In Deutschland stehen mehr als 28.000 Windkraftanlagen an Land und mit dem Alter vieler Anlagen rollt eine bislang ungelöste Entsorgungswelle auf das Land zu. Viele ältere Windräder verlieren seit 2020 ihre EEG-Förderung. Da neue Anlagen am selben Standort deutlich höhere Erträge bringen, lohnt sich für viele Betreiber eher der Ersatz als der Weiterbetrieb. Genau hier beginnt das Müllproblem, denn beim Rückbau fällt nicht nur massenhaft Material an, sondern vor allem ein schwer verwertbares Bauteil: das Rotorblatt. Für diese Bauteile aus glas- und carbonfaserverstärkten Verbundstoffen fehlen bis heute ein flächendeckendes und wirtschaftliches Recycling. Die Folgen reichen deshalb von teuren Zwischenlösungen über Deponien bis hin zu illegalen Ablagerungen im In- und Ausland. Für Deutschland rechnet der Bundestag auf Basis von UBA-Daten in diesem Jahrzehnt mit bis zu 20.000 Tonnen Rotorblattabfall pro Jahr, in den 2030er-Jahren sogar mit bis zu 50.000 Tonnen.
Rotorblätter alter Windkraftanlagen sind das eigentliche Müllproblem
Die Rotorblätter gelten als größtes Entsorgungsproblem der Windkraft, weil sie aus einem komplexen und fest verklebten Verbundstoffen bestehen. Verbaut werden Kunstharze, Balsaholz sowie Glas- oder Carbonfasern, während der Faserverbundanteil mindestens 70 Prozent des Rotorgewichts ausmacht. Teilweise kommen zudem Metalle, Beschichtungen und sogar Blei als Ausgleichsmasse hinzu. Diese Konstruktion macht die Bauteile leicht und stabil, erschwert jedoch jede saubere Trennung am Ende ihrer Lebensdauer. Genau deshalb beschreibt das Umweltbundesamt alte Rotorblätter als besondere Recycling-Herausforderung, deren Verbleib oft ungeklärt bleibt.

Hinzu kommt die gesundheitliche Seite des Problems. Bei der thermischen Behandlung verschwinden die Verbundstoffe nicht einfach folgenlos, sondern es können je nach Verfahren problematische Emissionen aus Harzen und Beschichtungen entstehen. Noch klarer belegt ist beim Rückbau und Recycling die Gefahr toxikologisch relevanter Fasern und Partikel. Der Bundestag verweist auf UBA-Befunde, wonach bei Zerkleinerungsvorgängen solche Fasern entstehen können und für Carbonfasern bislang nicht einmal Grenzwerte für Emissionen an Arbeitsplätzen oder in die Umwelt vorliegen. Deshalb ist die Verbrennung oder thermische Verwertung kein sauberer Befreiungsschlag, sondern oft nur eine technisch geduldete Notlösung zumal dabei viele toxische Rückstände in der Asche bzw. Schlacke verbleiben.
Illegale Ablagerungen zeigen die Schwäche des Systems
Wo legale Verwertung teuer, technisch schwierig oder regional begrenzt bleibt, steigt das Risiko illegaler Wege. Genau das zeigt der Fall Tschechien. Dort laufen Ermittlungen zu Abfällen aus Deutschland, die offenbar rechtswidrig ins Nachbarland verbracht und dort abgelagert wurden. Solche Vorgänge treffen nicht nur die Entsorgungsbranche, sondern auch die Glaubwürdigkeit der Energiewende. Denn aus einem Recyclingdefizit wird so ein grenzüberschreitendes Umweltproblem.
Auch in den USA ist das Problem längst sichtbar, jedoch dort in noch größerem Maßstab. Neben legalen Deponien mit eingelagerten Rotorblättern gab es zuletzt auch Fälle illegal gelagerter Windradteile. In Texas wurde Anfang 2026 öffentlich, dass an Standorten bei Sweetwater mehr als 3.000 Rotorblätter und Teile unsachgemäß abgelagert wurden. Zudem wurde in Iowa gegen ein Unternehmen vorgegangen, weil Rotorblätter über längere Zeit rechtswidrig gelagert worden sind. Die Bilder solcher Lagerflächen zeigen klar, wohin die Entwicklung führt, wenn Recyclingverfahren fehlen und Kontrollen zu spät greifen. Das Müllproblem der Windkraft steht deshalb nicht im Turm und nicht im Fundament, sondern im Rotorblatt.
Hersteller reagieren spät auf ein lange verdrängtes Problem
Die Branche arbeitet inzwischen an besser recycelbaren Materialien und neuen Verfahren. Hersteller wollen künftig vollständig recycelbare Rotorblätter für neue Windkraftanlagen entwickeln. Das zeigt zwar Bewegung, hilft jedoch den wachsenden Altbeständen kaum. Solange ausgediente Rotorblätter verbrannt, deponiert oder illegal verschoben werden, bleibt eine zentrale Schwachstelle der Windkraft bestehen. Die Energiewende bekommt damit ein Müllproblem, das lange verdrängt wurde und nun mit voller Wucht zurückkehrt. (KOB)
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