Im rheinischen Braunkohlerevier treibt RWE seit Ende Januar 2026 ein Projekt voran, das weit über ein normales Bauvorhaben hinausgeht. Bei Dormagen soll ein Pumpbauwerk entstehen, das bis zu 18 Kubikmeter Rheinwasser pro Sekunde über eine 45 Kilometer lange Leitung zunächst in den Tagebau Hambach und ab Mitte der 2030er Jahre auch nach Garzweiler transportiert. Hintergrund ist die politisch festgelegte Nachnutzung der Tagebaue als Seenlandschaft, während die Flutung förderfähige Braunkohlevorräte auf lange Sicht unzugänglich machen würde. Die Braunkohle-Reserven im Hambacher Revier würden noch für mindestens 100 Jahre reichen, zugleich könnten moderne Kraftwerke am Standort Neurath noch jahrzehntelang Strom erzeugen. Die Folgen wären deshalb erheblich: strategische Energievorräte gingen verloren, die Kosten liegen bereits bei rund einer Milliarde Euro, Umweltfragen zur Wasserqualität bleiben offen und der Druck auf den Industriestandort Nordrhein-Westfalen dürfte weiter steigen (rwe: 19.03.26).
Politische Entscheidung mit weitreichenden Folgen
Der politische Rahmen für das Vorhaben steht seit mehreren Jahren. Bereits 2021 legte die damalige schwarz-gelbe Landesregierung unter Hendrik Wüst die Leitentscheidung für das Rheinische Revier vor. Darin wurde die spätere Nutzung der Tagebaue als Seen ausdrücklich als Ziel festgeschrieben.

Seit 2022 setzt die schwarz-grüne Koalition diesen Kurs fort. Ende Januar 2026 erteilte die Bezirksregierung Arnsberg die fachrechtliche Genehmigung für den Bau und Betrieb der von RWE Power beantragten Rheinwassertransportleitung. Im Herbst soll jedoch erst entschieden werden, ob Rheinwasser tatsächlich in den Tagebau Hambach eingeleitet werden darf.
Energiereserven und Kraftwerke geraten aus dem Blick
Die Dimension des Projekts ergibt sich vor allem aus den betroffenen Rohstoffen. Im Tagebau Hambach lagern laut Ausgangslage Braunkohlevorräte, die noch mindestens 100 Jahre förderfähig sind. Zugleich wird die mögliche Wertschöpfung dieser Reserven auf rund 1.000 Milliarden Euro beziffert.
Hinzu kommt die vorhandene Kraftwerksstruktur direkt an der Lagerstätte. In Neurath stehen moderne Braunkohlekraftwerke. Die Nähe zu den Tagebauen senkt den Transportaufwand, während die Anlagen noch bis zu 75 Jahre Strom produzieren könnten.
Flutung wirft teure Umweltfragen auf
Auch finanziell ist das Vorhaben bereits schwergewichtig. Schon jetzt kostet das Projekt rund eine Milliarde Euro. Mögliche zusätzliche Ausgaben für Filteranlagen, mit denen das Rheinwasser für die künftigen Seen aufbereitet werden müsste, sind dabei noch nicht eingerechnet.
Genau dort beginnen die offenen Umweltfragen. Im Rheinwasser lassen sich verschiedene Chemikalien nachweisen, darunter auch PFAS, also sogenannte Ewigkeitschemikalien. Trotzdem bestehen bislang keine klar benannten Anforderungen an die Wasserqualität für die geplante Einleitung in die Tagebaue.
Genehmigungslage bleibt an zentraler Stelle ungeklärt
Trotz des Vortriebs im Leitungsbau fehlt bislang die entscheidende Erlaubnis für die eigentliche Flutung. RWE besitzt nach der Ausgangslage noch keine Genehmigung, Rheinwasser in den Tagebau Hambach einzuleiten. Das zugehörige Prüfverfahren soll erst im Herbst beginnen.
Damit bleibt ein auffälliger Widerspruch bestehen. Einerseits läuft ein Infrastrukturprojekt von erheblicher Größenordnung, andererseits sind das „Ob“ und das „Wie“ der Wassereinleitung noch nicht abschließend geklärt. Gerade deshalb wirkt die politische Festlegung auf das Vorhaben deutlich weiter als der aktuelle Genehmigungsstand.
Strukturwandel mit endgültigem Charakter
Befürworter sprechen bereits vom künftigen „Rheinischen Seengebiet“ und werben mit großen Wasserflächen. Doch hinter diesen Bildern steht ein Eingriff, der die energiepolitischen Optionen künftiger Generationen massiv einschränkt. Ein einmal gefluteter Tagebau lässt sich nur mit enormem Aufwand wieder für die Rohstoffgewinnung nutzbar machen.
Deshalb ist der Spatenstich mehr als ein technischer Startschuss. Er markiert eine politische Richtungsentscheidung, mit der das Kapitel Braunkohle im Rheinischen Revier dauerhaft geschlossen werden soll. Während hohe Strompreise Unternehmen treffen, der Industriestandort an Substanz verliert und sichere Energie wieder zur Kernfrage wird, reicht die Tragweite dieses Schritts weit über Nordrhein-Westfalen hinaus.
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