Indien hat Milliarden in neue Ökostromprojekte, wie Solar- und Windkraftanlagen investiert, doch der Ausbau der Stromnetze hält nicht Schritt. Rund 21 Gigawatt erneuerbare Erzeugungsleistung verfügen deshalb nur über einen vorläufigen Netzzugang. Dahinter stehen Investitionen von rund 8 Milliarden Euro. Massive Netzengpässe zwangen die Betreiber bereits zwischen April und Juni zur Abregelung von 8,13 Milliarden Kilowattstunden Solarstrom. Dadurch entstanden rechnerische Einnahmeausfälle von etwa 190 Millionen Euro. Ohne ausreichenden Netzausbau drohen jährliche Erlösausfälle von rund 750 Millionen Euro. Gleichzeitig leidet das Land unter Stromengpässen.

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Netzengpässe verhindern die Nutzung bereits gebauter Kraftwerke
Indien hat seine erneuerbaren Erzeugungskapazitäten schneller ausgebaut als die notwendige Transportinfrastruktur. Solar- und Windparks entstehen häufig innerhalb von zwölf bis 18 Monaten. Neue Hochspannungsleitungen benötigen dagegen drei bis fünf Jahre. Deshalb können fertige Anlagen ihre Leistung teilweise nicht vollständig einspeisen. Nach einer Untersuchung der Autoren Sushil Jiwarajka und Amitabh Prasad verzögert sich außerdem etwa jedes vierte Übertragungsprojekt.
Besonders deutlich zeigt sich das Missverhältnis im Bundesstaat Rajasthan. Dort stehen rund 23 Gigawatt erneuerbare Erzeugungsleistung einer Übertragungskapazität von lediglich 18,9 Gigawatt gegenüber. Während der sonnenreichen Stunden können deshalb rechnerisch mehr als 4.000 Megawatt nicht vollständig abgeführt werden. Allerdings bedeutet diese Differenz nicht, dass sämtliche Anlagen dauerhaft stillstehen. Entscheidend sind die tatsächlichen Einspeisebedingungen und die verfügbare Netzkapazität.
Milliardeninvestitionen gefährdet – hohe Verluste trotz wachsender Stromnachfrage
Die finanziellen Folgen sind erheblich, denn bereits installierte Kraftwerke können ihre mögliche Produktion nicht vollständig vermarkten. Zwischen April und Juni 2026 summierten sich die Abregelungen bei Solarstrom auf 8.133 Gigawattstunden. Bei einem angenommenen Erlös von rund 2,3 Eurocent je Kilowattstunde entspricht dies etwa 190 Millionen Euro. Bleiben die Einschränkungen bestehen, könnten sich die rechnerischen Einnahmeausfälle auf rund 750 Millionen Euro jährlich erhöhen. Dabei sind zusätzliche Finanzierungskosten noch nicht berücksichtigt.
Besonders problematisch ist die Entwicklung angesichts wachsender Versorgungsprobleme. Nach einer aktuellen Untersuchung des Centre for Research on Energy and Clean Air gingen auch im Juli und August rund 1,8 Milliarden Kilowattstunden erneuerbarer Strom durch Abregelungen verloren. Gleichzeitig meldete Indien im September eine Stromunterdeckung von 560 Millionen Kilowattstunden. Deshalb müssen die Betreiber weiterhin auf Kohlekraftwerke zurückgreifen, obwohl tagsüber bereits große Mengen Solarstrom ungenutzt bleiben. Allerdings können zusätzliche Leitungen allein die Versorgung in den Abend- und Nachtstunden nicht sichern.
Netzausbau kommt zu spät – weitere Investitionen gefährdet
Die Netzengpässe gefährden zunehmend auch die Wirtschaftlichkeit neuer Projekte. Indien verfügte Ende März 2026 über rund 533 Gigawatt installierte Kraftwerksleistung, davon 283,46 Gigawatt aus nichtfossilen Quellen. Bereits im Juni 2025 hatte das Land die Marke von 50 Prozent nichtfossiler Leistung überschritten. Diese installierte Kapazität garantiert jedoch keine entsprechende Stromversorgung. Denn entscheidend ist, ob die Anlagen bei Bedarf tatsächlich Strom liefern und die Netze ihn transportieren können.
Die Probleme reichen inzwischen über einzelne Solarparks hinaus. Branchenanalysen warnen deshalb davor, dass unzureichende Netzkapazitäten die Finanzierung weiterer Projekte erschweren könnten. Gleichzeitig könnten Projektentwickler künftige Einnahmeausfälle in ihre Strompreisangebote einkalkulieren. Damit würden die Folgen mangelhafter Infrastrukturplanung letztlich auch die Stromabnehmer erreichen.
Indien muss Stromnetzplanung grundlegend ändern
Ein neues Konzept sieht deshalb vor, die Ausschreibung erneuerbarer Kraftwerke enger mit dem Netzausbau abzustimmen. Außerdem sollen Betreiber Entschädigungen erhalten, wenn fehlende Übertragungskapazitäten ihre Einspeisung verhindern. Vorgesehen sind auch transparentere Informationen über freie Netzkapazitäten und einheitlichere Stromlieferverträge. Große Stromverbraucher wie Rechenzentren und Wasserstoffanlagen könnten zudem gezielt in der Nähe leistungsstarker Erzeugungsstandorte entstehen.
Indien hat inzwischen weitere Netzprojekte auf den Weg gebracht. So meldete der Netzbetreiber Powergrid im Oktober die Inbetriebnahme eines Übertragungsprojekts zur Integration von bis zu 20 Gigawatt erneuerbarer Leistung in Rajasthan. Allerdings beseitigt ein einzelnes Projekt nicht sämtliche regionalen Engpässe. Zugleich hält die indische Regierung wegen des steigenden Strombedarfs zusätzliche Kohlekraftwerkskapazitäten für notwendig. Der Fall verdeutlicht damit ein grundlegendes Problem des bisherigen Ausbaus. Neue Erzeugungsanlagen sichern allein noch keine zuverlässige Stromversorgung, solange Netze, Speicher und steuerbare Kraftwerke nicht ausreichend mitwachsen.
Verfasser: Blackout News
Verwendete Quellen: Financial Express (13.10.26) – Reuters (12.10.26) – Mercomindia (12.10.26)
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