Energiekonzerne wollen bereits ersteigerte Flächen für Offshore-Windparks zurückgeben, weil sich die geplanten Anlagen wirtschaftlich nicht mehr rechnen. Bei den Auktionen 2023 und 2024 hatten Investoren milliardenschwere Zahlungsverpflichtungen übernommen und erste Beträge bereits entrichtet. Doch inzwischen machen stark gestiegene Baukosten, verzögerte Netzanschlüsse und unsichere Stromerlöse zahlreiche Projekte unrentabel. Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche will deshalb eine gesetzliche Rückgabemöglichkeit schaffen, damit der Staat die Flächen neu vergeben kann. Betroffen sind potenziell Projekte mit 9,5 Gigawatt Leistung, während der Offshore-Industrie Aufträge und Tausende Arbeitsplätze verloren gehen könnten.

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Milliardenverpflichtungen eingegangen – jetzt lohnt sich der Bau nicht mehr
Noch 2023 lieferten sich BP und TotalEnergies einen regelrechten Bieterwettbewerb um Offshore-Flächen. Beide Konzerne sicherten sich zusammen sieben Gigawatt Leistung und verpflichteten sich zu Zahlungen von insgesamt 12,6 Milliarden Euro. Nach den damaligen Auktionsregeln sollten fünf Prozent der Erlöse dem Meeresschutz und weitere fünf Prozent der Fischerei zugutekommen. Die übrigen 90 Prozent waren dagegen erst ab Fertigstellung der Windparks über 20 Jahre zu zahlen.
Inzwischen sieht die wirtschaftliche Rechnung völlig anders aus. Nach Angaben des Wirtschaftsministeriums stiegen die Investitionskosten innerhalb von drei Jahren um rund 50 Prozent. Gleichzeitig erhöhen verspätete Netzanschlüsse die Unsicherheit und verschieben mögliche Einnahmen. Für die Investoren kann es deshalb günstiger sein, bereits geleistete Zahlungen und Sicherheiten zu verlieren, statt weitere Milliarden in unwirtschaftliche Offshore-Windparks zu investieren.
Staat will Rückgabe der Offshore-Windparks ermöglichen
Das Bundeswirtschaftsministerium plant nun einen einmaligen Ausstieg aus bestimmten Zuschlägen der Jahre 2023 und 2024. Die Regelung soll für Flächen gelten, die der Staat vor der Ausschreibung nicht selbst umfassend untersucht hatte. Insgesamt betrifft das bis zu 9.500 Megawatt geplanter Windkraftleistung. Allerdings müssen die Unternehmen nach den bisherigen Plänen ihre Vertragsstrafen vollständig zahlen und dürfen sich nicht erneut um dieselben Flächen bewerben.
Die Rücknahme löst das wirtschaftliche Problem jedoch nicht. Der Staat kann die Flächen erneut versteigern, aber weder die Baukosten noch die Finanzierungskosten einfach senken. Auch die verspäteten Netzanschlüsse bleiben ein Hindernis. Deshalb ist ungewiss, ob neue Investoren unter den heutigen Bedingungen überhaupt bereit sind, die aufgegebenen Projekte zu übernehmen.
Selbst die bereits gezahlten Beträge verhindern den Rückzug nicht
Besonders deutlich wird die Entwicklung bei TotalEnergies und BP. TotalEnergies möchte mindestens eines seiner Nordseeprojekte nicht weiterverfolgen und drängt auf eine Rückgabemöglichkeit. Das Gemeinschaftsunternehmen Jera Nex BP lässt seine deutschen Nordseeprojekte wegen unsicherer Netzanschlüsse derzeit ruhen. Beide Entwicklungen zeigen, dass selbst milliardenschwere Zuschläge keine Garantie für die Umsetzung bieten.
Dabei handelt es sich nicht um gewöhnliche Verzögerungen einzelner Bauvorhaben. Die Energiekonzerne überprüfen vielmehr die Rentabilität ihrer gesamten Investitionen. Entscheidend sind die künftig erwarteten Erlöse im Verhältnis zu den noch notwendigen Ausgaben. Bereits geleistete Zahlungen ändern daran nichts, weil sie durch den Weiterbau nicht zurückgewonnen werden können.
Kein einziger Bieter mehr für neue Offshore-Flächen
Wie grundlegend sich der Markt verändert hat, zeigte die Ausschreibung im August 2025. Während die Energiekonzerne 2023 noch Milliardenbeträge zusagten, gab zwei Jahre später kein Unternehmen mehr ein Gebot ab. Betroffen waren zwei Nordsee-Flächen mit zusammen 2,5 Gigawatt geplanter Leistung. Deshalb sagte die Bundesregierung die für 2026 vorgesehenen Ausschreibungen ab und verschob die nächsten Auktionen auf 2027.
Die wirtschaftlichen Probleme beschränken sich zudem nicht auf hohe Baukosten. Besonders dicht geplante Windparks entziehen sich gegenseitig Wind, wodurch ihre Stromerträge sinken. In einigen küstennahen Gebieten erwartet das Wirtschaftsministerium deshalb weniger als 3.000 Volllaststunden jährlich. Weiter entfernte Standorte bieten bessere Ertragsaussichten, erfordern jedoch längere Seekabel und zusätzliche Infrastruktur.
Milliardeninvestitionen bleiben aus – Industrie verliert Aufträge
Für die deutsche Offshore-Industrie hat die Entwicklung weitreichende Folgen. Allein 2023 und 2024 erhielten Investoren Zuschläge für rund 16 Gigawatt Leistung, ohne bislang endgültige Investitionsentscheidungen zu treffen. Nach Angaben des Branchenverbands BWO hängen daran Investitionen und Bestellungen von bis zu 50 Milliarden Euro. Solange die Unternehmen ihre Bauentscheidungen aufschieben, fehlen Herstellern und Zulieferern jedoch die entsprechenden Aufträge.
Acht Ministerpräsidenten warnen deshalb vor einem erheblichen Beschäftigungseinbruch. Innerhalb von vier Jahren könnten rund 23.000 der insgesamt 49.000 Arbeitsplätze in der deutschen Offshore-Industrie verloren gehen. Zudem rechnen die Länder mit möglichen Umsatzausfällen von etwa 24 Milliarden Euro. Betroffen wären neben Turbinenherstellern auch Werften, Hafenbetriebe und Unternehmen für Fundamente sowie Netzanbindungen.
Staatliche Ausbauziele ändern nichts an fehlender Rentabilität
Die Bundesregierung will den Offshore-Ausbau durch neue Ausschreibungsregeln wieder wirtschaftlich attraktiver machen. Vorgesehen sind unter anderem längere Betriebszeiten und eine veränderte Absicherung künftiger Stromerlöse. Doch solche Anpassungen können zusätzliche Kosten für das Fördersystem verursachen. Außerdem entstehen durch die erforderlichen Netzanschlüsse weiterhin hohe Ausgaben, die letztlich auch Stromverbraucher belasten.
Der geplante Rückgabemechanismus macht damit ein grundlegendes Problem sichtbar. Unternehmen haben Flächen für Milliardenbeträge ersteigert, doch unter den veränderten Bedingungen wollen sie die geplanten Anlagen teilweise nicht mehr errichten. Der Staat muss deshalb bereits vergebene Flächen erneut auf den Markt bringen, obwohl auch neue Investoren dieselben wirtschaftlichen Schwierigkeiten vorfinden. Entscheidend ist nicht, wie viele Gigawatt die Politik versteigert, sondern ob sich der Bau der Windparks tatsächlich noch rechnet.
Verfasser: Blackout News
Verwendete Quellen: Tagesspiegel (29.10.26) – Frankfurter Allgemeine (27.10.26) – Handelsblatt (27.10.26)
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