Wie ein Terroranschlag zum „Stromausfall“ heruntergespielt wird

Am 3. Januar 2026 brannte an einer Kabelbrücke über den Teltowkanal eine zentrale Verbindung der Berliner Stromversorgung und im Südwesten der Stadt fiel bei winterlichen Temperaturen der Strom aus. Bis zu 45.000 Haushalte und tausende Betriebe waren betroffen. Die Ermittler gehen von einem politisch motivierten Brandanschlag aus der linksextremen Szene auf die kritische Infrastruktur aus. Die Generalbundesanwalt stuft die Tat mittlerweile als Terroranschlag ein. Doch die Medien berichten weitgehend von einem Stromausfall und dessen Folgen und kaum über Täter und Hintergründe.


Ein harmloses Etikett lenkt den Blick weg vom Täter

Viele Medien setzen zuerst auf das Wort „Stromausfall“, und damit wirkt das Ereignis wie ein technischer Defekt. Der Begriff zieht Aufmerksamkeit zu Reparaturplänen und technischen Problemen, obwohl ein Terrorangriff die Ursache bildet.

Terroranschlag legt Berlin lahm – doch viele Medien sprechen nur von "Stromausfall". Wie Täter und Motive in den Berichten verschwinden
Terroranschlag legt Berlin lahm – doch viele Medien sprechen nur von „Stromausfall“. Wie Täter und Motive in den Berichten verschwinden

Selbst die offizielle Krisenkommunikation spricht von einer „Störung“. Das Wort passt zur Logik eines Defekts, aber es kaschiert den Kern: Jemand griff kritische Infrastruktur an. Wer diese Wortwahl übernimmt, setzt den Rahmen gleich mit. Vielen Beiträge setzen den Schwerpunkt auf Notunterkünfte, Hotelkosten, warme Räume, Diesel für Aggregate, Cell-Broadcast-Warnungen. Das ist wichtig, aber es ersetzt keine Täterdebatte. Die Frage „Wer tat das – und warum?“ bleibt auffällig oft nur eine Randnotiz.

Warum klingt es so leise, obwohl die Lage so ernst ist?

Bei vielen Lesern entsteht mittlerweile eine heikle Deutung: Redaktionen drücken beim Wort „Terror“ auf die Bremse, weil der Verdacht in Richtung Linksextremismus zeigt. Diese Vermutung speist sich aus dem Kontrast zwischen amtlicher Einordnung und medialer Überschrift.

Währenddessen formulieren ausländische Medien oft direkter „far-left attack“ oder „terror probe“ und rücken die Täterkategorie schneller ins Zentrum. Euronews, Sky News oder CBS beschreiben den Vorgang klar als extremistisch motivierten Anschlag auf das Netz und Reuters zitiert die politische Warnung vor „left-wing terrorism“.

Wenn Spekulation die Tat verdrängt

Doch statt über Täterstrukturen und Schutzkonzepte zu sprechen, wanderte in Deutschland ein Teil der Debatte früh zu einer Russland-Theorie. Der CDU-Politiker Roderich Kiesewetter brachte sie öffentlich sogar mit rechtsradikalen Gruppen ins Spiel , während die Berliner Polizei das zurückwies und laut Berichten von „Fake News“ sprach.

Dennoch hat dieses Ausweichen eine Wirkung: Wer die Debatte auf „Putin“ dreht, diskutiert nicht über linksextreme Strategien, Zielauswahl und Tatlogik. Damit schrumpft die Täterfrage erneut, obwohl gerade sie den politischen Kern beschreibt.


Der Netzbetreiber als Sündenbock

Inzwischen rückt in einigen Berichten auch der Schutz der Anlagen in den Fokus und der Ton kippt schnell in Richtung Betreiber-Verantwortung. Es heißt dann: Trassenverläufe seien öffentlich bekannt und das schaffe Angriffsflächen. Stromnetz Berlin stellt tatsächlich Netzdaten als Open Data bereit und auch das Land Berlin führt entsprechende Datensätze.

Allerdings ersetzt der Hinweis auf Transparenz keine Täteranalyse. In der Praxis wirkt diese Schwerpunktsetzung sogar wie ein Ablenkungsmanöver: Statt über Täter, Motive und Strukturen zu sprechen, rückt plötzlich der Netzbetreiber ins Scheinwerferlicht, als habe er eine Teilschuld, weil Trassenverläufe und Netzdaten auffindbar sind. Damit wird die Verantwortung sprachlich verschoben und der Terrorangriff verliert Schärfe. Verbände wie der BDEW fordern nach dem Angriff zwar eine Neubewertung von Veröffentlichungspflichten und auch internationale Branchenmedien greifen diesen Konflikt auf. Die Debatte bleibt dennoch bequem, weil sie über Regeln, Transparenz und Zuständigkeiten spricht, statt konsequent über die Täter und deren Motive.

Präzise Sprache ist ein Sicherheitsfaktor

Wenn Medien „Stromausfall“ als Hauptlabel setzen, dann verkleinern sie ungewollt die politische Gewalt in den Köpfen. Deshalb wirkt das Herunterspielen für viele nicht neutral, sondern wie eine kulturelle Schere: Bei linksextremen Taten klingt es schneller nach „Störung“, während andere Milieus schneller als „Terror“ laufen.

Damit drängt sich eine unangenehme Leitfrage auf: Wird das Thema in Deutschland auch deshalb kleiner geredet, weil der Verdacht nach links weist? Wenn eine Tat als „Stromausfall“ erzählt wird, statt als Terroranschlag, bleibt die Motivlage unsichtbar. Und ohne Motivlage bleibt politische Verantwortung abstrakt. (KOB)

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