Dem Regionalverkehr in Deutschland drohen massive Fahrplankürzungen. Die Verkehrsminister der Länder warnen vor dem Wegfall Tausender Zugverbindungen, weil die Kosten für die Nutzung des Schienennetzes erheblich steigen. Die Deutsche Bahn plant für 2027 eine Erhöhung der Trassenpreise im Nahverkehr um 7,7 Prozent. Zugleich fehlen den Ländern ausreichende Bundesmittel, um die Mehrbelastungen aufzufangen. Schleswig-Holstein hat sein Angebot bereits reduziert. Ohne eine Änderung der Finanzierung drohen weitere Zugausfälle, schlechtere Anschlüsse und Einschränkungen für Millionen Pendler.

Bild: Shutterstock
Regionalverkehr wird durch steigende Trassenpreise immer teurer
Die DB InfraGO verlangt von Eisenbahnunternehmen Gebühren für die Nutzung ihrer Schieneninfrastruktur. Diese Trassenpreise decken unter anderem Kosten für Betrieb und Instandhaltung. Allerdings steigen die Entgelte deutlich schneller als die verfügbaren Mittel vieler Aufgabenträger. Für 2027 beantragt die DB InfraGO deshalb eine durchschnittliche Preissteigerung von 7,9 Prozent über sämtliche Verkehrsarten hinweg. Im Regionalverkehr sollen die Gebühren um 7,7 Prozent steigen. Auch 2028 zeichnet sich eine weitere Kostenbelastung ab.
Die Ursache liegt teilweise in einer Entscheidung des Europäischen Gerichtshofs vom März 2026. Das Gericht erklärte die bisherige deutsche Trassenpreisbremse für den Schienenpersonennahverkehr als unvereinbar mit EU-Recht. Daraufhin musste die Bundesnetzagentur die Entgelte für 2026 neu festsetzen. Die Gebühren für Regionalzüge stiegen gegenüber der ursprünglichen Genehmigung um rund neun Prozent. Dadurch entstehen zusätzliche Belastungen von etwa 400 Millionen Euro. Gleichzeitig wurden der Fernverkehr und der Schienengüterverkehr entlastet.
Erste Zugverbindungen bereits gestrichen – Bayern warnt vor weiteren Einschnitten
Schleswig-Holstein hat bereits Konsequenzen gezogen und sein Schienenverkehrsangebot um 1,5 Prozent reduziert. Landesverkehrsminister Claus Ruhe Madsen fordert deshalb eine grundlegende Reform der Finanzierung. Investitionsbedingte Infrastrukturkosten sollen künftig unmittelbar aus dem Bundeshaushalt fließen. Bislang tragen die Länder einen erheblichen Teil der steigenden Kosten über die bestellten Verkehrsleistungen. Weitere Kürzungen könnten deshalb folgen.
Auch Bayerns Verkehrsminister Christian Bernreiter warnt vor einer Verschärfung der finanziellen Lage. Für 2027 müssten die Länder Kostensteigerungen von etwa acht Prozent bewältigen. Nach 2028 erwartet Bernreiter auch für Bayern erhebliche Schwierigkeiten. Besonders kritisch ist die Entwicklung für ländliche Regionen mit wenigen alternativen Verkehrsangeboten. Fallen Regionalzüge weg, verlängern sich die Wege zur Arbeit, zur Schule und zu wichtigen Versorgungseinrichtungen.
Milliarden fehlen – Bundesregierung lässt Finanzierung offen
Die finanzielle Lücke war bereits vor der jüngsten Gebührenerhöhung bekannt. Eine Bund-Länder-Kommission bezifferte den zusätzlichen Bedarf bis 2031 auf rund 14 Milliarden Euro. Dabei waren die neuen Belastungen durch das Urteil des Europäischen Gerichtshofs noch nicht berücksichtigt. Dennoch fehlt bislang eine dauerhaft tragfähige Finanzierung. Die Länder verlangen deshalb höhere Regionalisierungsmittel und eine Reform des Trassenpreissystems.
Die politische Entwicklung offenbart einen grundlegenden Widerspruch. Während die Bundesregierung mehr Verkehr auf die Schiene verlagern will, verteuert das Finanzierungssystem ausgerechnet den laufenden Bahnbetrieb. Milliardeninvestitionen in die Infrastruktur helfen den Fahrgästen jedoch wenig, wenn anschließend das Geld für Zugbestellungen fehlt. Deshalb reicht es nicht, zusätzliche Schienen zu bauen und Bahnhöfe zu modernisieren. Auch ein verlässlicher Fahrplan muss dauerhaft finanzierbar bleiben.
Pendler zahlen den Preis für ungelöste Finanzierungsprobleme
Die Verkehrsministerkonferenz am 21. und 22. Oktober in Hohenschwangau soll sich erneut mit dem Konflikt befassen. Dabei steht insbesondere die Verantwortung des Bundes für die Finanzierung der Schieneninfrastruktur im Mittelpunkt. Verkehrsverbünde und der Bundesverband SchienenNahverkehr haben zudem rechtliche Schritte gegen die Trassengebühren eingeleitet. Allerdings schafft eine gerichtliche Auseinandersetzung allein noch keine langfristige Finanzierungssicherheit.
Für die Fahrgäste drohen damit konkrete Verschlechterungen. Weniger Zugfahrten bedeuten längere Wartezeiten, schlechtere Umsteigemöglichkeiten und zusätzliche Belastungen im Straßenverkehr. Gerade Pendler außerhalb der Ballungsräume wären von weiteren Kürzungen besonders betroffen. Solange Bund und Länder keine Finanzierungslösung vereinbaren, bleibt selbst die Aufrechterhaltung bestehender Verbindungen unsicher. Die Verkehrspolitik riskiert damit, das eigene Ziel einer stärkeren Nutzung der Bahn zu untergraben.
Verfasser: Blackout News
Verwendete Quellen: Bild (17.10.26) – Welt (18.10.26) – t-online (17.10.26)
Lesen Sie auch:
- Bahn erwägt Streichung von Zugverbindungen wegen marodem Schienennetz
- Baden-Württemberg stoppt Reaktivierung von 11 Bahnstrecken – Millionen fehlen
- Hamburg-Takt – Rot-Grünes Prestigeprojekt wird zum Symbol für politische Fehlplanung
- Bahn-Chefin Palla kündigt weniger Korridorsanierungen pro Jahr an
