Frankreich kürzt Zielwerte für Wind- und Solarenergie und forciert Ausbau der Atomkraft

Frankreich ändert seine Energiepolitik per Dekret und setzt einen neuen gesetzlichen Rahmen durch. Dabei sinken die Zielwerte für Wind- und Solarenergie, während die Atomkraft deutlich gestärkt wird. Gleichzeitig soll der Anteil dekarbonisierten Stroms am gesamten Energieverbrauch rasch steigen, damit Öl und Gas an Bedeutung verlieren. Außerdem entsteht ein neuer Planungshorizont, der Investoren und dem Staatskonzern EDF wieder mehr Sicherheit geben soll (france24: 12.02.26).


Atomkraft bleibt zentral – Paris schreibt Kurswechsel fest

Finanzminister Roland Lescure formulierte die Leitlinie offen: „Wir müssen aufhören, unsere internen Familienstreitigkeiten auszutragen. Wir brauchen sowohl Atomkraft als auch erneuerbare Energien.“ Damit begründet die Regierung einen Kurs, der offiziell beides umfasst, jedoch sichtbar auf Kernenergie fokussiert. Zudem kippt das neue Gesetz eine frühere Vorgabe, 14 Reaktoren stillzulegen. Dieser Schritt beendet einen langen Streit im Parlament und räumt alte Stilllegungspläne ab.

Frankreich kürzt Zielwerte für Wind- und Solarenergie und forciert Kernenergie per Dekret - 6 neue Atomkraftwerke geplant
Frankreich kürzt Zielwerte für Wind- und Solarenergie und forciert Kernenergie per Dekret – 6 neue Atomkraftwerke geplant

Die Stilllegungen gingen auf ein Versprechen aus dem Wahlkampf 2017 zurück. Präsident Emmanuel Macron hatte damals das Abschalten von 14 Reaktoren in Aussicht gestellt, später änderte er seine Linie jedoch. Danach stellte er sich hinter eine Atom-Offensive und unterstützte den Bau von mindestens sechs neuen Reaktoren. Damit verschiebt sich der Schwerpunkt der Energiewende in Frankreich spürbar, obwohl die Regierung weiterhin Erneuerbare nennt.

PPE bis 2035 – EDF soll mehr Atomstrom produzieren

Kernstück des Pakets ist die neue Zehnjahresplanung PPE. Sie legt fest, wie Frankreich seinen Kraftwerkspark steuert und wie Ausschreibungen für Wind- und Solarprojekte organisiert werden. Für EDF bedeutet das eine Entlastung, weil der Konzern sein Atomportfolio nicht mehr politisch verkleinern muss. EDF betreibt 57 Reaktoren, und genau diese Flotte soll künftig stärker ausgelastet werden.

Der Druck auf EDF kommt aus dem europäischen Strommarkt. Denn reichlich Wind- und Solarstrom drückt die Großhandelspreise, weshalb Atomkraftwerke teilweise die Leistung reduzieren müssen. Dadurch leidet die Wettbewerbsfähigkeit, obwohl die Fixkosten hoch bleiben. In der PPE steht deshalb ein konkretes Produktionsziel: EDF soll 2035 mit dem bestehenden Reaktorpark 420 Terawattstunden aus Kernenergie erzeugen, also etwa fünf Prozent mehr als bisher geplant.

Erste neue Kernenergie-Anlage ab 2038 – EDF signalisiert Zustimmung

Roland Lescure unterstrich die strategische Rolle der Kernenergie mit einem klaren Satz. „Die Atomkraft ist das Rückgrat unseres Stromsystems“, sagte er. Gleichzeitig nannte er einen Terminrahmen, denn ein erster neuer Reaktor soll 2038 in Betrieb gehen. Damit verbindet Paris den Ausbau mit einem festen Zeitpfad, der in Frankreich lange fehlte.

EDF-Chef Bernard Fontana begrüßte den Entwurf, weil er die Konzernziele absichere. Dadurch kann EDF Investitionen planen und technische Programme priorisieren. Zugleich bleibt die Finanzierung politisch heikel, weil Frankreich mit hoher Staatsverschuldung kämpft. Dennoch soll der Rechtsrahmen jetzt Tatsachen schaffen, damit die Debatte nicht erneut jahrelang blockiert.


Wind und Solar werden gekappt

Trotz der offiziellen Doppelstrategie sinken die Ausbaukorridore für Erneuerbare deutlich. Für Wind und Solar zusammen nennt der Plan bis 2035 nur noch 105 bis 135 Gigawatt installierte Leistung. Frühere Entwürfe lagen bei 133 bis 163 Gigawatt, wodurch die Kürzung erheblich ausfällt. Gleichzeitig hängen an der PPE die Ausschreibungen, weshalb jede Verzögerung Investitionen ausbremst.

Bei Offshore-Wind wird das Ziel bis 2035 auf 15 Gigawatt reduziert. Noch 2024 hatte die Regierung 18 Gigawatt zur Konsultation gestellt, und diese Differenz gilt in der Branche als klares Negativsignal. Onshore-Wind soll nur noch 35 bis 40 Gigawatt erreichen, nachdem zuvor 45 Gigawatt genannt wurden. Auch Solar wird abgesenkt, denn die Zielspanne fällt auf 55 bis 80 Gigawatt statt 75 bis 100 Gigawatt.

Greenpeace warnt

Greenpeace France kritisierte den Plan scharf. „Wenn diese PPE auf dem Papier mehr als zwei Jahre zu spät ist, dann ist sie in ihrer Vision einer Energiewende mindestens ein Jahrzehnt zurück“, erklärte die Organisation. Damit wächst der Konflikt, weil Klimaschützer einen schnelleren Ausbau von Wind und Solar erwarten. Zugleich bleibt die Regierung bei ihrem Kernargument, dass Kernenergie Stabilität und Versorgungssicherheit liefern soll.

Neben Ausbauzahlen setzt das Gesetz auch Verbrauchsziele. Frankreich will bis 2030 rund 60 Prozent seines Energieverbrauchs aus dekarbonisiertem Strom decken, obwohl derzeit noch etwa 60 Prozent aus fossilen Quellen stammen. Bis 2035 soll der Anteil dekarbonisierten Stroms sogar auf bis zu 70 Prozent steigen, sodass Öl und Gas weiter verdrängt werden. Allerdings erwartet Emeric de Vigan von der Beratung 42 Advisors keine spürbar niedrigeren Endkundenpreise, weshalb der Umstieg auf Elektrifizierung langsamer laufen könnte.

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