Deutsches Start-up vergräbt Holz in Afrika zum Klimaschutz

Ein Kommentar unseres Autors Klaus Bastian:

In Namibia vergräbt das deutsche Start-up Carbonsate geschreddertes Holz, um Kohlenstoff langfristig zu speichern und dafür CO2-Zertifikate zu verkaufen. Gleichzeitig fördert Deutschland die Holzverbrennung als Beitrag zum Klimaschutz. Allein ein neues Heizkraftwerk in Chemnitz soll ab Ende 2027 jährlich 100.000 Tonnen Holz verbrennen. Über 20 Jahre summiert sich der Bedarf auf zwei Millionen Tonnen. Während das Start-up Geld damit verdient, die Freisetzung von CO₂ zu verhindern, setzen deutsche Kraftwerke den im Holz gespeicherten Kohlenstoff durch Verbrennung frei. Beide Geschäftsmodelle gelten als klimafreundlich, obwohl sie gegensätzliche Ziele verfolgen. Dieser Widerspruch verdeutlicht, wie fragwürdig die klimapolitische Bewertung und Förderung von Biomasse inzwischen geworden ist.

Start-up vergräbt Holz in Afrika zum Klimaschutz. Gleichzeitig werden in Deutschland Millionen Tonnen in H>eizkraftwerken verbrannt
Start-up vergräbt Holz in Afrika zum Klimaschutz. Gleichzeitig werden in Deutschland Millionen Tonnen in H>eizkraftwerken verbrannt
Bild: KI-generiert

In Afrika wird vergraben, was Deutschland massenhaft verbrennt

Das von zwei Sachsen gegründete Unternehmen Carbonsate hat in Namibia ein ungewöhnliches Geschäftsmodell entwickelt. Buschholz wird gehäckselt und anschließend in großen, abgedichteten Erdgruben eingelagert. Dort soll es mindestens 100 Jahre vor der Zersetzung geschützt bleiben. Dadurch bleibt der enthaltene Kohlenstoff länger gebunden, anstatt als CO2 in die Atmosphäre zurückzukehren. Im Oktober 2026 eröffnete das Unternehmen bereits seine dritte Lagerkammer. Außerdem vereinbarte es mit dem Zertifikatehändler Senken die schrittweise Lieferung von 50.000 Tonnen CO2-Entnahme bis 2028.

Währenddessen entsteht im sächsischen Chemnitz ein neues Holzheizkraftwerk. Die Betreiber wollen dort jährlich 100.000 Tonnen Holz einsetzen, um Strom und Fernwärme zu erzeugen. Rund 90 Prozent des Brennstoffs sollen aus einem Umkreis von 250 Kilometern stammen. Über die vereinbarte Laufzeit benötigt die Anlage rechnerisch zwei Millionen Tonnen Holz. Allerdings ist damit noch nicht bewiesen, dass diese zusätzlichen Mengen dauerhaft und ohne ökologische Schäden verfügbar sind. Der enorme Rohstoffbedarf steht im scharfen Kontrast zum deutschen Start-up, das ausgerechnet mit der Nichtverbrennung von Holz Geld verdient.


Holzverbrennung gilt als Klimaschutz – obwohl CO2 unmittelbar freigesetzt wird

Besonders widersprüchlich erscheint die klimapolitische Bewertung der Holzverbrennung. Bei der Verbrennung gelangt der zuvor gespeicherte Kohlenstoff unmittelbar als CO2 in die Atmosphäre. Trotzdem wird biogenes CO2 im Energiesektor bilanziell mit null angesetzt. Die entsprechenden Kohlenstoffveränderungen sollen stattdessen im Landnutzungssektor erfasst werden. Diese Regel verhindert zwar eine doppelte Anrechnung, macht die tatsächlichen Emissionen aber nicht ungeschehen. Ein Schornstein stößt schließlich dasselbe CO2-Molekül aus, unabhängig davon, ob der Kohlenstoff ursprünglich aus Holz oder Kohle stammt.

Noch gravierender ist der zeitliche Unterschied. Holz, das über Jahrzehnte gewachsen ist, verbrennt innerhalb kürzester Zeit. Neue Bäume benötigen anschließend viele Jahre, um vergleichbare Kohlenstoffmengen aufzunehmen. Außerdem kann niemand garantieren, dass jeder entnommene Baum vollständig ersetzt wird. Waldschäden, Trockenheit und sinkender Holzzuwachs erschweren diesen Ausgleich zusätzlich. Dennoch schaffen staatliche Fördermechanismen wirtschaftliche Anreize für die energetische Holznutzung. Dass die Klimabilanz davon abhängt, welche Energiequelle ersetzt wird, geht in der öffentlichen Darstellung solcher Projekte häufig unter.

Der eine verdient am Speichern, der andere am Verbrennen

Der wirtschaftliche Gegensatz ist bemerkenswert. Carbonsate vermarktet die langfristige Einlagerung von Kohlenstoff als zertifizierte Klimaschutzleistung. Für entsprechende CO2-Zertifikate nennt das Unternehmen Preise zwischen 120 und 150 Euro je Tonne. Käufer erwerben damit den Anspruch auf eine nach bestimmten Standards nachgewiesene CO2-Entnahme. Allerdings hängt der langfristige Nutzen davon ab, ob die Lagerstätten über Jahrzehnte zuverlässig funktionieren. Undichte Abdichtungen könnten das Holz wieder biologischen Abbauprozessen aussetzen. Auch dieses Geschäftsmodell beruht deshalb auf technischen Annahmen, deren dauerhafte Erfüllung noch nicht bewiesen ist.

In Chemnitz soll dagegen die Verbrennung von Holz wirtschaftliche Erträge liefern. Das Kraftwerk verkauft künftig Fernwärme und produziert zusätzlich Strom. Der Projektentwickler verweist dabei auch auf Vergütungen nach dem Erneuerbare-Energien-Gesetz. So entstehen auf der einen Seite Erlöse durch Kohlenstoffspeicherung und auf der anderen durch energetische Nutzung von Holz. Beide Verfahren haben unterschiedliche Leistungen, Kosten und Alternativen. Trotzdem bleibt die klimapolitische Grundfrage bestehen: Warum schafft das System gleichzeitig wirtschaftliche Anreize, Kohlenstoff möglichst lange zu speichern und ihn zur Energieerzeugung freizusetzen?

Deutsche Wälder verlieren Kohlenstoff – neue Kraftwerke brauchen immer mehr Holz

Besonders kritisch ist diese Entwicklung angesichts des Zustands der deutschen Wälder. Nach der vierten Bundeswaldinventur sank der jährliche Holzzuwachs gegenüber der vorherigen Erhebung um 16 Prozent. Zwischen 2017 und 2022 verloren die Wälder außerdem erhebliche Mengen gespeicherten Kohlenstoffs. Trockenheit, Schädlingsbefall und Waldschäden haben ihre Speicherfunktion geschwächt. Dennoch entsteht durch neue Biomassekraftwerke zusätzlicher Brennstoffbedarf. Jeder zusätzliche Abnehmer verschärft potenziell die Konkurrenz um einen begrenzten Rohstoff.

Die Betreiber des Chemnitzer Kraftwerks setzen nach eigenen Angaben auf Waldrestholz, Landschaftspflegematerial und Straßenbaumschnitt. Doch auch diese Materialien sind nicht unbegrenzt verfügbar. Teile davon dienen bereits anderen Verwendungen oder erfüllen wichtige ökologische Funktionen. Totholz liefert Lebensräume und trägt zur Nährstoffversorgung der Waldböden bei. Werden größere Mengen entfernt, kann dies die Regeneration der Wälder beeinträchtigen. Eine klimafreundliche Energieversorgung darf deshalb nicht allein anhand der Herkunftsbezeichnung des Brennstoffs beurteilt werden.


Klimaschutz nach Geschäftsmodell statt nach tatsächlicher CO2-Bilanz

Der eigentliche Skandal liegt nicht darin, dass ein Start-up neue Verfahren zur Kohlenstoffspeicherung entwickelt. Auch die Nutzung von Restholz zur Wärmeversorgung kann unter geeigneten Bedingungen sinnvoll sein. Problematisch ist vielmehr die fehlende Vergleichbarkeit der Klimaschutzversprechen. Während Unternehmen für die langfristige Speicherung von Kohlenstoff Zertifikate verkaufen, dürfen Kraftwerksbetreiber die energetische Nutzung desselben Rohstofftyps als erneuerbare Energie vermarkten. Dabei müssen sowohl die vollständigen Emissionen als auch die Auswirkungen auf natürliche Kohlenstoffspeicher berücksichtigt werden. Ein grünes Etikett ersetzt keine belastbare Gesamtbilanz.

Deutschland benötigt verlässliche Wärmeversorgung und wirksamen Klimaschutz. Beides lässt sich jedoch nicht durch widersprüchliche Bewertungsmaßstäbe sicherstellen. Wer Holzverbrennung fördert, muss den zusätzlichen Rohstoffbedarf und die tatsächlichen CO2-Einsparungen offenlegen. Wer Kohlenstoffspeicherung verkauft, muss deren Dauerhaftigkeit nachweisen. Die beiden deutschen Projekte führen vor Augen, wie weit Klimaversprechen und physikalische Realität auseinanderliegen können. Wenn das Vergraben von Holz in Afrika als Klimaschutz verkauft wird, während Deutschland Millionen Tonnen Holz als klimafreundlichen Brennstoff verfeuert, verdient diese Förder- und Bilanzierungslogik eine grundlegende Überprüfung.

Verfasser: Klaus Bastian – Blackout News
Verwendete Quellen: Futuremedianews (20.10.26) – Futuremedianews (19.10.26) – MDR (04.09.26) – MDR (19.10.26)

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