an der Versorgungssicherheit und die ernüchternde Bilanz seit dem endgültigen Atomausstieg im April 2023. Der politische Hintergrund reicht bis zum Fukushima-Beschluss von 2011 zurück, jedoch hat sich die Lage durch Energiekrise, Ukraine-Krieg und neue Importabhängigkeiten grundlegend verändert. Besonders schwer wiegt, dass ein zentrales Versprechen der Energiewende bis heute unerfüllt geblieben ist: Günstigerer Strom aus erneuerbaren Energien ist ausgeblieben, während die Preise für Verbraucher und Wirtschaft weiter gestiegen sind. Der eigentliche Kurswechsel kommt deshalb nicht aus der Politik, sondern aus der Bevölkerung. Für Bürger und Unternehmen bedeutet das anhaltend hohe Kosten, wachsende Unsicherheit und zugleich den Eindruck, dass die Regierung selbst klare Mehrheiten ignoriert, sobald sie nicht in den eigenen Kurs passen (welt: 21.04.26).


Kurswechsel in der Bevölkerung, Stillstand in der Regierung

Die Zahlen sind eindeutig, jedoch behandelt die Politik sie, als wären sie politisch folgenlos. Fast jeder Dritte bezeichnet den Atomausstieg sogar als „voll und ganz falsch“. Wer bei anderen Konfliktthemen jede Mehrheit sofort zur Handlungsgrundlage erklärt, kann diese Mehrheit hier nicht einfach beiseiteschieben. Genau das geschieht aber. Der Kurswechsel der Bürger wird nicht aufgegriffen, sondern übergangen. Das wirkt nicht wie demokratische Sensibilität, sondern wie politische Selektivität.

Mehrheit lehnt Atomausstieg ab. Der Kurswechsel der Bürger ist klar, doch die Politik hält trotz Energiekrise am alten Kurs fest
Mehrheit lehnt Atomausstieg ab. Der Kurswechsel der Bürger ist klar, doch die Politik hält trotz Energiekrise am alten Kurs fest

Besonders brisant ist der Abstand zwischen alter Begründung und heutiger Realität. Der Atomausstieg wurde 2011 nach Fukushima beschlossen. Damals war die energiepolitische Lage eine andere. Heute kämpft Deutschland jedoch mit hohen Strompreisen, schwacher Wettbewerbsfähigkeit und wachsendem Druck auf die Versorgung. Trotzdem hält die Politik an einem Beschluss fest, der unter völlig anderen Bedingungen gefasst wurde. Sie fordert von Bürgern und Wirtschaft dauernd Anpassung, zeigt selbst jedoch kaum Bereitschaft zur Korrektur. Genau darin liegt der Kern des Problems.


Erneuerbare gewollt, ideologische Verengung trotzdem sichtbar

Die Umfrage zeigt zudem, dass die Bürger keine Rückkehr in alte Denkmuster wollen. 62 Prozent setzen auf Solarenergie, 60 Prozent auf Windkraft und 50 Prozent auf Wasserkraft. Kernenergie erreicht 39 Prozent und liegt damit deutlich vor Erdgas mit 21 Prozent sowie weit vor Kohle und Öl mit jeweils 9 Prozent. Das ist kein Votum gegen erneuerbare Energien. Es ist vielmehr ein Votum gegen eine Politik, die nur noch eine Richtung gelten lässt. Viele Bürger wollen einen pragmatischen Energiemix, während die Regierung weiter so tut, als sei jeder Zweifel am Atomausstieg bereits ein Rückfall in die Vergangenheit.

Auch die Sicherheitsfrage trägt die starre Linie der Politik nur noch begrenzt. 52 Prozent machen sich nur geringe Sorgen vor einem schweren Atomunfall in Europa, weitere 18 Prozent gar keine. Zugleich glauben nur 14 Prozent, Deutschland wäre auf eine schwere Atomkatastrophe gut vorbereitet. Das ist ein schlechtes Zeugnis für staatliche Vorsorge, jedoch kein Beleg für breite Angst vor Kernkraft. Der zweite Kurswechsel liegt deshalb in der Bewertung der Risiken. Viele Bürger trauen dem Staat nicht viel zu, aber sie trauen auch den alten politischen Begründungen nicht mehr. Wer dennoch stur am Ausstieg festhält, verteidigt längst kein Zukunftsmodell mehr, sondern vor allem die eigene politische Vergangenheit.

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