Deutschland hat zwischen 2000 und 2024 trotz Rekordausbau bei Windkraft, Solarenergie und weiteren Anlagen weniger Strom erzeugt. Die Kraftwerksleistung stieg rechnerisch um 143 Prozent, während die tatsächliche Stromproduktion um 10 Prozent sank. Auslöser ist die Kombination aus wetterabhängiger Erzeugung und der Abschaltung regelbarer Kraftwerke. Besonders der Atomausstieg und der Rückbau von Kohlekraftwerken verschärfen die Lage. Das zentrale Problem liegt in der Lücke zwischen installierter Leistung und gesicherter Stromerzeugung. Die Folgen treffen Industrie, Stromkunden und das europäische Verbundnetz durch höhere Preise, mehr Importe und sinkende Versorgungssicherheit (nzz: 16.05.26).
Rekordausbau verdeckt die Schwäche im Stromsystem
Deutschland verweist oft auf hohe Anteile erneuerbarer Energien im Strommix. Rund 60 Prozent des Stroms stammen inzwischen aus erneuerbaren Quellen. Diese Quote wirkt stark, jedoch sagt sie wenig über gesicherte Leistung aus.

Denn Windräder und Solaranlagen liefern nicht jederzeit Strom. Sie hängen von Wetter, Tageszeit und Jahreszeit ab. Deshalb wächst die installierte Leistung deutlich schneller als die reale Stromerzeugung.
Atomausstieg und Kohlerückbau vergrößern die Stromlücke
Außerdem schaltete Deutschland viele regelbare Kraftwerke ab. Diese Anlagen konnten Strom unabhängig von Sonne und Wind liefern. Dadurch verlor das System einen großen Teil planbarer Erzeugung.
Der Atomausstieg veränderte die Bilanz besonders stark. 2010 lieferte Kernenergie noch etwa ein Viertel des deutschen Stroms. Danach verschwand diese gesicherte Leistung schrittweise aus dem Netz.
Andere Länder erzielen bessere Ergebnisse
Außerdem legte Deutschland mehr Kohlekraftwerkskapazität still als jedes andere europäische Land. Klimapolitisch senkt das Emissionen im Inland. Versorgungstechnisch fehlt jedoch Leistung in windarmen und dunklen Stunden.
Der Vergleich mit Europa zeigt deshalb die Sonderrolle Deutschlands. Spanien baute seine Kraftwerksleistung ebenfalls stark aus. Dort stieg die Stromerzeugung jedoch um rund 30 Prozent.
Rekordausbau ohne gesicherte Leistung bleibt problematisch
Auch die Niederlande erhöhten ihre Kapazitäten deutlich. Dabei erzeugten sie rund 40 Prozent mehr Strom. Deutschland steht deshalb mit seinem Rückgang besonders auffällig da.
Die deutsche Förderlogik verstärkte das Problem zusätzlich. Betreiber mussten lange kaum beachten, ob ein Standort besonders ertragreich war. Der Staat glich Nachteile jedoch über Fördermechanismen aus.
Stromimporte ersetzen heimische Erzeugung nur teilweise
Dadurch entstanden Anlagen auch dort, wo Wind oder Sonne weniger Strom liefern. Der Rekordausbau verbessert zwar die Statistik der installierten Leistung. Er erhöht jedoch nicht automatisch die reale Stromversorgung.
Deutschland importiert deshalb inzwischen mehr Strom aus Nachbarländern. Besonders französische Kernkraft und skandinavische Wasserkraft helfen in schwachen Erneuerbaren-Phasen. Doch diese Lösung hat enge Grenzen.
Sinkender Verbrauch zeigt wirtschaftliche Schwäche
Deutschland braucht Importstrom oft genau dann, wenn Strom auch anderswo knapp ist. Das treibt Preise und schafft politische Konflikte. Außerdem eignet sich dieses Modell nicht als europäisches Vorbild.
Deutschland verbraucht außerdem weniger Strom. Das klingt zunächst nach Effizienzgewinn. Tatsächlich zeigt es jedoch auch wirtschaftliche Schwäche, weil energieintensive Unternehmen Produktion verlagern oder Standorte aufgeben. Der Rekordausbau der Erneuerbaren ersetzt deshalb keine Strategie für gesicherte Leistung.
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