Deutschland investiert Milliarden in den Aufbau eines Wasserstoff-Kernnetzes, obwohl vielerorts sowohl Produzenten als auch Abnehmer fehlen. Die Bundesnetzagentur hat 9040 Kilometer Leitungen mit ursprünglich veranschlagten Investitionen von 18,9 Milliarden Euro genehmigt. Ein erweiterter Ausbauentwurf sieht inzwischen 24,3 Milliarden Euro vor. Private Netzbetreiber errichten die Infrastruktur, während der Bund erhebliche Finanzierungsrisiken übernimmt. Doch weder ausreichende Produktionskapazitäten noch eine wirtschaftlich tragfähige Nachfrage sind bislang gesichert. Besonders widersprüchlich erscheint der Vergleich zum Stromnetz: Dort behindern fehlende Übertragungskapazitäten bereits konkrete Investitionen. Beim Wasserstoff entsteht dagegen eine milliardenschwere Infrastruktur, bevor sich ein funktionierender Markt entwickelt hat.

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Wasserstoff-Kernnetz entsteht auf Grundlage politischer Erwartungen
Die Bundesregierung verfolgt mit dem Wasserstoff-Kernnetz eine ungewöhnliche Investitionsstrategie. Statt bestehende Transportbedürfnisse zu bedienen, soll die Infrastruktur zunächst die Voraussetzungen für einen künftigen Markt schaffen. Rund 60 Prozent der genehmigten Leitungen entstehen durch die Umstellung vorhandener Erdgasleitungen. Die übrigen Abschnitte erfordern Neubauten. Mehr als 500 Kilometer sind bereits in Betrieb, weitere Strecken befinden sich in Vorbereitung. Ob sie künftig wirtschaftlich ausgelastet werden, hängt jedoch von Entwicklungen ab, die bislang nicht gesichert sind.
Die bisherige Nachfrage liefert wenig Anlass für eine optimistische Kalkulation. Bis August reservierten Unternehmen knapp sechs Gigawatt Transportkapazität. Allerdings handelt es sich dabei nicht um verbindliche Transportbuchungen. Die jährliche Reservierungsgebühr beträgt lediglich einen Euro je Kilowatt. Damit erzielen die Betreiber zunächst Einnahmen im mittleren einstelligen Millionenbereich. Für eine Infrastruktur mit Investitionen in zweistelliger Milliardenhöhe ist das keine belastbare wirtschaftliche Grundlage.
Wasserstoffproduktion bleibt weit hinter den Ausbauplänen zurück
Ein wesentlicher Engpass liegt bei der Erzeugung des Energieträgers. Ende März 2026 waren in Deutschland lediglich 181 Megawatt Elektrolyseleistung in Betrieb. Die frühere Bundesregierung hatte dagegen zehn Gigawatt bis 2030 angestrebt. Zwar entstehen zusätzliche Anlagen, doch zwischen Investitionsankündigung und tatsächlicher Produktion liegen häufig mehrere Jahre. Auch geplante Wasserstoffimporte hängen von Produktionskapazitäten im Ausland, Transportwegen und langfristigen Verträgen ab. Ein leistungsfähiges deutsches Leitungsnetz allein garantiert deshalb noch keine ausreichende Versorgung.
Auf der Nachfrageseite erschweren vor allem die Kosten den Markthochlauf. Grüner Wasserstoff kostet derzeit etwa das Zwei- bis Dreifache der fossilen Alternative. Der Raffineriebetreiber Bayernoil sucht trotz reservierter Transportkapazitäten nach verlässlichen Lieferanten. Wacker Chemie benötigt dagegen wirtschaftlich tragbare Bezugspreise. Aurubis verlangt zusätzlich eine unterbrechungsfreie Versorgung seiner Produktionsanlagen. Die Unternehmen stehen damit vor unterschiedlichen Problemen, die neue Pipelines allein nicht lösen können.
Beim Strom fehlen Netzkapazitäten trotz vorhandener Nachfrage
Der Gegensatz zum Stromsektor verdeutlicht die unterschiedlichen Prioritäten beim Infrastrukturausbau. Dort führen begrenzte Netzkapazitäten bereits heute zu wirtschaftlichen Einschränkungen. Betreiber neuer Erzeugungsanlagen und Batteriespeicher müssen teilweise lange auf Anschlüsse warten. Gleichzeitig verursachen Netzengpässe zusätzliche Kosten für Eingriffe in die Stromerzeugung. Auch Industrieunternehmen benötigen leistungsfähigere Netze, um neue Anlagen anzuschließen oder bestehende Prozesse zu elektrifizieren.
Beim Wasserstoff erfolgt der Ausbau dagegen weitgehend im Vorgriff auf erwartete Transportmengen. Dahinter steht die politische Annahme, dass Industrie und Produzenten erst bei vorhandener Infrastruktur investieren. Dieser Ansatz kann einen neuen Markt ermöglichen, verlagert jedoch erhebliche Risiken in die Zukunft. Entscheidend ist deshalb nicht allein die Fertigstellung der Leitungen. Maßgeblich bleibt, ob sich genügend Unternehmen finden, die Wasserstoff dauerhaft zu wirtschaftlich tragbaren Bedingungen produzieren und verwenden.
Bund übernimmt den Großteil möglicher Finanzierungslücken
Für die Finanzierung hat der Bund ein spezielles Amortisationsmodell geschaffen. Die staatliche KfW stellt einen Kreditrahmen von 24 Milliarden Euro zur Verfügung. Daraus lassen sich anfängliche Einnahmedefizite der Netzbetreiber vorfinanzieren. Spätere Netzentgelte sollen die aufgelaufenen Beträge bis 2055 ausgleichen. Bleibt danach eine Finanzierungslücke, trägt der Bund grundsätzlich 76 Prozent. Die Betreiber übernehmen die restlichen 24 Prozent. Der Kreditrahmen ist allerdings nicht mit einer bereits ausgezahlten staatlichen Investitionssumme gleichzusetzen.
Damit hängt die Belastung des Bundeshaushalts wesentlich von der künftigen Netzauslastung ab. Ein langsamer Markthochlauf würde die Rückzahlung erschweren und den Finanzierungsbedarf verlängern. Gleichzeitig könnten niedrige Transportmengen die Kosten je transportierter Einheit erhöhen. Das würde wiederum die Wettbewerbsfähigkeit des Wasserstoffs beeinträchtigen. Die staatliche Risikoübernahme schützt somit die Finanzierung des Netzausbaus, beseitigt aber nicht dessen wirtschaftliche Unsicherheiten.
Milliarden für eine Infrastruktur mit ungewisser Auslastung
Erste Projekte zeigen, dass sich industrielle Wasserstoffversorgung technisch realisieren lässt. So transportiert bereits eine Leitung Wasserstoff aus Lingen zum Chemiepark Marl. BMW bereitet außerdem einen Anschluss seines Leipziger Werks vor, der 2028 in Betrieb gehen soll. EWE plant zusätzliche Elektrolysekapazitäten mit 500 Megawatt Leistung bis 2032. Diese Vorhaben bilden konkrete Ansätze für den Markthochlauf. Ihr Umfang reicht jedoch bislang nicht aus, um die Auslastung des gesamten geplanten Leitungsnetzes abzusichern.
Die Bundesregierung setzt damit erhebliche öffentliche Finanzmittel ein, um einen Markt zu ermöglichen, dessen langfristige Wirtschaftlichkeit noch nicht nachgewiesen ist. Gleichzeitig fehlen im Stromsektor Netzkapazitäten für bereits bestehende und konkret geplante Investitionen. Daraus ergibt sich ein grundlegendes Problem staatlicher Infrastrukturplanung: Während ein vorhandener Markt durch unzureichende Netze gebremst wird, erhält ein erst entstehender Markt eine milliardenschwere finanzielle Absicherung. Ob das Wasserstoff-Kernnetz zu einer wirtschaftlich tragfähigen Infrastruktur wird oder dauerhaft Kosten verursacht, entscheidet sich deshalb nicht auf der Baustelle, sondern bei der Entwicklung von Angebot und Nachfrage.
Verfasser: Blackout News
Verwendete Quellen: Ingenieur (01.10.26) – NDR (12.08.26) – Welt (08.10.26) – Reuters (13.08.26) – BDEW (10.09.26)
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