Vattenfall richtet seine Atomstrategie neu aus. Im Zentrum steht die Verlängerung der Laufzeiten der bestehenden Kernkraftwerke in Schweden. Gleichzeitig prüft der Konzern den Einstieg in die SMR-Technologie mit neuen Mini-Reaktoren. Konzernchefin Anna Borg beschreibt das als Weg zu planbarer Erzeugung und stabilen Preisen. Zudem sagt sie: „Neue Kernenergie ist in vielen Ländern im Aufschwung“ (handelsblatt: 15-02.26).
Laufzeitverlängerung als Kern der Strategie
Vattenfall will bestehende Atomkraftwerke in Schweden modernisieren, damit sie rund 20 Jahre länger Strom liefern. Dafür braucht es technische Updates, neue Genehmigungen und klare Investitionspläne. Denn eine verlängerte Laufzeit verschiebt die Strommengen nicht in eine unsichere Zukunft, sondern in die nahe Planungsperspektive. Borg verknüpft das mit dem Anspruch, verlässlich Leistung bereitzustellen und Preisschwankungen zu dämpfen.

Die Modernisierung wirkt aus Sicht des Konzerns wie eine Versicherung gegen volatile Einspeisung. Kernenergie liefert über lange Zeiträume konstant Energie, während Wind und Sonne stark schwanken. Allerdings steigen mit jedem zusätzlichen Betriebsjahr die Anforderungen an Sicherheit, Wartung und Materialprüfungen. Vattenfall muss diese Themen sauber abarbeiten, damit die Laufzeitverlängerung politisch und technisch tragfähig bleibt.
Parallelprüfung neuer Reaktoren auf Basis von SMR
Neben der Verlängerung prüft Vattenfall den Einstieg in eine neue Technologieklasse. Borg spricht von drei bis fünf kleineren Reaktoren auf der Halbinsel Värö südlich von Göteborg. Dabei geht es um „Small Modular Reactors“ (SMRs), also modular aufgebaute Einheiten mit geringerer Leistung pro Modul. Damit rückt Vattenfall nicht nur den Weiterbetrieb, sondern auch einen möglichen Neubaupfad ins Blickfeld.
SMRs sollen den Bau besser kalkulierbar machen, weil Hersteller Komponenten stärker vorfertigen können. Mehrere Module lassen sich an einem Standort schrittweise ergänzen, sodass die Gesamtleistung mit dem Bedarf wachsen kann. Außerdem verbindet Borg damit eine Kostenerwartung und sagt: „Wir gehen davon aus, dass der Bau modularer Reaktoren mit der Zeit zu Kosteneinsparungen führen wird“. Diese Logik setzt jedoch voraus, dass Serienfertigung wirklich startet und Projekte nicht in Einzelfällen stecken bleiben.
Preisstabilität und Systemlogik als Argumentationslinie
Borg stellt die Kernenergie als Gegenpol zu wetterabhängigen Quellen dar. Sie sagt: „Kernenergie liefert Grundlaststrom, der zur Stabilität der Strompreise in Schweden beiträgt“. Während Wind und Solar an guten Tagen Überschüsse erzeugen, brauchen Stromsysteme in schwachen Phasen gesicherte Leistung. Genau dort will Vattenfall mit verlängerten Laufzeiten sofort Wirkung erzielen und mit SMRs perspektivisch ergänzen.
Für Länder mit starkem Wind- und Solar-Ausbau zeigt sich das Problem besonders in Extremsituationen. Bei viel Wind und Sonne entstehen Überschüsse, die Netze und Speicher oft nicht aufnehmen. In dunklen und windarmen Zeiten fehlen dann Mengen, die Importe oder Reservekapazitäten liefern müssen. Damit gewinnt planbarer Grundlaststrom als Systembaustein wieder an Bedeutung, auch wenn die Debatte politisch bleibt.
Zwei Gleise, ein Ziel: Bestand sichern und Optionen öffnen
Die Laufzeitverlängerung liefert Vattenfall kurzfristig Stabilität und vermeidet eine Versorgungslücke. Der SMR-Ansatz schafft zugleich eine Option für neue Kapazität, falls Politik, Zulieferer und Finanzierung zusammenpassen. Zudem kann der Konzern mit der Parallelprüfung Erfahrungen sammeln, ohne sofort auf ein einzelnes Großprojekt zu setzen. Vattenfall kombiniert damit Bestandspflege und Technologie-Einstieg, und genau diese Doppelstrategie prägt Borgs Kurs.
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