Finnlands Windkraft ist in der Kältewelle nicht einfach eingebrochen, sondern vielerorts komplett ausgefallen. Der Hauptgrund heißt Vereisung. Eis setzt sich an Rotorblättern, Sensoren und Anemometern fest und schon eine dünne Schicht macht die Anlagen ineffizient. Betreiber stoppen die Turbinen dann automatisch, weil Unwucht und Eiswurf drohen. Zusätzlich halten sich in den Kernregionen der Windkraft tiefe Nebelwolken auf Blatthöhe, wodurch sich ständig neues Eis bildet. Damit wird aus Winterwetter ein Systemproblem.
Fingrid registriert Absturz der Einspeisung
Der finnische Netzbetreiber Fingrid meldete, dass die Windparks zeitweise nur noch einen winzigen Bruchteil der installierten Leistung liefern. Besonders hart trifft es Westfinnland, weil dort große Teile der Kapazität stehen. Dort sackten die Temperaturen auf etwa minus 20 Grad ab, wobei es in kurzer Zeit zur Vereisung der Rotoren kam. Das Ergebnis wirkt wie ein Totalausfall, weil viele Anlagen gleichzeitig vom Netz gehen.

Das Problem der Vereisung ist nicht theoretisch, sondern physikalisch groß, denn Eis verändert das Profil der Rotorblätter und damit bricht die Aerodynamik ein. Gleichzeitig steigen die Lasten auf Lager und Getriebe durch entstehende Unwucht, weshalb Betreiber aus Schutzgründen abschalten. Und wenn sich das Eis durch Nebel immer neu aufbaut, hilft auch ein kurzer Neustart kaum.
„Nebelwolken auf Rotorhöhe“ treiben die Vereisung weiter
Eine Beraterin des Branchenunternehmens Kjeller Vindteknikk beschreibt die Lage in Finnlands wichtigstem Windstromgebiet so: „In Finnlands wichtigstem Windstromgebiet liegen tiefe Nebelwolken etwa auf Höhe der Rotorblätter und sie lassen ständig neues Eis entstehen.“ Das ist entscheidend, weil Vereisung dann nicht nur bei Schneefall entsteht. Sie wächst auch in ruhigen, kalten Inversionslagen. Damit geraten Windparks in eine Abwärtsspirale, denn selbst wenn einzelne Anlagen wieder anlaufen, frieren sie rasch erneut ein.
Wetterdaten zeigen zudem, dass die Kälte nicht nur ein kurzer Ausreißer ist. Das Europäische Zentrum für mittelfristige Wettervorhersage (ECMWF) erwartet bis mindestens Mitte Februar Temperaturen deutlich unter dem langjährigen Mittel. Im Schnitt könnten die Werte etwa sieben Grad unter der 30-Jahres-Norm liegen, und damit bleibt die Vereisungsgefahr konstant hoch.
Fehlende Blattheizung verschärft den Stillstand
Finnland hat die Windkraft schnell ausgebaut, jedoch fehlen bei vielen Anlagen technische Schutzpakete gegen Eis. Blattheizungen oder Anti-Icing-Systeme sind nicht verpflichtend um einer Vereisung entgegenzuwirken und Betreiber müssen oft nicht zentral melden, ob ihre Turbinen damit ausgerüstet sind. Dadurch wird ein Teil der Flotte in der Kältewelle besonders anfällig. Außerdem steigt der Druck, weil ausgerechnet die Anlagen ohne Heizung zuerst ausfallen.
Hinzu kommt eine zweite Bremse: In weiten Teilen der Nordics war der Wind zuletzt ungewöhnlich schwach. Ein Index von Kjeller Vindteknikk zeigt, dass der Januar im Norden deutlich windärmer war als jeder Januar der letzten 20 Jahre. Damit trifft Finnland eine Doppelbelastung, weil vereiste Rotoren stillstehen und die wenigen laufenden Anlagen in der Flaute kaum Leistung liefern.
Strompreise bleiben hoch, weil Ersatzstrom teuer ist
Wenn die Windkraft in großem Stil wegfällt, müssen andere Kraftwerke und Importe einspringen. Das treibt die Großhandelspreise, weil Reservekapazitäten teurer sind und die Nachfrage in der Kälte steigt. In dieser Woche lagen die Strompreise zeitweise auf einem Zwei-Jahres-Hoch, auch wenn es danach leichte Entspannung gab. Trotzdem bleibt das Niveau angespannt, weil die Kälte weiterläuft und die Windlücke nicht schnell schließt.
Prognosen gehen davon aus, dass Finnlands Windproduktion noch rund zwei Wochen extrem niedrig bleiben kann. Meteorologen erwarten zudem, dass die nordische Windstromerzeugung für Wochen bis zu 20 Prozent unter dem Normalwert liegt. Damit zeigt die Kältewelle in voller Härte, was Vereisung im realen Betrieb bedeutet: nicht weniger Windstrom, sondern stillstehende Turbinen und ein Stromsystem, das in der wichtigsten Verbrauchsphase auf teure Ersatzquellen umschalten muss.
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