Nach rund 20 Jahren Planung stoppt die Deutsche Bahn die Elektrifizierung der Güterstrecke zum Industrie- und Gewerbepark Altmark in Sachsen-Anhalt. Grund ist eine Finanzierungslücke von rund 500 Millionen Euro bei der Bahninfrastruktur. Die Bahn-Tochter DB InfraGO hat das Projekt deshalb auf unbestimmte Zeit zurückgestellt. Der Baubeginn 2029 und die geplante Inbetriebnahme 2030 sind damit hinfällig. Betroffen ist eine rund 17 Kilometer lange Verbindung zwischen Stendal-Borstel und Niedergörne. Während die Bundesregierung Milliardeninvestitionen in die Schiene ankündigt, bleibt der Industriepark Altmark mit Zellstoffwerk und Papierfabrik weiterhin auf Diesellokomotiven angewiesen.

Symbolbild: KI-generiert
Zwei Jahrzehnte Planung – und am Ende fehlt das Geld
Bereits 2006 und 2007 beschäftigten sich die Verantwortlichen mit der Elektrifizierung der Strecke. Damals sollte die Modernisierung die Schienenanbindung des Industrieparks Altmark verbessern. Doch fast zwei Jahrzehnte später existiert noch immer keine Oberleitung. Stattdessen hat die Bahn das Vorhaben jetzt auf unbestimmte Zeit zurückgestellt. Einen neuen Termin nennt DB InfraGO nicht.
Besonders schwer wiegt der Projektstopp angesichts der bereits geleisteten Vorarbeiten. Seit 2023 liefen erneut konkrete Planungen, während ein interner Stresstest der Bahn erfolgreich abgeschlossen wurde. Außerdem vergaben die Verantwortlichen Baugrunduntersuchungen und Vermessungsarbeiten. Die Planungen waren damit deutlich weiter als bloße Absichtserklärungen. Dennoch endet das Vorhaben vorläufig, bevor überhaupt die eigentlichen Bauarbeiten beginnen.
Industriepark Altmark bleibt auf Dieselbetrieb angewiesen
Der Industriepark Altmark gehört zu den bedeutenden Industriestandorten der Region. Auf dem 740 Hektar großen Gelände sind nach Betreiberangaben rund 30 Unternehmen mit etwa 1.200 Beschäftigten angesiedelt. Dazu gehören das Zellstoffwerk Mercer Stendal und der Papierhersteller Sofidel Germany. Beide benötigen eine leistungsfähige Transportinfrastruktur, denn insbesondere die Zellstoffproduktion erfordert große Rohstoffmengen. Güterzüge bringen unter anderem Kiefernholz nach Niedergörne. Mangels Elektrifizierung übernehmen weiterhin Diesellokomotiven diese Transporte.
Dabei geht es keineswegs ausschließlich um den Austausch einer Antriebsart. Die örtlichen Verantwortlichen beklagten bereits früher hohen Rangieraufwand sowie zeitweise unregelmäßigen Schienenverkehr. Eine modernisierte Bahnanbindung sollte deshalb die betrieblichen Abläufe verbessern. Ohne entsprechende Investitionen bleiben diese strukturellen Nachteile bestehen. Die Unternehmen müssen ihre Logistik weiterhin an eine Infrastruktur anpassen, deren Modernisierung seit zwei Jahrzehnten aussteht.
500 Millionen Euro Finanzlücke stoppen ein lange geplantes Bahnprojekt
Besonders aufschlussreich ist die Dimension der Kosten. Für die Oberleitung zwischen Hassel und Niedergörne kalkulierten die Verantwortlichen zuletzt mehr als 13 Millionen Euro. Diese Summe betrifft jedoch nur einen Teil der gesamten Strecke. Die nun genannte Finanzierungslücke von rund 500 Millionen Euro beschreibt dagegen einen übergeordneten Mittelengpass bei der Bahn. Sie entspricht ausdrücklich nicht den Kosten des Vorhabens am Industriepark Altmark.
Dennoch reicht dieser finanzielle Engpass aus, um die Elektrifizierung auf unbestimmte Zeit auszusetzen. Dabei hat der örtliche Infrastrukturbetrieb bereits selbst in seine Bahnanlagen investiert. Im Februar 2020 ließ er für rund 63.000 Euro spezielle Kunstholzschwellen einbauen. Während vor Ort konkrete Verbesserungen umgesetzt wurden, fehlt für die entscheidende Modernisierung weiterhin eine verlässliche Finanzierung. Für die Unternehmen am Industriepark Altmark verlängert sich damit eine bereits seit Jahren bestehende Unsicherheit.
Bundesregierung verkündet Ausbaupläne – Industrie wartet weiter
Erst am 6. Oktober stellte das Bundesverkehrsministerium seinen neuen Infraplan für die Jahre 2026 bis 2030 vor. Er bündelt unter anderem Streckenausbauten, Sanierungen und Elektrifizierungen. Die Bundesregierung verspricht damit mehr Transparenz und langfristige Planungssicherheit. Doch der Fall des Industrieparks Altmark zeigt die Grenzen solcher Ankündigungen. Ohne verbindliche Mittelbereitstellung bleiben selbst weit fortgeschrittene Vorhaben von kurzfristigen Finanzentscheidungen abhängig.
Diese Schwäche kritisieren inzwischen auch Branchenverbände. Die Allianz pro Schiene fordert deshalb einen mehrjährig finanzierten Eisenbahninfrastrukturfonds. Auch die mittelständische Bauwirtschaft verlangt eine verbindliche Finanzierung der geplanten Maßnahmen. Denn Planungsunterbrechungen erschweren nicht nur den Ausbau. Sie können außerdem bereits erbrachte Planungsleistungen entwerten und spätere Projektkosten erhöhen. Ob und in welchem Umfang solche Zusatzkosten am Industriepark Altmark entstehen, ist bislang nicht bekannt.
Elektrifizierung scheitert am Geld – der Widerspruch zur Verkehrspolitik
Die Situation am Industriepark Altmark steht exemplarisch für ein größeres Problem. Nach Angaben der Deutschen Umwelthilfe sind lediglich 62,5 Prozent der Bundesschienenwege elektrifiziert. Für das spezielle Bundesprogramm „Elektrische Güterbahn“ stehen rund 29 Millionen Euro bereit. Nach Berechnungen des Umweltverbandes reicht dieser Betrag für höchstens 20,7 Kilometer Strecke. Gleichzeitig fehlen deutschlandweit noch Tausende Kilometer Oberleitungen.
Der politische Widerspruch ist erheblich. Einerseits soll die Industrie ihre Transporte klimafreundlicher organisieren und mehr Güter auf die Schiene verlagern. Andererseits fehlt selbst an einem bestehenden Industriestandort nach zwei Jahrzehnten Planung das Geld für die notwendige Infrastruktur. Statt elektrischer Güterzüge bleiben Diesellokomotiven im Einsatz, während sich die nächste Modernisierung auf unbestimmte Zeit verschiebt. Für den Industriepark Altmark bedeutet das: Nach 20 Jahren Planung gibt es weiterhin keinen verbindlichen Termin für die elektrifizierte Bahnanbindung. Der Anspruch einer modernen Industriepolitik und die tatsächliche Investitionspraxis fallen damit weit auseinander.
Verfasser: Blackout News
Verwendete Quellen: Allgemeine Zeitung (22.10.26)
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