Die Deindustrialisierung nimmt Fahrt auf – die Regierung hat keine wirksame Antwort

ein Kommentar unsers Autors Klaus Bastian

Die Deindustrialisierung gewinnt in Deutschland im Juni 2026 weiter an Tempo. Volkswagen erwartet bis Jahresende 19.000 Abgänge an deutschen Standorten. Gardena streicht 250 Stellen und verlagert Teile der Fertigung nach Tschechien. JUWI baut außerdem 280 Arbeitsplätze ab. Zeiss plant ein Sparprogramm, nennt jedoch noch keine Stellenzahl. Davon getrennt prüft Carl Zeiss Meditec weltweit bis zu 1.000 Stellen. Diese Meldungen bilden jedoch nur den jüngsten Ausschnitt einer langen Abbauwelle. Bereits zuvor verschwanden Tausende Arbeitsplätze, während weitere Kürzungen folgen dürften. Die Bundesregierung kündigt seit ihrem Amtsantritt Reformen an, doch bislang produziert sie vor allem Termine, Gipfel und Ausreden statt einer wirksamen Trendwende. Auch der jüngste Wirtschaftsgipfel endete erneut ohne verbindliches Ergebnis.


Merz erklärt seinen ausbleibenden Erfolg mit dem Wohlstand

Friedrich Merz räumt ein, dass die Reformen seiner Regierung vielen zu langsam vorankommen. Beim Tag der Familienunternehmen sagte er: „Eine wohlhabende Gesellschaft zu verändern, ist viel schwieriger, als ein Land nach Krieg und Zerstörung wieder aufzubauen.“ Mit diesem Vergleich begründet Merz seinen bislang ausbleibenden Erfolg. Nicht die fehlende Durchsetzungskraft der Regierung erscheint als Ursache. Stattdessen macht der Kanzler den Wohlstand selbst zum Hindernis.

Die Deindustrialisierung beschleunigt sich, während die Regierung Reformen verspricht, Gipfel inszeniert und wirksame Entscheidungen vertagt
Die Deindustrialisierung beschleunigt sich, während die Regierung Reformen verspricht, Gipfel inszeniert und wirksame Entscheidungen vertagt
Bild: Odd ANDERSEN / AFP

Diese Erklärung stellt die politische Verantwortung auf den Kopf. Ein vom Krieg zerstörtes Land kämpft mit Toten, Hunger und vernichteter Infrastruktur. Deutschland besitzt dagegen funktionierende Institutionen, hohe Steuereinnahmen und eine parlamentarische Mehrheit für Reformen. Die Regierung müsste diese Voraussetzungen nutzen. Merz beschreibt jedoch vor allem, warum Veränderungen schwierig seien. Genau diese Schwierigkeiten zu überwinden, gehört allerdings zu seiner ureigensten Aufgabe.

Die Regierung belehrt Bürger und Unternehmer

Merz verlangt mehr Arbeit und kritisiert die Work-Life-Balance. Außerdem beklagt er hohe Krankentage. Damit lenkt der Kanzler die Debatte auf das Verhalten der Beschäftigten. Hohe Energiepreise, steigende Sozialabgaben und langsame Genehmigungen entstehen jedoch nicht durch Freizeitwünsche. Die Regierung verschiebt damit Verantwortung auf jene, welche die Folgen ihrer Politik tragen.

Auch Unternehmer erhielten zuletzt bemerkenswerte Ratschläge. Merz forderte mehr öffentliche Unterstützung für seinen Kurs. Dabei verwies er auf Menschen, die er sonntags auf Golfplätzen treffe, aber nicht in politischen Talkshows sehe. Viele Firmen kämpfen jedoch mit Kosten, Regulierung und schwacher Nachfrage. Sie benötigen keine Kommunikationsbelehrung aus dem Kanzleramt. Sie brauchen Bedingungen, unter denen Investitionen in Deutschland wieder rentabel werden.

Die Deindustrialisierung reicht weit über aktuelle Meldungen hinaus

Die jüngsten Abbauprogramme stehen nicht isoliert. Seit Jahren schließen Unternehmen Werke, reduzieren Schichten oder verlagern Produktion ins Ausland. Zugleich halten sich Investoren mit neuen Projekten zurück. Weitere Stellenverluste sind deshalb wahrscheinlich, solange sich Energiepreise, Abgaben und regulatorische Lasten nicht grundlegend ändern. Deutschland verliert damit schrittweise industrielle Substanz.

Die Folgen reichen weit über einzelne Belegschaften hinaus. Mit jedem abgebauten Standort sinken Kaufkraft, Steuereinnahmen und regionale Wertschöpfung. Außerdem gehen Fachwissen, Lieferketten und technologische Fähigkeiten verloren. Einmal verlagerte Produktion kehrt nur selten zurück. Deshalb lässt sich der industrielle Niedergang später nicht mit einem Förderprogramm kurzfristig umkehren.


Gipfel ersetzen keine wirksame Wirtschaftspolitik

Auch der jüngste Wirtschaftsgipfel lieferte keine verbindlichen Entscheidungen. Regierung, Arbeitgeber und Gewerkschaften sprachen über Steuern, Sozialabgaben und Bürokratie. Anschließend kündigte Merz weitere Vorschläge und spätere Beschlüsse an. Damit endete erneut ein Gipfel in politischem Aktionismus: neue Termine, neue Ankündigungen, aber keine belastbare Entscheidung.

Die Regierung trägt die Verantwortung für Energiepolitik, Abgaben, Regulierung und Infrastruktur. Genau diese Standortbedingungen treiben Unternehmen aus Deutschland oder verhindern neue Investitionen. Trotzdem fehlen Maßnahmen mit schneller und messbarer Wirkung. Berlin reagiert mit Gipfeln, Ankündigungen und neuen Fristen. Während die Politik ihren Aktionismus als Reformkurs verkauft, bauen Unternehmen Stellen ab und verlagern dauerhaft Produktion.

Die Regierung wird selbst zum Standortnachteil

Die Deindustrialisierung entsteht aus vielen Kürzungen, Verlagerungen und unterlassenen Investitionen. Doch politische Untätigkeit verstärkt diesen Prozess. Wer Probleme kennt, Mehrheiten besitzt und trotzdem keine wirksame Lösung durchsetzt, kann sich nicht dauerhaft auf schwierige Rahmenbedingungen berufen. Merz erklärt den Stillstand, obwohl er ihn beenden müsste.

Deutschland braucht keine weiteren Beschwörungen des Wachstums. Es braucht niedrigere Standortkosten, verlässliche Energiepreise und schnellere Genehmigungen. Außerdem muss die Regierung ihre Reformversprechen endlich in konkrete Beschlüsse übersetzen. Bleibt sie im Ankündigungsmodus, begleitet sie den industriellen Abstieg nicht nur, dann wird ihr eigenes Unvermögen zu einem zusätzlichen Standortnachteil.

Verfasser: Blackout News – Klaus Bastian (KOB)
Verwendete Quellen: FAZ (09.06.26)Spiegel (11.06.26)Manager-Magazin (12.06.26)Reuters (11.06.26)Heidenheimer Zeitung (10.06.26)Der Bundeskanzler (11.06.26)JUWI (09.06.26)

Lesen Sie auch:

Nach oben scrollen