Deutschlands Stromnetze geraten durch eine beispiellose Antragsflut für neue Energieanlagen zunehmend an ihre Grenzen. Allein 2025 gingen bundesweit 18.158 Anträge für Netzanschlüsse von Batteriespeichern ein. Die beantragte Leistung erreichte 573,5 Gigawatt. Viele dieser Vorhaben werden voraussichtlich nie realisiert, weil Projektentwickler häufig mehrere Standorte gleichzeitig anmelden. E.ON-Chef Leonhard Birnbaum und 50Hertz-Chef Stefan Kapferer warnen deshalb vor einer gefährlichen Fehlentwicklung der Energiewende. Während Unternehmen um knappe Anschlusskapazitäten konkurrieren, drohen unnötige Netzinvestitionen, verzögerte Industrieprojekte und zusätzliche Kosten für Stromkunden.

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Tausende Netzanschlüsse beantragt – nur ein Bruchteil erhält Zusage
Die Zahlen der Bundesnetzagentur zeigen das Ausmaß der Entwicklung. Von 17.775 Speicheranträgen in den regionalen Verteilernetzen erhielten 2025 zunächst lediglich 1.429 eine Anschlusszusage. Das entspricht rund acht Prozent. Im überregionalen Übertragungsnetz lag der Anteil bei etwa zehn Prozent. Allerdings bedeuten fehlende Zusagen nicht zwangsläufig endgültige Ablehnungen. Viele Anträge befinden sich noch in Bearbeitung oder betreffen alternative Standorte desselben Projekts.
Besonders problematisch ist deshalb die fehlende Verbindlichkeit zahlreicher Anmeldungen. Projektentwickler beantragen Anschlüsse für mehrere mögliche Standorte, obwohl sie anschließend nur einen davon verwirklichen können. Dadurch entsteht ein künstlich aufgeblähter Bedarf an Netzkapazitäten. Die Netzbetreiber müssen dennoch jeden Antrag prüfen und mögliche Anschlusslösungen bewerten. Gleichzeitig können wenig ausgereifte Projekte die Vergabe knapper Kapazitäten erschweren.
Netzbetreiber warnen vor teurem Ausbau für Anlagen, die nie entstehen
Wie drastisch sich die Situation verschärft hat, zeigt das Beispiel Mitnetz Strom. Der ostdeutsche Netzbetreiber erhielt allein bis Mitte September 2026 mehr als 10.000 Anträge für Batteriespeicher. Knapp 650 größere Projekte vereinten dabei rund 97 Prozent der angemeldeten Leistung auf sich. Geschäftsführer Lutz Eckenroth spricht von einer regelrechten Goldgräberstimmung. Denn Projektentwickler versuchen teilweise sogar, wirtschaftliche Vorteile durch den Weiterverkauf von Anschlussrechten zu erzielen.
E.ON-Chef Birnbaum und 50Hertz-Chef Kapferer warnen ebenfalls vor den finanziellen Folgen dieser Entwicklung. Stromleitungen, Transformatoren und Umspannwerke müssen auf den langfristig erwarteten Bedarf ausgelegt werden. Wenn jedoch beantragte Anlagen später nicht entstehen, können vorbereitete Netzinvestitionen überflüssig oder überdimensioniert sein. Die Finanzierung solcher Infrastruktur erfolgt über regulierte Netzentgelte. Deshalb können Fehlplanungen langfristig auch private Haushalte und Unternehmen belasten.
Netzanschlüsse fehlen auch für Industrie und Rechenzentren
Die Konkurrenz um verfügbare Stromanschlüsse betrifft längst nicht mehr nur Windkraftanlagen, Solarparks und Batteriespeicher. Auch Industrieunternehmen, Rechenzentren und neue Gewerbestandorte benötigen teilweise erhebliche elektrische Anschlussleistungen. Allerdings lassen sich zusätzliche Leitungen und Umspannwerke nicht kurzfristig errichten. Neue Großprojekte können deshalb jahrelang auf ausreichende Kapazitäten angewiesen bleiben. Das gefährdet Investitionen und schwächt die Attraktivität betroffener Industriestandorte.
Besonders widersprüchlich ist die Situation bei den Batteriespeichern. Einerseits sollen sie überschüssigen Wind- und Solarstrom aufnehmen und bei hoher Nachfrage wieder abgeben. Andererseits benötigen sie selbst leistungsfähige Netzanschlüsse und konkurrieren damit um begrenzte Kapazitäten. Zudem entscheidet nicht allein die Anzahl der Speicher über ihren Nutzen. Entscheidend sind ihr Standort, ihre Betriebsweise und die tatsächlich verfügbaren Netzkapazitäten.
Bundesregierung ändert Vergaberegeln – Spekulation soll eingedämmt werden
Die Bundesregierung will deshalb die Vergabe von Netzanschlüssen grundlegend verändern. Der Bundestag befasste sich am 7. Oktober mit dem entsprechenden Netzanschlusspaket. Künftig sollen besser vorbereitete Projekte Vorrang erhalten, statt ausschließlich die Reihenfolge der Anträge zu berücksichtigen. Auch Netzbetreiber stellen ihre Verfahren bereits um. Bei Netze BW beginnt am 1. November ein neues Auswahlverfahren, das insbesondere den Planungsfortschritt und die Standortbindung berücksichtigt.
Damit lässt sich die Antragsflut zwar besser steuern, doch zusätzliche Netzkapazitäten entstehen dadurch nicht automatisch. Gleichzeitig bleibt die zentrale Kostenfrage ungelöst. Wer trägt die Ausgaben, wenn Infrastruktur für Projekte geplant wird, die später niemand baut? Und wer bezahlt zusätzliche Netzinvestitionen, die wegen unzureichender Abstimmung von Erzeugungsanlagen und Stromverbrauchern notwendig werden? Die Energiewende benötigt deshalb nicht möglichst viele Anschlussanträge, sondern tatsächlich realisierbare Projekte und einen wirtschaftlich abgestimmten Netzausbau. Andernfalls drohen weitere Kostensteigerungen, obwohl ein erheblicher Teil der angemeldeten Anlagen nie entsteht.
Verfasser: Blackout News
Verwendete Quellen: Welt (09.10.26) – Deutscher Bundetag (07.10.26) – t-online (01.10.26) – IHK (22.09.26)
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