Der Rückzug vieler Autobauer vom reinen Elektroauto-Kurs nimmt weltweit Fahrt auf. Mehr als ein Dutzend Hersteller schwächen ihre Elektroziele ab, verschieben Modellstarts oder verlängern den Einsatz von Plug-in-Hybriden und Verbrennern. Betroffen sind neben Honda, Mercedes-Benz, Ford, Stellantis und Volvo Cars auch mehrere Luxusmarken wie Rolls-Royce, Bentley, Lotus, Audi, Porsche, Lamborghini und Ferrari. Auslöser sind eine anhaltende Nachfrage nach Benzinmotoren, geänderte politische Rahmenbedingungen in den USA und Europa sowie hohe Kosten aus bereits angelaufenen Elektroprogrammen. Besonders im Luxussegment gilt der fehlende Motorsound als entscheidender Risikofaktor, während die Folgen bereits sichtbar sind: gestoppte Projekte, verschobene Zeitpläne und milliardenschwere Belastungen (ft: 25.03.26).
Rückzug vom Elektroauto fällt im Luxussegment besonders hart aus
Vor allem im oberen Preissegment weichen die Hersteller von ihren früheren Zielen für Elektroautos ab. Rolls-Royce kündigte an, auch nach 2030 weiter Fahrzeuge mit Benzinmotor anzubieten, obwohl die Marke mit dem Spectre schon 2023 eines der ersten vollelektrischen Luxusautos eingeführt hatte. Zugleich betonte Firmenchef Chris Brownridge, dass Rolls-Royce an weiteren Elektro-Modellen festhalten will, jedoch die klassische V12-Technik weiter im Programm bleibt. Bentley ging ebenfalls zurück und will Plug-in-Hybride nun über 2035 hinaus verkaufen, während das erste vollelektrische Modell der Marke mit zwei Jahren Verzögerung kommt.

Auch Lamborghini, Audi, Porsche und Lotus haben ihre Pläne erkennbar abgeschwächt. Lamborghini verabschiedete sich vom Plan, den Lanzador bis 2030 als reines Elektroauto auf den Markt zu bringen. Stattdessen soll das Modell nun als Plug-in-Hybrid erscheinen. Vorstandschef Stephan Winkelmann begründete den Schritt mit einer steigenden Ablehnung vollelektrischer Fahrzeuge und sagte: „Die Ablehnungsquote bei vollelektrischen Autos steigt.“ Außerdem nannte er Vibration, Lenkgefühl, Bremsverhalten und den fehlenden Motorsound als zentrale Punkte für die Skepsis vieler Kunden.
Mehr als zwölf Hersteller ändern weltweit ihren Kurs
Der Strategiewechsel reicht jedoch weit über exklusive Nischenhersteller hinaus. Honda gab den Plan auf, bis 2040 aus dem Verbrenner auszusteigen, und rechnet wegen des Umbaus seiner Elektrostrategie in den kommenden zwei Jahren mit Belastungen von rund 16 Milliarden Dollar. Mercedes-Benz, Ford, Stellantis und Volvo Cars haben ihre vollelektrischen Ziele ebenfalls reduziert oder nach hinten verschoben. Damit verdichtet sich der Rückzug zu einem breiten Branchentrend, der inzwischen mehrere Marktsegmente gleichzeitig erfasst.
Ferrari geht zwar nicht vollständig auf Distanz zum Elektroauto, passt seine Erwartungen aber ebenfalls an. Der Hersteller halbierte im vergangenen Jahr sein EV-Produktionsziel für 2030 und hält dennoch am ersten Elektro-Modell fest. Zugleich erklärte Firmenchef Benedetto Vigna mehrfach, Ferrari werde seine Kunden nicht dazu zwingen, auf den vertrauten Klang der Benzinmotoren zu verzichten. Deshalb soll auch ein elektrischer Ferrari denselben Fahrreiz liefern wie ein Modell mit Benzin- oder Hybridantrieb. Gerade daran zeigt sich, dass der Rückzug im Luxussegment nicht nur mit Technik, sondern auch mit Markenidentität und Käufererwartungen zusammenhängt.
Politik und Milliardenkosten treiben die Wende
Die Wende hat zudem politische und finanzielle Gründe. Seit dem Amtsantritt von Donald Trump strichen die USA Steueranreize für E-Auto-Käufer, kürzten Ausgaben für Ladeinfrastruktur und lockerten Emissionsziele. Auch in Europa wurden Vorgaben abgeschwächt, weshalb viele Hersteller ihre Planungen neu justieren. Während die Nachfrage nach klassischen Motoren robuster bleibt als erwartet, fällt der Umstieg auf reine Elektroflotten deshalb deutlich langsamer aus.
Hinzu kommen hohe Kosten aus abgesagten oder verschobenen Projekten. Nach Berechnungen der Financial Times haben Änderungen bei EV-Strategien die globale Autoindustrie allein im vergangenen Jahr mindestens 75 Milliarden Dollar gekostet. Dazu zählen gestrichene Modellstarts, gekappte Investitionspläne und neue Ausgaben für Hybridtechnik. Der Rückzug vom harten Elektro-Kurs ist deshalb nicht nur eine technische Korrektur, sondern zugleich eine teure Neuordnung der gesamten Modellpolitik vieler Hersteller.
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