Eine Auswertung der Universitätsmedizin Mainz, vorgestellt im April 2026 auf einem Internistenkongress, zeigt auffällige Zunahmen von Herzinsuffizienz und schweren Herzrhythmusstörungen in stark windkraftgeprägten Gemeinden im Kreis Paderborn. Untersucht wurden die Orte Borchen und Lichtenau im Vergleich zu Delbrück und Hövelhof im Zeitraum von 2015 bis 2024. Anlass war die Frage, ob Infraschall als möglicher Risikofaktor mit Herzschäden in Verbindung steht. Die stärker belasteten Gemeinden verfügen über deutlich mehr Windenergieanlagen. Die Analyse zeigt statistische Unterschiede bei Neuerkrankungen (tkp: 02.05.26).
Vergleichsstudie mit klarer Datenbasis
Die Forscher nutzten Abrechnungsdaten der Kassenärztlichen Vereinigung Westfalen-Lippe. Dadurch konnten sie neu diagnostizierte Herzinsuffizienz und relevante Herzrhythmusstörungen systematisch erfassen. Borchen und Lichtenau galten als stärker exponiert, während Delbrück und Hövelhof als Vergleich dienten. Diese Auswahl sollte strukturelle Unterschiede möglichst gering halten.

Zugleich achteten die Autoren auf vergleichbare Altersstrukturen und Rahmenbedingungen. Die Datenauswertung erfolgte retrospektiv und standardisiert. Dadurch sollte die Aussagekraft erhöht werden.
Herzschäden: Auffällige Entwicklung in stark belasteten Regionen
In stärker exponierten Gemeinden traten deutliche Zuwächse bei Herzinsuffizienz auf. Für Borchen lagen die jährlichen Steigerungen zwischen 21 und 51 Prozent. In Lichtenau ergaben sich Werte zwischen 20 und 68 Prozent. Diese Unterschiede erreichten laut Auswertung ein hohes statistisches Signifikanzniveau.
Auch bei schweren Herzrhythmusstörungen ergaben sich signifikante Abweichungen zwischen den Regionen. Die Autoren sehen darin Hinweise auf einen möglichen Zusammenhang mit Umweltfaktoren. Gleichzeitig betonen sie, dass es nicht möglich ist Herzschäden monokausal zu erklären. Weitere Einflussgrößen wie Lebensstil oder Vorerkrankungen bleiben relevant.
Infraschall als möglicher Einflussfaktor
Windkraftanlagen erzeugen Infraschall durch die Rotation ihrer Rotorblätter. Diese Schwingungen liegen unterhalb der Hörschwelle, wirken jedoch physikalisch auf den menschlichen Körper. Frühere Laborstudien der Mainzer Arbeitsgruppe zeigten Veränderungen an Herzmuskelgewebe unter Infraschallbelastung. Dabei wurde eine verringerte Kontraktionskraft beobachtet.
Diese experimentellen Befunde liefern eine mögliche biologische Erklärung für die aktuellen Beobachtungsdaten. Dennoch lassen sich Laborergebnisse nicht direkt auf reale Lebenssituationen übertragen. Deshalb sprechen die Forscher bewusst von Hinweisen und nicht von Beweisen. Der Zusammenhang mit Herzschäden bleibt Gegenstand weiterer Forschung.
Einordnung und offene Fragen
Die Ergebnisse liefern ein Signal, das medizinisch und politisch ernst genommen werden sollte. Gleichzeitig handelt es sich um eine Beobachtungsstudie ohne direkten Ursachennachweis. Deshalb ist eine differenzierte Bewertung notwendig. Wissenschaftlicher Konsens zu gesundheitlichen Effekten von Infraschall besteht bislang nicht.
Weitere Studien mit längeren Beobachtungszeiträumen sind erforderlich. Auch individuelle Belastungswerte müssten genauer erfasst werden. Während der Ausbau der Windenergie voranschreitet, gewinnt die Diskussion über mögliche Herzschäden an Bedeutung. Behörden und Forschungseinrichtungen stehen daher vor der Aufgabe, belastbare Grenzwerte und klare Bewertungsmaßstäbe zu entwickeln.
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