Energiewende überholt die Technik – politische Ziele wachsen schneller als das System

Deutschland hat seine Energieversorgung seit dem Jahr 2000 mit hohem politischem Tempo umgebaut und dabei den Atomausstieg beschlossen, den Kohleausstieg eingeleitet, Wind- und Solarstrom massiv gefördert, neue Stromtrassen geplant sowie Verkehr und Heizen stärker elektrifiziert. Treiber waren Klimapolitik, der Wille zum Ausstieg aus der Kernkraft und immer neue Vorgaben aus Berlin und Brüssel. Das zentrale Problem liegt jedoch in einer Energiewende, die politisch und ideologisch forciert wurde, obwohl die Technik nicht folgen konnte: Netze, Speicher, Reservekraftwerke und gesicherte Leistung wachsen zu langsam. Daraus entstehen hohe Strompreise, milliardenschwere Systemkosten, Entschädigungen für ungenutzten Strom und eine Versorgung, die bei Dunkelflauten weiter von Kohle und Gas abhängt.


Politik setzte Ziele, bevor die Technik liefern konnte

Der Kurswechsel begann mit Rot-Grün. SPD und Grüne vereinbarten den Ausstieg aus der Kernenergie, außerdem schob das EEG im Jahr 2000 den Ausbau von Wind- und Solarstrom mit Vorrang im Netz und festen Vergütungen an. Damit stand früh nicht die technische Reihenfolge im Mittelpunkt, sondern ein politisches Leitbild. Erst fiel die Entscheidung, danach sollte die Infrastruktur folgen.

Deutschlands Energiewende läuft der eigenen Technik davon - Netze, Speicher und Reservekraftwerke kommen nicht schnell genug nach
Deutschlands Energiewende läuft der eigenen Technik davon – Netze, Speicher und Reservekraftwerke kommen nicht schnell genug nach

Beim Atomausstieg änderte sich später zwar der Zeitplan, jedoch nicht die Richtung. Unter Angela Merkel wurden Laufzeiten zunächst verlängert und nach Fukushima wieder verkürzt. Merkel sagte damals: „Die Risiken der Kernkraft sind nicht beherrschbar“. Deshalb endete der reguläre Betrieb früher als zunächst vorgesehen. Die Ampel verlängerte den Betrieb wegen des russischen Angriffs nur noch bis Mitte April 2023.

Immer neue Vorgaben, aber kein tragfähiges Gesamtsystem

Auch über die Kernkraft hinaus verschärfte die Politik den Umbau. Auf den Atomausstieg folgten der beschlossene Kohleausstieg und weitere klimapolitische Vorgaben aus Berlin und Brüssel. 2018 setzte die Bundesregierung eine Kohlekommission ein, 2020 folgte das Gesetz zum Ausstieg aus der Kohleförderung bis 2038. Zudem erklärte die EU die Klimaneutralität bis 2050 zum strategischen Ziel.

Später wurden die Vorgaben noch ehrgeiziger. Robert Habeck legte 2023 fest, dass der deutsche Strommarkt bis 2030 zu 80 Prozent aus erneuerbaren Energien bestehen soll. Der Anteil lag damals wie heute aber nur bei rund 56 Prozent. Auch im Verkehr blieb die Realität weit hinter den politischen Erwartungen zurück. Statt 15 Millionen vollelektrischer Autos bis 2030 fahren 2026 nur rund zwei Millionen E-Autos auf deutschen Straßen.

Technikdefizite machen die Energiewende teuer und instabil

Wind und Sonne liefern inzwischen mehr als die Hälfte des deutschen Stroms. Für den gesamten Energiebedarf reicht das jedoch nur für rund 20 Prozent. Heizen, Verkehr und Industrie hängen also weiter überwiegend an anderen Energieträgern. Vor allem bei Dunkelflauten zeigt sich die Schwäche des Modells, denn dann müssen Gas- und Kohlekraftwerke einspringen. Die Technik für ein stabiles System aus erneuerbaren Energien steht also noch nicht in dem Maß bereit, das die Politik längst voraussetzt.

Veronika Grimm benennt die Lücke klar: „Wir sind vorangekommen bei den Erneuerbaren, aber der Netzausbau und der Ausbau von Flexibilität halten nicht Schritt. Wir brauchen dringend für den Übergang Gaskraftwerke und die sichere Versorgung mit Gas. Wenn wir diese Transformationsphase nicht klug organisieren, dann ist auch das ganze Energiewende-Projekt in Gefahr.“ Genau darin liegt der Konstruktionsfehler. Gesicherte Leistung wurde abgeschaltet, obwohl Ersatz, Speicher und Netzkapazitäten nicht rechtzeitig vorhanden waren. Die Technik sollte eine politische Wunschvorstellung absichern, konnte diese Last aber nicht tragen.


Hohe Strompreise treffen Industrie und Haushalte zugleich

Die Folgen zeigen sich beim Preis besonders deutlich. Nach den genannten Zahlen kostet die Kilowattstunde Strom in China rund 8 Cent, in den USA 16 Cent und in Deutschland 37 Cent. Für einen Industriestandort ist das ein schwerer Nachteil. Peter Adrian sagt deshalb: „Deutschland hat die höchsten Strompreise in Europa. Die Bundesregierung muss hier gegensteuern“. Nach einer Umfrage seiner Kammer planen rund 60 Prozent der großen Industriebetriebe, ihre Produktion einzuschränken oder ins Ausland zu verlagern.

Zugleich wachsen die Kosten des Gesamtsystems weiter an. Die DIHK-Studie „Neue Wege für die Energiewende“ rechnet bis 2050 mit Energiesystemkosten von bis zu 5400 Milliarden Euro. Darin stecken Netzausbau, neue Kraftwerke, Speicher und Subventionen. Katherina Reiche verweist zudem auf jährlich drei Milliarden Euro Entschädigung für erneuerbaren Strom, der wegen überlasteter Netze nicht genutzt werden kann. Das zeigt, wie widersprüchlich der Umbau verläuft: Der Staat fördert Erzeugung, obwohl die passende Infrastruktur vielerorts fehlt.

Netze fehlen, der Bedarf steigt, die Rechnung wächst

Besonders sichtbar wird das beim Leitungsbau. Laut Bundesnetzagentur werden 16.800 Kilometer Stromtrassen benötigt, fertiggestellt waren bis Juni 2025 jedoch nur 3500 Kilometer. Deshalb wird Strom oft dort produziert, wo er nicht gebraucht wird, während an anderer Stelle konventionelle Kraftwerke einspringen müssen. Das ist teuer, ineffizient und Ausdruck einer Energiewende, die politische Vorgaben über physikalische Grenzen gestellt hat.

Gleichzeitig steigt der Strombedarf stark an. Aktuell liegt er bei gut 500 Terawattstunden. Bis 2030 könnte er um bis zu 50 Prozent wachsen, bis 2037 sogar 1000 Terawattstunden erreichen und 2045 bei 1300 Terawattstunden liegen. Wind und Sonne allein können diesen Anstieg nach den vorliegenden Angaben nicht tragen. Reiche formuliert die Kostenfolge so: „Ja, Wind und Sonne schicken keine Rechnung. Das Gesamtsystem aber sehr wohl.“ Laut ihren Angaben summieren sich Netzausbau, Reservekosten und weitere Systemlasten auf 36 Milliarden Euro pro Jahr, also rund 430 Euro pro Kopf. (KOB)

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