Berlin – In Deutschland wächst das Entsorgungsproblem alter Rotorblätter, weil immer mehr Windkraftanlagen aus den Ausbaujahren nach 2000 ihr Lebensende erreichen. Das Recycling bleibt dabei der kritische Punkt, denn große Teile des Altbestands wurden nicht für einen hochwertigen Materialkreislauf konstruiert. Die Bundesregierung rechnet bis 2040 mit 326.000 bis 430.000 Tonnen Abfall aus reinen GFK-Blättern. In einzelnen Jahren können dabei bis zu 75.000 Tonnen GFK-Abfall anfallen. Hinzu kommen bis zu 212.000 Tonnen aus Blättern mit GFK- und CFK-Anteilen. Gerade diese älteren Verbundbauteile lassen sich nur mit hohem Aufwand verwerten.
Rotorblätter aus dem Altbestand sind das eigentliche Entsorgungsproblem
Die hohe Recyclingquote kompletter Windkraftanlagen verdeckt deshalb den schwierigsten Teil der Entsorgung. Stahl, Kupfer, Gusseisen und große Teile anderer schwerer Komponenten lassen sich vergleichsweise gut verwerten. Rotorblätter bestehen dagegen aus Glas- oder Carbonfasern, die fest mit duroplastischen Harzen verbunden sind. Diese Matrix lässt sich nach dem Aushärten nicht einfach wieder aufschmelzen. Deshalb gelten die Verbundwerkstoffe der Blätter als besonders problematisch für eine funktionierende Kreislaufwirtschaft.

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Neue Forschung arbeitet inzwischen mit lösbaren Harzen, thermoplastischen Kunststoffen und modularen Konstruktionen. Für den bereits vorhandenen Anlagenbestand kommt diese Entwicklung jedoch zu spät. Fraunhofer IWES schreibt, dass bestehende Faserverbundstoffe teilweise gar nicht recyclingfähig sind oder nur mit hohem Energieeinsatz behandelt werden können. Zudem gibt es selbst für neu entwickelte lösbare Harzsysteme noch keinen etablierten industriellen Recyclingprozess. Das Entsorgungsproblem entsteht in den kommenden Jahren deshalb überwiegend aus einer Generation ohne recyclinggerechtes Design.
Zerkleinern und Verbrennen ersetzen keinen Materialkreislauf
Mechanische Verfahren zerkleinern alte Blätter zu Flocken, Granulat oder Pulver. Dabei bleiben die ursprünglichen Fasern jedoch nicht in hochwertiger Form erhalten. Die Zementindustrie kann zerkleinertes Material als Brennstoff und mineralischen Rohstoffersatz nutzen. Das reduziert zwar die zu entsorgende Menge, erzeugt aber keine neuen gleichwertigen Glasfasern. In Deutschland scheidet eine einfache Deponierung außerdem weitgehend aus, weshalb leistungsfähige Verwertungswege zwingend erforderlich sind.
Eine Studie der University of Strathclyde untersucht eine Pilotanlage mit 1.000 Kilogramm Rotorblattmaterial pro Tag und 365.000 Kilogramm pro Jahr. Daraus entstehen rechnerisch etwa 247.100 Kilogramm recycelte Glasfasern jährlich. Die Bruttokosten liegen im Pilotmaßstab bei rund 5,30 € je Kilogramm recycelter Glasfaser. Neue Glasfasern setzt die Studie dagegen mit umgerechnet rund 1,98 € je Kilogramm an. Damit kostet die zurückgewonnene Glasfaser im Pilotbetrieb mehr als das Zweieinhalbfache von Neuware. Auch die CO₂-Bilanz fällt zunächst schlechter aus: Recycelte Glasfaser verursacht 2,24 Kilogramm CO₂ je Kilogramm, neue Glasfaser dagegen 1,90 Kilogramm CO₂ je Kilogramm.
Recycling rechnet sich erst bei sehr großen Mengen
Mit zunehmender Anlagenkapazität verbessert sich die Bilanz erheblich. Doch gerade das zeigt das strukturelle Problem beim Recycling der Rotorblätter. TNO geht davon aus, dass ein wirtschaftlicher Betrieb ungefähr 40.000 bis 50.000 Tonnen Verbundmaterial pro Jahr verarbeiten müsste. Rotorblattabfälle allein liefern solche Mengen regional nicht immer kontinuierlich. Deshalb müssten Anlagen zusätzliche Verbundabfälle aus anderen Branchen übernehmen, um dauerhaft ausgelastet zu sein.
Gleichzeitig wächst der Abfallstrom bereits. Seit 2020 registrierten die deutschen Behörden mehr als 2.300 zurückgebaute Windkraftanlagen an Land. Allein 2024 kamen 627 Anlagen hinzu, während bis November 2025 weitere 415 registriert wurden. Fraunhofer IWES erwartet außerdem rund 90.000 zu verwertende Rotorblätter in Deutschland innerhalb der kommenden 20 Jahre. Weltweit nennt eine vielzitierte Prognose sogar 43 Millionen Tonnen kumulierten Rotorblattabfall bis 2050. Der Ausbau neuer Windkraftanlagen läuft deshalb parallel zu einer immer größeren Hinterlassenschaft früherer Generationen.
Neue Vorgaben lösen das Problem alter Rotorblätter nicht
Seit dem 30. Juni 2026 gelten bei bestimmten öffentlichen Beschaffungen in der EU erstmals Vorgaben von mindestens 70 Prozent Recyclingfähigkeit für neue Blätter. Das bedeutet jedoch nicht, dass 70 Prozent jedes alten Blattes tatsächlich hochwertig recycelt werden. Vor allem gelten diese Anforderungen nicht rückwirkend für die großen Bestände älterer Anlagen. Genau diese Rotorblätter dominieren aber den Rückbau der kommenden Jahre. Neue recyclinggerechte Konstruktionen können das bereits vorhandene Materialproblem deshalb nicht beseitigen.
Damit bleibt eine erhebliche Lücke zwischen Ausbaupolitik und Kreislaufwirtschaft bestehen. Windkraftanlagen entstanden über Jahrzehnte in großer Zahl, obwohl für ihre problematischsten Verbundbauteile kein industriell etablierter geschlossener Kreislauf vorhanden war. Technische Verfahren existieren inzwischen, doch viele befinden sich noch auf dem Weg zur wirtschaftlichen Großanwendung. Zerkleinern, Verbrennen oder der Einsatz im Zementwerk verhindern zwar die Deponierung, erhalten aber die wertvollen Fasern nicht als gleichwertigen Rohstoff. Die großen Rückbaumengen fallen jedoch bereits jetzt an und werden in den kommenden Jahren deutlich wachsen.
Verfasser: Blackout News
Verwendete Quellen: Journal of Environmental Chemical Engineering (04.08.26) – Fraunhofer (Stand: 28.08.26) – Sustainable Materials and Technologies (15.07.26) – TNO (02.07.26) – MDPI (08.06.26) – Deutscher Bundestag (16.01.26)
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