Die Hitzewelle Ende Juni 2026 hat eine zentrale Schwäche der deutschen Energiepolitik offengelegt: Stromimporte funktionieren nur, solange Nachbarländer tatsächlich Überschüsse haben. Deutschland, Belgien, die Niederlande und Dänemark benötigten zeitweise zusätzliche Leistung, während Hitze, schwacher Wind und sinkende Solarleistung am Abend die Lage verschärften. Frankreichs Stromversorgung war dabei nicht brisant, auch wenn mehrere Medien das so darstellen, weil mehrere Kernkraftwerke aufgrund der Temperaturen gedrosselt liefen. Brisant war die deutsche Erwartung, Frankreich könne auch in einer europäischen Hitzewelle zuverlässig zusätzliche Strommengen für alle Nachbarn bereitstellen.
Stromimporte funktionieren nur bei echten Überschüssen
Der politische Satz klingt bequem: Wenn Deutschland zu wenig Strom erzeugt, kommt er eben aus dem Ausland. Doch diese Annahme unterschlägt den entscheidenden Punkt. Ein Nachbarland kann nur liefern, was es nach Deckung des eigenen Bedarfs übrig hat. Stromhandel ist keine Kapazitätsgarantie. Er ersetzt weder eigene Kraftwerke noch gesicherte Leistung für kritische Stunden.

Bild: KI-generiert
Genau diese Grenze wurde während der Hitzewelle sichtbar. In mehreren europäischen Märkten stiegen die kurzfristigen Strompreise sprunghaft. In Deutschland, den Niederlanden, Belgien und Dänemark suchten Käufer gleichzeitig zusätzliche Mengen. Solche Preise entstehen nicht bei Überfluss. Sie zeigen, dass mehrere Länder zur gleichen Zeit auf dieselbe knappe Leistung zugreifen wollten.
Frankreich war stabil, aber nicht Europas Notstromaggregat
Besonders aufschlussreich war die Rolle Frankreichs. Das Land geriet nicht in eine Versorgungskrise. Der französische Netzbetreiber RTE erklärte die Versorgung trotz reduzierter Leistung einzelner EDF-Reaktoren als gesichert. Die Drosselungen erfolgten wegen hoher Flusstemperaturen und Umweltauflagen beim Kühlwasser. Sie waren kein Zeichen eines instabilen französischen Stromsystems.
Gerade deshalb ist der Vorgang für Deutschland so wichtig. Frankreich konnte den eigenen Bedarf decken. Es konnte aber nicht mehr so viel Überschussstrom liefern, wie Deutschland, Belgien, die Niederlande und Dänemark zusätzlich benötigten. Damit zeigte sich nicht Frankreichs Schwäche, sondern Deutschlands Abhängigkeit von fremden Überschüssen. Wer eigene gesicherte Leistung abbaut, darf nicht so tun, als könne der Nachbar in jeder Stresslage einspringen.
Jahresbilanzen verschleiern die kritische Stunde
Auch die offiziellen Handelsdaten beruhigen nur scheinbar. Deutschland importierte 2025 mehr Strom als es exportierte. Im ersten Quartal 2026 drehte sich der Saldo zwar vorübergehend. Doch solche Bilanzen sagen wenig über Versorgungssicherheit aus. Entscheidend ist nicht die Jahres- oder Quartalsrechnung. Entscheidend ist, ob an einem windarmen Abend mit hoher Last genügend Leistung verfügbar ist.
Genau hier liegt der Unterschied zwischen Markt und Sicherheit. Im Normalbetrieb senkt der europäische Stromhandel Kosten und gleicht regionale Unterschiede aus. In einer großräumigen Wetterlage hilft dieser Mechanismus aber nur begrenzt. Wenn ein Hochdruckgebiet wenig Wind bringt, wenn Hitze den Kühlbedarf erhöht und wenn Solarstrom am Abend wegfällt, stehen mehrere Länder vor demselben Problem.
Deutschland plant die Lücke bereits ein
Dass die eigenen Kraftwerke in kritischen Stunden nicht mehr ausreichen, ist längst bekannt. Trotzdem wird die Lücke nicht konsequent durch zusätzliche heimische Reserveleistung geschlossen. Stattdessen kalkuliert Deutschland zunehmend damit, fehlende Kraftwerkskapazität über Stromimporte und ausländische Reservekraftwerke abzusichern. Damit wird der Strom vom Nachbarn nicht mehr nur als Ergänzung des Marktes behandelt, sondern als Ersatz für eigene steuerbare Leistung.
Für den Winter 2026/2027 wurde ein Reservebedarf von mehr als sieben Gigawatt bestätigt. Ein erheblicher Teil davon soll aus ausländischen Reservekraftwerken kommen. Das ist energiepolitisch brisant: Deutschland weiß, dass es in angespannten Situationen zusätzliche Leistung braucht, baut aber weiter auf die Annahme, dass Nachbarländer diese Leistung schon bereitstellen werden.
Krisen treffen oft mehrere Länder gleichzeitig
Genau diese Selbstverständlichkeit ist der gefährliche Denkfehler. Das Problem entsteht nicht nur bei einer Hitzewelle. Auch eine Kältewelle, schwere Stürme, Hochwasser, großflächige Waldbrände, technische Störungen oder andere Naturkatastrophen können die Stromversorgung in mehreren Ländern gleichzeitig belasten. Dann steigt der Bedarf nicht nur in Deutschland, sondern auch bei den Nachbarn.
Der Nachbar liefert nicht, weil Deutschland Strom braucht. Er liefert nur, wenn er selbst genug übrig hat. In einer großräumigen Stresslage ersetzt der europäische Verbund keine fehlenden Kraftwerke. Er verteilt dann nur die Knappheit.
Deutschland behandelt ausländische Überschüsse zunehmend wie eigene Reservekraftwerke. Doch was dem Nachbarn nur in normalen Zeiten übrig bleibt, kann in einer Krise nicht als deutsche Versorgungsgarantie gelten.
Verfasser: Blackout News
Verwendete Quellen: PV-Magazine (23.06.26) – Le Monde (24.06.26) – Reuters (25.06.26) – Bundesnetzagentur (05.01.26) – EuroNews (25.06.26)
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