Abwanderung aus Deutschland: Covestro plant Großwerke in China und Abu Dhabi

Covestro richtet seinen nächsten großen Chemieausbau auf China und den Persischen Golf aus. Der Leverkusener Kunststoffkonzern plant in Shanghai eine neue MDI-Anlage und prüft außerdem ein Werk in Abu Dhabi. Die Abwanderung trifft Deutschland nicht durch sofortige Schließungen, sondern durch Investitionen, die künftig Wachstum, Exportchancen und industrielle Tiefe ins Ausland verlagern.


Abwanderung beginnt bei neuen Investitionen

In Shanghai plant Covestro eine MDI-Anlage mit 660.000 Tonnen Jahreskapazität. Die Produktion soll Anfang des nächsten Jahrzehnts starten. Außerdem will der Konzern wichtige Vorprodukte und Infrastruktur enger an den Standort binden.

Abwanderung in der Chemie: Covestro plant neue MDI-Werke in China und Abu Dhabi statt in Deutschland zu investieren
Abwanderung in der Chemie: Covestro plant neue MDI-Werke in China und Abu Dhabi statt in Deutschland zu investieren
Bild: Shutterstock

MDI gehört zu den zentralen Produkten von Covestro. Der Grundstoff steckt in Dämmplatten, Kühlgeräten, Autoteilen und modernen Hausgeräten. Deshalb folgt der Konzern mit dem Ausbau jenen Märkten, in denen Bau, Kühlung und Industrie weiter wachsen.

Europa verliert bei Grundstoffen an Gewicht

Covestro-Chef Markus Steilemann begründet die Entscheidung ungewöhnlich offen. „Europa hat grundlegende Kostennachteile gegenüber Standorten in Asien und dem Nahen Osten“, sagte er dem Handelsblatt. Außerdem schwächelt die Nachfrage, weil viele Kunden ihre Geschäfte in Europa zurückfahren.

Damit beschreibt Covestro keine normale Standortoptimierung, sondern eine Verschiebung künftiger Wertschöpfung. Deutschland bleibt zwar für Spezialchemie, Forschung und kundenspezifische Anwendungen wichtig. Bei großvolumiger Chemie zählen jedoch Energie, Rohstoffe, Genehmigungen und Absatzmärkte härter als industrielle Tradition.

Abu Dhabi bietet die bessere Industriegleichung

Das zweite Projekt prüft Covestro in Ruwais in Abu Dhabi. Dort arbeitet der Konzern mit TA’ZIZ und Fertiglobe zusammen. Außerdem sitzt dort XRG, der neue Covestro-Eigentümer aus dem Umfeld des staatlichen Ölkonzerns ADNOC.

Steilemann beschreibt den Standortvorteil entsprechend deutlich. „In dieser Region könnten wir eine der wettbewerbsfähigsten Anlagen der Welt bauen“, sagte er. Das mögliche Werk soll jedoch nicht primär Europa beliefern, sondern Indien, die Türkei und die Grenzregion zwischen Europa und Asien.

Abwanderung verändert auch Exportmärkte

Bislang bedienen europäische Covestro-Anlagen Teile dieser Märkte. Doch asiatische Wettbewerber drängen mit günstigeren Strukturen in dieselben Absatzregionen. Deshalb könnte neue Kapazität am Golf langfristig Exportvolumen aus europäischen Werken ersetzen.

Diese Abwanderung verläuft leiser als klassische Werksschließungen. Bestehende Anlagen bleiben zunächst im Betrieb, während neue Milliardenprojekte an anderen Standorten entstehen. Genau dadurch verliert Deutschland künftige Auslastung, Investitionsdynamik und industrielle Verflechtung.


China punktet mit Tempo und Stromzusagen

In China sieht Covestro trotz Überkapazitäten in Teilen der Petrochemie bessere Chancen für MDI. „China ist der größte Chemiemarkt der Welt und der am schnellsten wachsende Markt für MDI“, sagte Steilemann. Der Konzern will dort jedoch nicht für Europa produzieren, sondern den asiatischen Markt bedienen.

Auffällig ist, dass Covestro China nicht allein über niedrigere Energiekosten erklärt. Laut Steilemann liegen die chinesischen Strom- und Gaspreise nicht drastisch unter den europäischen Kosten. Entscheidend sind vielmehr schnelle Verfahren, industrielle Erfahrung in Shanghai und zugesagte Mengen an grün erzeugtem Strom.

Hormus bleibt trotz Standortvorteilen heikel

Covestro begründet Abu Dhabi auch mit Versorgungssicherheit. Das bleibt jedoch angreifbar, weil die Straße von Hormus bei geopolitischen Krisen als Engpass gilt. Steilemann erwartet trotzdem, dass große Staaten kein Interesse an dauerhafter Instabilität am Golf haben.

Kurzfristig rechnet der Konzernchef mit einem schwierigen zweiten Halbjahr. Kunden hatten nach dem Irankrieg Produkte vorgezogen, damit ihre eigenen Lieferketten stabil bleiben. Dieser Effekt stützt europäische Hersteller jedoch nur vorübergehend.

Deutschland verliert den Ausbau, nicht nur Aufträge

Die deutsche Chemieindustrie kämpft bereits mit schwacher Auslastung, hohen Kosten und verhaltener Nachfrage. Covestro meldete für 2025 einen Umsatzrückgang auf 12,9 Milliarden Euro und einen negativen freien operativen Cashflow. Außerdem trifft der internationale Wettbewerb besonders jene Produkte, bei denen Energie und Rohstoffe den Preis bestimmen.

Der Fall Covestro zeigt deshalb die eigentliche Dynamik hinter der Abwanderung. Unternehmen ziehen nicht zwingend bestehende Werke sofort aus Deutschland ab. Sie bauen jedoch neue Kapazitäten dort, wo Energie, Rohstoffe, Behördenverfahren und Absatzmärkte besser zusammenpassen.

Verfasser: Blackout News
Verwendete Quellen: Covestro (30.06.26)Handelsblatt (30.06.36)Emirates News Agency WAM (30.06.26)Financial Times (30.06.36)

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