Am Sonntag, 22.02.2026, wurde in Ibbenbüren der Schornstein des Steinkohlekraftwerks gesprengt, obwohl Gas knapp ist und LNG-Terminals teils von Eisbrechern freigeschoben werden müssen. Der Abriss betrifft eine Anlage, die bislang 840 Megawatt steuerbare Leistung ins deutsche Stromnetz einspeiste. Deshalb fällt diese regelbare Kapazität jetzt endgültig weg. Der zentrale Risikofaktor liegt im Verlust gesicherter Leistung, während der Strombedarf weiter besteht. Die Folgen reichen von zusätzlichem Ersatzbedarf über hohe Investitionen bis zu weiterem Preisdruck für Betriebe und private Kunden. Zugleich verschärft sich der Streit über die energiepolitische Linie (ntv: 22.02.26).
Sprengung mit 600 Kilo – und die Netzlücke bleibt
Für die Sprengung kamen rund 600 Kilogramm Sprengstoff zum Einsatz. Damit endete nicht nur ein Bauwerk, sondern auch ein Stück gesicherter Stromerzeugung. Das Netz muss die fehlende Leistung trotzdem ausgleichen, deshalb rücken Ersatzkapazitäten sofort in den Mittelpunkt. Als Größenordnung gilt: Für einen rechnerischen Ersatz wären 392 Windräder der 6-Megawatt-Klasse nötig, wenn man eine Verfügbarkeit von 18 Prozent ansetzt. Diese Dimension ist entscheidend, weil schwankende Einspeisung zugleich Reserve, Netzanbindung und Back-up-Leistung verlangt.

Die Investitionskosten für diese Windrad-Menge liegen bei ungefähr vier Milliarden Euro. Außerdem fallen jährlich etwa 300 Millionen Euro für Betrieb, EEG, Netzanbindung und Back-up an. Über 20 Jahre summieren sich Investition, Betriebskosten und Förderkomponenten so auf etwa neun Milliarden Euro, während das Kohlekraftwerk kein Kohlendioxid mehr ausstoßen kann. Bezahlen sollen das Mittelstand, Stromkunden und Steuerzahler, deshalb verteilt sich die Last breit. Für die Industrie liegt der Strompreis bei rund 18 Cent pro Kilowattstunde, wodurch Wettbewerbsnachteile im internationalen Vergleich schneller zementieren.
Medienjubel und Begleitmusik, während verlässliche Leistung verschwindet
Während manche den Abriss als Erfolg verkaufen, entstehen zugleich harte Fakten im Stromnetz. Die Bildzeitung schrieb: „Mit der Sprengung wird ein prägendes Kapitel der Energiegeschichte beendet und macht Platz für erneuerbare Energie“. Die Tagesschau jubelte anlässlich der Sprengung des Kühlturms: „Wieder ein Kohlekraftwerk weniger!“ In einem Video der Abrissfirma läuft flotte Musik, danach ist spontaner Beifall zu hören.
In der Bilanz bleibt: Eine steuerbare Einheit verschwindet in Sekunden, jedoch entsteht Ersatz nicht im selben Tempo. Wind und Sonne liefern Energie, aber sie liefern nicht jederzeit Leistung, deshalb wächst die Bedeutung von Reservekraftwerken und Netzausbau. Genau hier liegt der Systemkonflikt, weil Versorgungssicherheit planbare Kapazitäten verlangt. Der Abriss in Ibbenbüren wird damit zum Symbol, während die Kosten über Jahre nachlaufen.
Ausland baut Kohle aus und senkt damit Kosten
China setzt weiterhin massiv auf Kohlekraft, weil es damit Netzstabilität absichert. 2025 gingen dort rund 85 Gigawatt neue Kohlekraftwerksleistung ans Netz bzw. in den Bau, das entspricht etwa 100 bis 110 Kraftwerken der Ibbenbüren-Klasse in nur einem Jahr. Diese Größenordnung erhöht die steuerbare Reserve, während Deutschland sie abbaut, deshalb vergrößert sich der Abstand bei gesicherter Kapazität. Die chinesische Industrie zahlt rund 9 Cent pro Kilowattstunde, wodurch energieintensive Produktion dort günstiger bleibt.
Auch Indien treibt Kohlepläne voran, weil der Bedarf durch starkes Wirtschaftswachstum steigt. In den ersten zehn Monaten des Finanzjahres 2025/26 bis Januar 2026 gingen dort etwa 8,8 Gigawatt thermische Kapazität ans Netz, nahezu ausschließlich Kohle, was etwa zehn Kraftwerken wie Ibbenbüren entspricht. Der Industriestrompreis liegt in Indien bei etwa 10 Cent pro Kilowattstunde, deshalb bleibt die Kostenbasis dort niedriger. In den USA stoppte oder verschob die Regierung 2025/2026 die Schließung von über 17 Gigawatt Kohlekapazität, wodurch etwa 20 Einheiten der Ibbenbüren-Größe länger am Netz bleiben.
CO₂-Effekt klein – Standortwirkung groß
Die Begründung zielt auf Klimaschutz, jedoch bleibt der globale Effekt begrenzt. Selbst bei vollständiger Abschaltung der deutschen Kohlekraft sinken die weltweiten CO₂-Emissionen maximal um rund 0,5 Prozent. Rechnet man geplante Back-up-Gaskraftwerke hinzu, die mit LNG laufen, bleiben nur noch etwa 0,2 bis 0,4 Prozent Einsparung, deshalb schrumpft der Effekt weiter. CO₂ macht nicht an Landesgrenzen halt, während Produktionsverlagerungen Emissionen zugleich ins Ausland verschieben können.
Deutschland liegt beim Industriestrompreis zwei- bis dreimal über den USA und deutlich über China, wodurch energieintensive Branchen stärker abwandern. Wenn Betriebe gehen, wandert Wertschöpfung mit, deshalb verliert der Standort Substanz. Die Sprengung in Ibbenbüren steht damit nicht nur für Rückbau, sondern auch für eine Kosten- und Sicherheitsdebatte, die jeden weiteren Schritt politisch auflädt.
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