Offshore-Industrie vor Jobkrise – bis zu 23.000 Arbeitsplätze gefährdet

In der deutschen Offshore-Industrie droht ein massiver Arbeitsplatzabbau. Am 23. Oktober 2026 warnten Unternehmen an der Nordseeküste vor gravierenden Auftragslücken ab 2028. Gescheiterte Windpark-Ausschreibungen, steigende Baukosten und hohe Zinsen gefährden zahlreiche Projekte. Trotz ehrgeiziger staatlicher Ausbauziele fehlen der Branche verbindliche Folgeaufträge. Besonders betroffen sind Zulieferer in Niedersachsen und Mecklenburg-Vorpommern. Der Branchenverband BWO sieht bis zu 23.000 der rund 49.000 Arbeitsplätze gefährdet. Erste Unternehmen streichen bereits Stellen, während die Bundesregierung über neue Förder- und Ausschreibungsregeln verhandelt.

Der Offshore-Industrie droht ein massiver Stellenabbau. Fehlende Aufträge gefährden bis zu 23.000 Jobs. Erste Hersteller entlassen Personal
Der Offshore-Industrie droht ein massiver Stellenabbau. Fehlende Aufträge gefährden bis zu 23.000 Jobs. Erste Hersteller entlassen Personal
Bild: Shutterstock

Offshore-Industrie verliert trotz Ausbauzielen ihre Aufträge

Deutschland will die Windenergie auf See massiv ausbauen, doch die industrielle Grundlage gerät zunehmend in Gefahr. Seit Juni 2025 kam keine Offshore-Ausschreibung mehr erfolgreich zum Abschluss. Gleichzeitig bleiben bereits vergebene Projekte in der Schwebe. Hersteller benötigen jedoch Jahre im Voraus verbindliche Bestellungen, um ihre Werke wirtschaftlich auszulasten.

Besonders deutlich zeigt sich die Entwicklung bei Steelwind Nordenham in Niedersachsen. Das Unternehmen fertigt gewaltige Stahlfundamente für Windkraftanlagen auf See. Bis Ende 2027 sichern vor allem britische Aufträge die Auslastung. Ab 2028 erwartet Geschäftsführer Korbinian Ott jedoch einen erheblichen Rückgang. Damit gefährdet die Krise ausgerechnet jene Produktionskapazitäten, die Deutschland für seine langfristigen Ausbauziele benötigt.


Rostocker Zulieferer streicht bereits 100 Arbeitsplätze

Wie schnell aus fehlenden Bestellungen konkrete Arbeitsplatzverluste entstehen, zeigt EEW Special Pipe Constructions in Rostock. Der Hersteller von Stahlfundamenten beschäftigt dort rund 1.000 Menschen. Anfang Oktober kündigte das Unternehmen jedoch den Abbau von etwa 100 Stellen bis Jahresende an. Die Geschäftsführung rechnet außerdem bis einschließlich 2028 mit einer niedrigen Auslastung.

Zusätzlich verschärft chinesische Konkurrenz die wirtschaftliche Lage der deutschen Hersteller. Unternehmen aus China bieten Stahlfundamente zu besonders wettbewerbsfähigen Konditionen an. Dabei spielt auch die Zollbehandlung bestimmter vorgefertigter Stahlprodukte eine Rolle. Deutsche Werke müssen deshalb nicht nur fehlende Projekte verkraften, sondern zugleich ihre internationale Wettbewerbsfähigkeit behaupten.

Milliardenprojekte verlieren ihre wirtschaftliche Grundlage

Die Probleme beginnen bereits bei den Investoren. Ölkonzerne wie BP und TotalEnergies sicherten sich 2023 Offshore-Flächen gegen hohe Zahlungsverpflichtungen. Inzwischen haben gestiegene Stahlpreise, höhere Finanzierungskosten und veränderte Marktbedingungen die Kalkulation erheblich verschlechtert. Allerdings erlauben die bisherigen Regelungen keine einfache Rückgabe der erworbenen Flächen.

Damit entsteht eine kostspielige Blockade. Investoren können wirtschaftlich unattraktive Vorhaben aufschieben, während die betroffenen Flächen zunächst gebunden bleiben. Neue Interessenten kommen deshalb nicht ohne Weiteres zum Zuge. Gleichzeitig verlieren deutsche Hersteller wertvolle Zeit für die Beschaffung neuer Aufträge. Die politischen Ausbauziele schaffen somit noch keine verlässliche Nachfrage für die heimische Industrie.

Bundesregierung soll Investitionsrisiken künftig absichern

Der Bundesverband Windenergie Offshore fordert deshalb einen grundlegenden Umbau des Ausschreibungssystems. Künftig sollen zweiseitige Differenzverträge, sogenannte Contracts for Difference, Investoren gegen schwankende Strompreise absichern. Sinkt der Marktpreis unter den vereinbarten Referenzpreis, erhalten Betreiber eine Ausgleichszahlung. Steigt er darüber, müssen sie entsprechende Mehrerlöse abführen.

Eine solche Regelung würde die Finanzierung neuer Windparks erleichtern, aber auch langfristige staatliche Zahlungsverpflichtungen ermöglichen. Entscheidend sind deshalb realistische Vergütungspreise und eine transparente Verteilung der Risiken. Außerdem verlangt die Branche eine Lösung für bereits vergebene, wirtschaftlich gefährdete Projekte. Der Bundestag berät derzeit über Änderungen am Windenergie-auf-See-Gesetz.


Der Industrie droht ein langfristiger Verlust von Wertschöpfung

Eine im Oktober veröffentlichte Branchenstudie verdeutlicht die wirtschaftliche Tragweite. Bei einem dauerhaft stockenden Ausbau könnten bis 2045 rund 21.000 Vollzeitstellen wegfallen. Zudem würden im Vergleich zum Ausbauziel etwa 92.000 zusätzliche Arbeitsplätze nicht entstehen. Die Studie beziffert den möglichen kumulierten Umsatzausfall bis 2045 auf mehr als 550 Milliarden Euro. Diese Zahlen beschreiben allerdings ein Krisenszenario und keine bereits eingetretenen Verluste.

Für die deutsche Offshore-Industrie wird damit der Widerspruch zwischen politischer Planung und industrieller Wirklichkeit sichtbar. Während Berlin langfristig 70 Gigawatt Offshore-Leistung bis 2045 anstrebt, fehlen Herstellern bereits heute verbindliche Folgeaufträge. Ein Verlust spezialisierter Produktionsstätten wäre zudem nur schwer rückgängig zu machen. Ohne wirtschaftlich tragfähige Projekte droht Deutschland deshalb nicht nur der Verlust von Arbeitsplätzen, sondern auch eine wachsende Abhängigkeit von ausländischen Zulieferern.

Verfasser: Blackout News
Verwendete Quellen: NDR (23.10.26) – Taz (21.10.26) – BWO (15.10.26)

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