Zwei Professoren aus dem Bereich der Energiewirtschaft fordern ein Moratorium für den weiteren Ausbau von Windkraft und Photovoltaik. Zugleich verlangen sie, weitere Kraftwerksabschaltungen auszusetzen, bis Netze, Speicher und steuerbare Ersatzleistung tatsächlich bereitstehen. Sie warnen vor höheren Systemkosten, wachsender Importabhängigkeit und Nachteilen für Industrie sowie Stromkunden. Die Debatte gewinnt Gewicht, weil Deutschland im kommenden Winter 7.407 Megawatt Netzreserve benötigt.
Professoren sehen entscheidende Bausteine nicht ausreichend erprobt
Im Interview mit der „Welt“ kritisieren Michael Beckmann und Mario Schenk den bisherigen Kurs der Energiewende. Beckmann leitet den Lehrstuhl für Energieverfahrenstechnik an der Technischen Universität Dresden. Schenk lehrt Hochspannungstechnik und elektrische Anlagen an der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus-Senftenberg. Beide ordnen die Energiewende den Entwicklungsstufen vier bis sechs von insgesamt neun zu. Speicher, Wasserstoff, Netze, Flexibilität und Marktregeln seien noch nicht ausreichend im Zusammenspiel erprobt. Außerdem sehen sie wirtschaftliche Interessen und Förderstrukturen als Treiber politischer Entscheidungen.

Aktuelle Daten zeigen jedoch ein differenziertes Bild. Erneuerbare Energien deckten im ersten Halbjahr 2026 rund 57 Prozent des deutschen Bruttostromverbrauchs. Im gesamten Energiesystem fällt ihr Beitrag deutlich geringer aus. Im Jahr 2025 erreichten sie 23,8 Prozent des Bruttoendenergieverbrauchs. Wärme, Verkehr und Industrie bleiben deshalb wesentlich stärker von fossilen Energieträgern abhängig. Zugleich lag der Day-Ahead-Preis im ersten Quartal 2026 bei durchschnittlich 102,17 Euro je Megawattstunde. Der Markt verzeichnete außerdem 172 Viertelstunden mit negativen Preisen.
Kraftwerksabschaltungen treffen auf hohen Reservebedarf
Schenk fordert wörtlich: „Aus meiner Sicht sollte man die Abschaltung regelbarer, oft abgeschriebener Kraftwerke, sofort stoppen.“ Er hält Kraftwerksabschaltungen ohne verfügbare Ersatzleistung für volkswirtschaftlich falsch. Die Bundesnetzagentur bestätigt für den Winter 2026/2027 einen Netzreservebedarf von 7.407 Megawatt. Davon sollen 4.742 Megawatt deutsche Reservekraftwerke liefern. Weitere 2.665 Megawatt sollen Kraftwerke im benachbarten Ausland bereitstellen.
Die Netzreserve dient jedoch vor allem der Beherrschung regionaler Leitungsengpässe. Sie belegt daher nicht automatisch einen bundesweiten Mangel an Erzeugungsleistung. Dennoch zeigt ihr Umfang, wie stark Netzbetrieb und Kraftwerkspark voneinander abhängen. Systemrelevante Reservekraftwerke dürfen deshalb nicht endgültig schließen. Netzbetreiber rufen sie nur bei Bedarf für den Redispatch ab. Die Kosten für Vorhaltung und Einsatz fließen außerdem in die Netzentgelte ein.
Speicher und neue Kraftwerke entscheiden über die Versorgung
Batteriespeicher können kurzfristige Schwankungen glätten und Regelleistung bereitstellen. Längere Dunkelflauten erfordern jedoch zusätzliche steuerbare Kapazitäten oder andere Langzeitspeicher. Deshalb plant der Bund Ausschreibungen für rund zehn Gigawatt Langzeitkapazitäten im September und Dezember 2026. Weitere zwei Gigawatt sollen im Mai 2027 folgen. Der neue Kapazitätsmarkt soll Kraftwerke, Speicher und flexible Verbraucher für ihre Verfügbarkeit vergüten.
Die Forderung, Kraftwerksabschaltungen an verfügbare Ersatzleistung zu koppeln, benennt deshalb ein reales Koordinationsproblem. Ein pauschaler Ausbaustopp für Windkraft und Solar folgt daraus jedoch nicht zwingend. Deutschland benötigt vielmehr einen abgestimmten Ausbau von Erzeugung, Leitungen, Speichern und steuerbarer Leistung. Entscheidend ist nicht allein die installierte Leistung. Entscheidend bleibt, welche Leistung jederzeit am richtigen Ort verfügbar ist.
Verfasser: Blackout-News
Verwendete Quellen: Welt (17.07.26) – Umweltbundesamt (15.07.26) – Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (10.07.26) – (Bundesnetzagentur (22.05.26) – Bundesnetzagentur (18.05.26)
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