Die Energiewende frisst ihre eigene Geschäftsgrundlage

Ein Kommentar unseres Autors Klaus Bastian:

Deutschland erlebt 2026 immer häufiger negative Strompreise, während der Ausbau von Wind- und Solaranlagen weitergeht. Bis Ende August summierten sich bereits 427,5 Stunden mit Börsenpreisen unter null. Ursache ist vor allem die gleichzeitige wetterabhängige Einspeisung bei begrenzter Nachfrage und fehlender Flexibilität. Dadurch sinkt ausgerechnet bei hoher Produktion der Marktwert des erzeugten Stroms. Gleichzeitig finanziert der Bundeshaushalt weiterhin die EEG-Förderung, während Verbraucher Netze und Systemkosten bezahlen. Damit beginnt die Energiewende ihre eigene Geschäftsgrundlage zu beschädigen.

Die Geschäftsgrundlage von Wind und Solar schwindet: Überangebot drückt Marktwerte- Förderung, Netze und Reserveleistung kosten Milliarden
Die Geschäftsgrundlage von Wind und Solar schwindet: Überangebot drückt Marktwerte – Förderung, Netze und Reserveleistung kosten Milliarden
Bild: Shutterstock

Geschäftsgrundlage leidet unter dem eigenen Überangebot

Windräder und Solaranlagen produzieren jedoch nicht entsprechend dem aktuellen Strombedarf. Sie liefern Strom, wenn Wind und Sonne ausreichend Energie bereitstellen. Deshalb speisen Anlagen derselben Technik häufig nahezu gleichzeitig große Mengen ein. Das zusätzliche Angebot drückt dann den Börsenpreis. Bei besonders hoher Einspeisung fällt der Preis sogar unter null. Damit reduziert zusätzlicher Ausbau den Marktwert eines Teils der bereits vorhandenen Produktion.

Dieser sogenannte Kannibalisierungseffekt lässt sich inzwischen klar beobachten. Im August 2026 speisten Solaranlagen rund 21 Prozent ihrer Monatsproduktion während negativer Preisphasen ein. Der Marktwert Solar erreichte lediglich 6,359 Cent je Kilowattstunde. Der durchschnittliche Spotmarktwert lag dagegen bei 12,689 Cent. Mehr installierte Leistung bedeutet deshalb nicht automatisch höhere Einnahmen. Vielmehr produzieren immer mehr Anlagen genau in jenen Stunden, in denen Strom bereits reichlich vorhanden ist.


Staatliche Förderung ersetzt keinen funktionierenden Markt

Über Jahre begrenzte das EEG jedoch einen wesentlichen Teil dieses Marktrisikos. Garantierte Vergütungen und Marktprämien machten Investitionen kalkulierbarer, obwohl die Börsenpreise schwankten. Seit Abschaffung der EEG-Umlage trägt der Bundeshaushalt die Finanzierungslücke. Bis Ende August 2026 flossen bereits gut elf Milliarden Euro auf das EEG-Konto. Allein im August betrug der Bundeszuschuss rund 1,88 Milliarden Euro.

Inzwischen reagiert selbst der Gesetzgeber auf negative Strompreise. Nach § 51 EEG sinkt der anzulegende Wert in bestimmten Zeiträumen mit negativen Börsenpreisen grundsätzlich auf null. Allerdings sieht § 51a zugleich eine Verlängerung des Vergütungszeitraums unter bestimmten Voraussetzungen vor. Der Marktmechanismus lässt sich damit jedoch nicht abschaffen. Wenn der erzeugte Strom zeitweise keinen positiven Marktwert mehr besitzt, verliert die bisherige Geschäftsgrundlage an Tragfähigkeit.

Höhere Zinsen verschärfen die Kalkulation

Hinzu kommen deutlich höhere Finanzierungskosten. Wind- und Solarparks benötigen große Anfangsinvestitionen für Anlagen, Fundamente, Netzanschlüsse und Infrastruktur. Viele Projekte entstanden jedoch in Jahren extrem niedriger Zinsen. Inzwischen kostet Fremdkapital erheblich mehr. Gleichzeitig haben sich Material, Bauleistungen und vielerorts auch Flächen verteuert. Deshalb lassen sich frühere Renditerechnungen nicht einfach fortschreiben.

Reuters verweist zudem darauf, dass ältere Finanzmodelle häufig von höheren Stromerlösen und niedrigeren Kapitalkosten ausgingen. Deshalb gewinnen Stromabnahmeverträge, Speicher und flexible Vermarktungsmodelle an Bedeutung. Dass Investoren weiterhin Windprojekte entwickeln, widerspricht diesem Befund nicht. Die jüngste Ausschreibung der Bundesnetzagentur war sogar deutlich überzeichnet. Allerdings verschiebt sich das Risiko stärker auf den tatsächlichen Marktwert der erzeugten Kilowattstunde.


Verbraucher bezahlen die Kosten außerhalb der Börse

Für Haushalte und Unternehmen führt ein negativer Börsenpreis jedoch nicht automatisch zu niedrigen Stromrechnungen. Die Bundesnetzagentur beziffert das jährliche Volumen der Netzentgelte auf rund 37 Milliarden Euro. Diese machen inzwischen etwa 30 Prozent der Stromkosten eines Haushalts aus. Außerdem müssen Netzbetreiber Engpässe beherrschen und große Strommengen zwischen Erzeugungs- und Verbrauchsregionen transportieren. Deshalb verursacht der weitere Ausbau zusätzliche Infrastrukturkosten.

Genau darin liegt der entscheidende Widerspruch. Wind- und Solarstrom kann in einzelnen Stunden extrem billig sein. Trotzdem benötigt Deutschland Netze, Speicher, flexible Verbraucher und steuerbare Kraftwerke für Zeiten mit geringer Erzeugung. Die Kosten verschwinden deshalb nicht, wenn der Börsenpreis kurzfristig gegen null fällt. Sie tauchen lediglich an anderer Stelle wieder auf.

Das bisherige Modell stößt damit an eine ökonomische Grenze. Zusätzliche Anlagen erzeugen immer häufiger Strom zu Zeiten, in denen bereits ein Überangebot besteht. Gleichzeitig muss das System Strom auch dann bereitstellen, wenn Wind und Sonne kaum liefern. Eine Energiepolitik, die vor allem auf immer höhere installierte Leistung setzt, kann diesen Widerspruch nicht dauerhaft mit Fördermitteln überdecken. Irgendwann entscheidet nicht mehr das politische Ausbauziel, sondern die wirtschaftliche Geschäftsgrundlage.

Verfasse4r: Klaus Bastian – Blackout News
Verwendete Quellen: Negative power prices expose a market opportunity – Marktwert Solar im August bei 6,359 Cent pro Kilowattstunde – Netzpaket und EEG-Novelle: 12 Mrd. € allein in Schleswig-Holstein auf der Kippe – Wind- und Solarbranche warnt: In Brandenburg herrscht die Furcht vor Förderkürzungen

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